Zico-Interview "Keine Furcht vor hässlichen Gesichtern"
Frage: Senhor Zico, Ihre Mannschaft tritt in der Vorrunde gegen Australien, Kroatien und Brasilien an.
Zico: Der Begriff Globalisierung ist heute sehr in Mode, auch im Fußball. Die WM in Deutschland wird die erste überhaupt sein, bei der es dieses extreme Gleichgewicht zwischen den Formen, wie die meisten qualifizierten Teams Fußball spielen, gibt. In meiner Gruppe wird dies noch klarer als in jeder anderen. Zweifelsohne ist Brasilien der Favorit auf den ersten Platz.
Frage: Sie spekulieren ...
Zico: ... auf den zweiten Platz. Was diesen angeht, werden viele über den heftigen Kampf überrascht sein. Ich weiß, dass Japan großartige, positive Ergebnisse erzielen wird. Mein Plan ist es, mit Japan den zweiten Platz zu erreichen. Wir wollen einen Sieg gegen Australien und ein Unentschieden gegen Kroatien, um entspannt gegen Brasilien antreten zu können. Und ich glaube, dass wir auch gegen Brasilien einen Punkt schaffen können.
Frage: Das ist natürlich ein besonderes Spiel für Sie.
Zico: Brasilien gegen Japan als ich sah, wie Lothar Matthäus bei der Auslosung diesen kleinen Ball in seine Hände nahm und plötzlich klar war, dass wir mit Brasilien in einer Gruppe sind, sahen viele eine Art von Lächeln in meinem Gesicht. Das war aber kein Lächeln. Es war der Moment, in dem mir bewusst wurde, wie stark ich sein muss, weil ich bei einer WM gegen mein Heimatland spiele. Ich habe mich gefragt, wie es mich, meine Freunde, meine Familie, meine Arbeit beeinflussen wird.
Frage: Haben Sie eine Antwort auf Ihre Frage gefunden?
Zico: Es sind starke und gemischte Gefühle. Im Juli 2005 sind wir Brasilien schon einmal beim Confederations Cup in Deutschland begegnet. Die Medien sind weltweit verrückt geworden; sie haben jeden in meinem Umfeld dazu befragt, sogar meine drei Söhne. Brasilien hatte es schwer gegen uns. Bei der WM werde ich meinen Spielern zeigen, dass sie es schaffen können, das großartige Brasilien zu schlagen.
Frage: Viele fragen sich, was Sie mit diesem japanischen Team anstellen, das sich als erste Elf für die WM qualifiziert hat, das den Asien-Cup so deutlich wie noch nie gewonnen hat und das zu den besten 20 Mannschaften der Welt gehört. Haben die Japaner plötzlich gelernt, auf Weltniveau zu spielen?
Zico: Japaner haben ein großes Problem - sie glauben nicht an sich. Und dann gibt es noch kleinere Probleme wie die Tatsache, dass sie sich der Verantwortung nicht stellen, dass sie Konfrontationen aus dem Weg gehen. Sie sind sehr theoretisch und sehen oft die Alternativen nicht. Aber wenn sie all dies überwinden, kann Japan ein Gigant mit dem Ball vor den Füßen sein, das sage ich Ihnen. Sie haben nach viel Schweiß und Arbeit verstanden, dass sie sich nicht an der europäischen Spielweise orientieren, sondern von den Südamerikanern lernen sollten. ob es nun um den Körperbau oder ihren technischen Stil geht - sie sind definitiv nicht europäisch.
Frage: Wie trainieren Sie?
Zico: Wir arbeiten mit ihnen an Dingen, an denen kein anderes Land arbeitet. Zumindest kein WM-Teilnehmer. Meine Spieler sind darauf trainiert, mit dem Schiedsrichter zu sprechen, sich nicht vor hässlichen Gesichtern oder dem rauen Stil einiger Gegner zu fürchten. Sie haben gelernt, wie man damit fertig wird, zurückzuliegen und wieder auf die Füße zu kommen. Ihnen wird sogar beigebracht, wie man auf brasilianische Art geschickt ist. Es gibt ein brasilianisches Wort, Malícia, was geschicktes, gewieftes, einfallsreiches und schnelles Denken bedeutet, das schon zu einem japanischen Wort geworden ist. Entweder man hat es oder man hat ein Problem.
Frage: Glauben Sie, dass der Heimvorteil den Deutschen helfen kann?
Zico: Deutschland war wie Italien, England, Argentinien und Brasilien immer ein Titelfavorit. Das Problem ist nur, dass Mannschaften nicht allein aufgrund ihrer Fußballgeschichte als Favoriten gelten können. Wenn ich ehrlich sein darf, gibt es viele Probleme im deutschen Lager. Vom Trainer bis zum Torhüter ist in Deutschland alles Gegenstand von Diskussionen und Streitigkeiten.
Frage: Sie trauen dem deutschen Team doch nicht so viel zu?
Zico: Andererseits glaube ich ernsthaft, dass Deutschland ein zuverlässiger Kandidat für den Titel ist, vor allem weil die Geschichte lehrt, dass sie zu Hause selten verlieren. Die Stärke Deutschlands ist, dass sie vor ihren eigenen Leuten im eigenen Land spielen. Und wie ich schon sagte: Um eine Weltmeisterschaft zu gewinnen, reicht es nicht aus, der Beste zu sein. Deutschland hat also diesen Vorteil der Heimspiele. Das kann zusammen mit ein paar anderen Faktoren tatsächlich reichen, um Weltmeister zu werden.
Frage: Welche Faktoren meinen Sie?
Zico: Denken Sie beispielsweise an den Stolz, der bei den Deutschen immer sehr stark ausgeprägt ist, die Erfahrung einiger Spieler wie Kahn und Ballack, aber vor allem die unglaubliche Kenntnis Klinsmanns als Trainer. Wenn man dazu noch berücksichtigt, dass die deutschen Medien ihre Mannschaft bei der Weltmeisterschaft nicht mehr länger kritisieren werden und dass es im ganzen Land große Unterstützung gibt, hat man einen wirklich ernst zu nehmenden Anwärter auf den Titel.
Die Fragen stellte Ricardo Setyon