LEICHTATHLETIK Generation Ich
Auch an ihrem wettkampffreien Tag war die zierliche Frau mit dem blonden Haar schon früh im Dienst. Morgens gegen neun marschierte Sina Schielke, 21, zur Pressekonferenz im »Deutschen Haus«, dem VIP-Treff während der Leichtathletik-Europameisterschaften vergangene Woche in München.
Der Anlass war eigentlich nicht so schön. »Durchgefallen«, so hatte nicht nur die »Abendzeitung« geätzt, weil die 100-Meter-Sprinterin aus Dortmund tags zuvor schon im Halbfinale ausgeschieden war.
Doch das war schnell vergessen. »Im linken Bein, im rechten Bein und im Kopf« habe es einfach nicht gestimmt, entschuldigte die Beauty und hauchte ein zartes »Sorry« hinterher. Von da an war das Auditorium nur noch voller Mitgefühl.
»Sina, bekommst du im Athletendorf wenigstens gutes Essen?«
»Sind die Betten groß genug?«
Kein Titel, keine Medaille, kein Rekord - und doch ein Star? Irgendwie scheinen die alten Gesetzmäßigkeiten des Sports außer Kraft.
Nur Rüdiger Nickel, Vizepräsident Leistungssport beim Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV), war seltsam hin- und hergerissen: »Ich freue mich, wenn Athleten eine Persönlichkeit haben und diese auch nach außen darstellen. Was ich bedauere, ist, wenn die Leistung nicht mehr im Vordergrund steht. Das scheint bei Sina Schielke der Fall zu sein.«
Es klang wie ein Rüffel, war aber als solcher nicht gedacht. Denn immerhin stand Schielke bei der EM in München im Zentrum eines Experiments, das der DLV höchstselbst angeschoben hatte.
Zur Bewährungsprobe für die »junge Generation« hatte Präsident Clemens Prokop das Sportfest im Olympiastadion erklärt. Nach dem Prinzip »learning by doing« (Nickel) sollte der Nachwuchs - im Windschatten großer Helden wie Heike Drechsler oder dem wiedergekehrten Dieter Baumann - ein bisschen an Profil gewinnen.
Der Feldversuch schien reichlich überfällig. Denn allmählich kommen die alten Idole ja in die Jahre. Doch dass der Verband 92 Sportler für die EM nominierte, um in jedem Vorlauf irgendeinen Newcomer vorstellen zu können, fand nicht überall Anklang. Wahlweise als »EM-Touristen« oder »Hinterherläufer« verhöhnte die Fachwelt die Neuzugänge und bezichtigte den DLV des »Jugendwahns«.
Das mag auch daran gelegen haben, dass einige der Debütanten ans Werk gingen, als befänden sie sich nur auf einer aufwendig organisierten Fortbildung.
So lautete das Ziel der Hamburger Weitspringerin Bianca Kappler, den Abstand zum Vorbild Heike Drechsler »nicht zu groß« werden zu lassen. 44 Zentimeter lagen am Ende zwischen der Studentin und der Grande Dame der Sandgrube. Kappler schied schon in der Qualifikation aus. Aber egal. »Hat Spaß gemacht«, resümierte sie hinterher und beschloss, den Wettkampf mit TV-Übertragungen zur besten Sendezeit »als Training mitzunehmen«.
Training? Dabei hatte es doch an Leistungsdruck wahrlich nicht gefehlt. Eine »Initialzündung« für die Not leidende Zunft erhoffte sich DLV-Generalsekretär Frank Hensel von der EM im eigenen Land. Denn nie war die Luft für die olympische Kernsportart so dünn wie diesmal. Erst recht, nachdem die deutschen Schwimmer eine Woche zuvor bei den Europameisterschaften in Berlin mit 22 Medaillen mächtig abgeräumt hatten. Es galt also, Boden gutzumachen.
Doch von einem »Stich in der Ehre«, wie ihn der 800-Meter-Olympiasieger Nils Schumann verspürte, redete sonst niemand. Selbst Ingo Schultz, der Shooting-Star aus dem Lager der Neulinge, wollte von einer höheren Bedeutung der Mission nichts wissen. Nach seinem furiosen Sieg im 400-Meter-Finale trat der Bundeswehrsoldat vor die Mikrofone und gab Einblick in die Denke der so genannten jungen Wilden.
»Der Druck war groß - vor allem bei mir selbst.«
»Wenn ich Zweiter geworden wäre, hätte die Enttäuschung überwogen - vor allem bei mir selbst.«
Vor allem bei ihm selbst. Fast klang es so, als wollte Schultz, stellvertretend für die Gesinnungsgenossen, noch einmal ausdrücklich Abschied nehmen von den alten Zeiten, da Sport noch viel mit Ehre und Vaterland zu tun hatte.
Denn der moderne Leichtathlet sieht das in der Regel ein bisschen entspannter. Eine Mischung aus Narzissmus und Hedonismus prägt die designierten Erben von Lars Riedel und Astrid Kumbernuss. »Pragmatisch, ehrgeizig, öffentlichkeitsbewusst«, dies seien die Attribute der Sportjugend im Jahr 2002, glaubt Funktionär Nickel in den Tagen von München erkannt zu haben.
Die Generation Ich.
