Goooool - DER SPIEGEL
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BRASILIANER Goooool

Rund um die Uhr beschäftigen sich die brasilianischen Medien mit der Weltmeisterschaft - ein Fußball-Zirkus mit akrobatischen Einlagen und grotesken Nummern. *
• aus DER SPIEGEL 24/1986
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Mit »Würfelzucker und Gottes Hilfe« will Fernandes Louveiro diese Weltmeisterschaft überstehen, hat aber trotz dieses Beistands schon Schaden an seiner Stimme genommen und kann nur noch krächzen.

Seit vierzehn Stunden sitzt der Reporter von »Radio Nacional« aus Rio bereits hinter dem Mikrophon und bringt, Zucker lutschend, den Hörern in der Heimat nahe, wie sich die brasilianische Nationalmannschaft auf dem Wege zum Titel denn so macht.

Zwar beginnt das Schicksalsspiel gegen die Spanier erst in einer Stunde. Doch Radio Nacional, angetreten mit 30 Mann in grün-gelb-blauen Hemden samt dem Aufdruck »Die Wellenbrecher«, hat seine Live-Übertragung aus Guadalajara schon um Mitternacht brasilianischer Zeit begonnen. In Mexiko war es da gerade 21 Uhr - am Abend vor dem Spiel.

Seitdem reden und röhren Fernandes und seine Kollegen ohne Punkt und Komma, allenfalls lassen sie reden. Gerade hat sich der Ex-Kicker Jairzinho als zwanzigster Prominenter zur Sache geäußert, und nun beschreibt der Reporter mit aufgeregter Stimme, wie die Menschen so nach und nach ins Stadion kommen: Schon wieder strömt einer rein.

Zehn Stunden haben die Wellenbrecher noch vor sich, um das Drama mit den Mannen um Socrates einzufangen, bevor es begonnen hat. Kein Detail, das nicht wenigstens zehnmal im Verlauf der Sendung ausführlich erörtert worden ist, und erst wenn gegen Mitternacht das Programm nach einem Interview mit dem Nationaltrainer Santana beendet sein wird, kann Fernandes Louveiro ausschlafen. Denn an WM-Tagen ohne ein Spiel der Brasilianer geht Radio Nacional nur mit läppischen acht Stunden Fußball auf Sendung.

Europäischen Fußballfreunden, die sich ja auch Tag für Tag durch die Sonderseiten und -sendungen von der Weltmeisterschaft kämpfen müssen, mag dieser Einsatz außergewöhnlich erscheinen. Doch die journalistischen Heerscharen, die aus Deutschland und anderen Ländern in Mexiko aufmarschiert sind, um dem Fußball als solchem zum Siege zu verhelfen, wirken eher wie Gebrösel im Vergleich mit dem WM-Aufgebot der brasilianischen Medien.

Im Lande des dreifachen Weltmeisters, wo jetzt Politiker ihre Termine absagen und viele Betriebe schließen, weil sowieso keiner zur Arbeit kommt, erwarten die Menschen auch von der Publizistik die totale Hingabe an die große Sache. Fast tausend brasilianische Journalisten sind in Mexiko akkreditiert, weit mehr als von jedem anderen Land. Für fünf Fernsehstationen, 14 Radiosender sowie 60 Zeitungen geht die WM dann rund um die Uhr, manchmal mit Würfelzucker, immer mit Gottes Hilfe.

Radio Globo etwa hat es nicht leicht, in harter Konkurrenz zu Radio Nacional und den vielen anderen zu bestehen. Sie senden täglich nur zwölf Stunden Fußball, aber zum Ausgleich haben sie in Guadalajara einen lokalen Sender gemietet, mit dem sie die rund 10000 brasilianischen Schlachtenbummler auch noch vor Ort bedienen.

Bei Radio Jovem Pan sorgt der Reporter Jose Silverio für die besondere Note. Der kann, gestoppt, 19 Sekunden lang am Stück und ohne Stimmschwankung »goooool« schreien, was ausgiebig Tor heißt und er wird dafür mit dem für brasilianische Verhältnisse traumhaften Honorar von 20000 Mark monatlich bezahlt. Silverio brüllt ausgewogen, denn er hält seinen Aufschrei auch bei Toren des Gegners die 19 Sekunden lang durch: »Dann gehe ich allerdings auf Moll.«

Jose Silverio gehört zu den sogenannten Klassikern unter Brasiliens Reportern. Anders als die Romantiker schildern diese Leute vom alten Schlage einfach nur, was sie sehen. Die Romantiker, meist jünger, lassen auch wissen, wie es bei ihnen tief drinnen aussieht. Etwa, wenn Socrates einen Paß versiebt: »Mit diesem Bastard von einer Flanke hast du eine tiefe Wunde in mein Herz geschnitten, Doktor Socrates.«

Von Natur aus ein bißchen leichter haben es die TV-Anstalten, die täglich an die acht Stunden aus Mexiko berichten. Sie lassen die Kameras laufen und setzen im übrigen auf fachkundige Prominenz wie Pele, der das Geschehen guttural und getragen wie ein Blues-Sänger kommentiert. Wenn einem dieser Kenner tatsächlich die Worte ausgehen, springen sofort die gelernten »narradores« ein, die Erzähler, die dann jeden Schritt auf dem Rasen so sorgfältig schildern, als sei gerade mal wieder eine Bildstörung.

Die ängstliche Objektivität, mit dem das Gros der mitteleuropäischen Kollegen die Knochenarbeit der Kicker begleitet, ist dem brasilianischen Reporterherzen fremd. »Unparteiisch, wieso denn?«, fragt verständnislos das Stimmwunder Silverio, »bin ich Brasilianer oder bin ich es nicht?« Den Bürgerkriegsspruch »no pasaran«, sie werden nicht durchkommen, schleudert er den Spaniern in deren Landessprache entgegen, sobald die das Feld betreten. Und als der bullige Goicoechea schon nach ein paar Minuten das Nationalheiligtum Socrates umhaut, weiß er nur eins: »Hurensohn.«

Als Socrates dann das entscheidende Tor einköpft, beweist Jose Silverio, daß er auch in der mexikanischen Höhenluft seine 19 Sekunden locker bringt. Während sich die brasilianischen Kollegen schon in den Armen liegen oder wie flinke Außenstürmer durch das Studio rasen, steigt bei ihm noch die letzte Kadenz.

Bei Radio Nacional kann unterdessen Fernandes Louveiro in den Würfelzucker greifen, ohne gleichzeitig reden zu müssen. Ein Reporter mit Walkie-talkie hat sich an den Fifa-Präsidenten Havelange herangemacht, einen Brasilianer. Und dann sagt der mächtige Mann, wie er diesem Tor gegenübersteht: »Mit glücklicher Genugtuung.«

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