Zum Selbstverständnis der Total-Individualisten gehört eine Form der Eigenverantwortung, die mit dem Machtverständnis alteingesessener Trainer und Funktionäre nicht so recht in Einklang steht. »Die Jungen lassen sich nicht einfach runtermachen, die haben ihren eigenen Kopf«, sagt Herbert Czingon, Trainer der deutschen Stabhochspringerinnen. Wie beherzt die Athleten ihr Geschäft bisweilen in die Hand nehmen, musste Czingon, eher ein demokratischer Vertreter unter den Sportlehrern, zu Jahresbeginn erleben. Nach nur dreimonatigem Aufenthalt im Leistungszentrum in Mainz, wechselte die Springerin Annika Becker »über Nacht« wieder zu ihrem Heimatverein in Bebra zurück. Sie hatte Heimweh. Diskussion zwecklos.
Geschadet hat der Entschluss der eigenwilligen Athletin mit den roten Haaren indes nicht. Vor wenigen Wochen sprang die 20-Jährige mit 4,77 Metern einen neuen Europarekord; in München schrammte sie an einer Medaille knapp vorbei. Czingon: »Alles, was sie tat, war richtig.«
Vor allem aber in Sachen Public Relations offenbart die neue Generation bislang ungekannte Qualitäten. Nicht nur, dass Starlets wie Schielke und Stabhochspringer Tim Lobinger ihre Fans vor der EM mit ein paar knackigen Fotos überraschten. Auch staunte Funktionär Nickel nicht schlecht, wie erstklassig sich selbst bislang unbekannte Youngster wie die 10 000-Meter-Läuferin Sabrina Mockenhaupt, 21, oder Ralf Bartels, 24, Bronzemedaillengewinner im Kugelstoßen, bei öffentlichen Auftritten des DLV schlugen: »Die sprechen alle in ganzen Sätzen.«
Der Prototyp dieser Fraktion jovialer Eigenvermarkter ist der Stabhochspringer Lars Börgeling, 23. Der amtierende Deutsche Meister lebt in einer Dachgeschosswohnung im Kölner Studentenviertel. Früher versuchte er sich im Zehnkampf, doch das war ihm irgendwann »zu ernst«.
Börgeling geht im Urlaub am liebsten Wellenreiten und macht auch sonst gern Sachen, »die Adrenalin bringen«. Als Kind stieg er in der Turnhalle bis unters Dach und ließ sich dann auf eine weiche Matte fallen. Als »Funsport« bezeichnet er den Stabhochsprung, »Bungee-Jumping, nur umgekehrt«.
Die EM in München empfand Börgeling als tolle Zeit. Einmal kam ein Fotograf vorbei und lichtete ihn beim Rasieren im Bad ab. Börgeling mag solche Bilder abseits der Tartanbahn von sich. Für die ARD drehte er im streng abgeschirmten Athletendorf mit einer Videokamera ein paar Inside-Schnappschüsse. Er will zeigen, dass Sport auch »eine lockere Sache« sein kann. Vor dem Kölner Dom sprang er in diesem Sommer mal im String-Tanga über die Latte.
Leuten wie Börgeling, glaubt Rüdiger Nickel, gehört die Zukunft. Denn den modernen Sportprofi zeichne nicht nur die Bereitschaft zur Leistung, sondern auch die Fähigkeit zur »Selbstvermarktung und Selbstdarstellung« aus.
Dass das eine wichtige Begabung sein kann, musste zuletzt der Hochspringer Martin Buß, immerhin Weltmeister seiner Disziplin, erkennen. Der wortkarge Berliner gilt unter Vermarktern als schwer vermittelbar. Von ähnlichem Schlag ist die Siebenkämpferin Sabine Braun, die in ihrer langen Karriere zwar fünf EM- oder WM-Medaillen sammelte, aber ob ihrer spröden Art nie ein Star wurde.
Europameister Ingo Schultz hingegen hat nichts dagegen, öffentlich bewundert zu werden. Der »Süddeutschen Zeitung« gestand der 2,01-Meter-Mann, »gerne groß« zu sein. »Es gibt viele, die groß sind und immer ein bisschen gebückt gehen. Die wollen nicht auffallen. Ich bin anders.«
Stabhochsprung-Kollege Börgeling sieht sich als Unterhaltungskünstler, der dem Publikum »eine gute Show« bieten will. Renommierte Manager halten deshalb große Stücke auf den Sportstudenten. »Der ist intelligent, kann reden und kommt natürlich rüber«, urteilt Frank Ubben von der Agentur Köster + Co aus Hamburg. »Lars Börgeling ist auf dem Weg nach oben.«
Doch jeder mediale Aufstieg ist abhängig vom sportlichen Erfolg. Auch davon weiß Ubben einiges zu erzählen. Die Agentur, für die er arbeitet, zählt auch Sina Schielke zu ihren Klienten. Bislang verlief deren Entwicklung mehr als zufrieden stellend. Doch die Europameisterschaften, als Katalysator der Karriere eingeplant, gerieten zum Durchhänger.
Nach dem verpassten EM-Finale sagte der Manager flugs einen Auftritt der Sprinterin bei Stefan Raab ab. Ubben sorgt sich um Schielkes Glaubwürdigkeit als Spitzensportlerin. »Wäre sie in den Endlauf gekommen, wäre sie sicher hingegangen.« GERHARD PFEIL