Grausam - DER SPIEGEL
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Grausam

• aus DER SPIEGEL 27/1948
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im All-England-Club haben die Sekretäre und Schreiber ihren Lohn reichlich verdient. Mit Hilfe von 200 Schiedsrichtern, Balljungen, Platzwärtern und freiwilligen Helfern hat es in Wimbledon beim größten Tennisturnier der Welt - außer einem Regenguß - keine Panne gegeben.

Der gewichtigste Tennissieg der Erde ist ein Sieg in Wimbledon. Ein Erfolg auf den Rasenplätzen des Londoner Süd-Vororts wird offiziell als inoffizielle Weltmeisterschaft gewertet.

Neue Sterne gehen dort am Tennishimmel auf. Alte erlöschen. Fast in jedem Turnier wurde der Nimbus von der Unbesiegbarkeit großer Namen zu Grabe getragen.

Von Wimbledon nahm das Lawn-(Rasen-)Tennis vor 72 Jahren seinen Ausgang. In der übrigen Welt hielt sich das wenig ältere Spiel auf Hartplätzen (Sand, Zement) bis heute.

Schon Monate vor dem Turnier beginnt die Invasion der Tenniscracks, die sich auf der Insel von ihren tout-en-cas-Plätzen auf den Rasen umstellen.

Das Spiel auf dem Lawn-Teppich ist schneller als auf den Hartplätzen. Der weiße Ball springt auf dem weichen Grasgrund nicht so hoch, bleibt darum auch nicht so lange in der Luft, muß also sehr schnell genommen werden. Der Spieler muß schneller reagieren, schneller starten.

Der Grasboden deckt jede Schwäche des Gegners auf. Schon nach wenigen Schlägen ist der nicht voll gleichwertige Partner, wenn er auch nur Sekundenbruchteile zu spät an den Ball kommt, rettungslos ausmanövriert.

Lawn-Tennis ist grausam, sagen die Kontinentalen. Spieler, die vom Hartplatz auf den Grasplatz wechseln und, wie auf den Hartplätzen, auf Sicherheit spielen, haben keine Chance. Angriff und vernichtende Schläge, das ist Wimbledon.

Elf Monate im Jahr wetzen Mähmaschinen, rollen Tenniswalzen über den seit Jahrzehnten gepflegten Rasen der Wimbledon-Mammutanlagen.

Zweimal schon hatten unternehmungslustige Tennisverbände das Wimbledon-Stadion umgebaut. Als nach dem ersten Weltkrieg die heutige Anlage fertig war, konnten sich selbst Optimisten nicht vorstellen, daß auch dieser Riesenbau dem Andrang einmal nicht mehr genügen würde.

Fast ein Jahr im voraus sind alle Karten für das All-world-Turnier*) ausverkauft. Schon am Abend vor den Spielen schlagen Unentwegte Zelte und Feldbetten vor dem Stadion auf, um einen günstigen Platz bei den Einzel-, Doppel- und Mixedspielen zu erwischen.

Nur die Endspiele finden im überdachten Centre Court statt. Auch in diesem Jahr wird die königliche Familie dabei sein.

Die 80jährige Königinmutter - eine begeisterte Tennisanhängerin - war schon bei den Zwischenrunden draußen.

Bis zum Umfallen schmettern die Endrundengegner vor 20000 Zuschauern den kleinen weißen Ball, der eisgekühlt auf den Platz kommt. Während der Turniere werden die Bälle immer wieder ausgewechselt und später an Fans verkauft, die sich von den Siegern Autogramme in den Filz kritzeln lassen.

Der König überreicht den Sieges-Preis: für das Herren-Einzel den Remshaw-Pokal, Wert 20 Pfund; für die Frauensiegerin die Challenge-Trophäe, 15 Pfund wert. Die Doppelsieger bekommen je einen Pokal à 10 Pfund. Der Wimbledon-Titel ist am wertvollsten.

Nur zweimal ging der Titel nach Deutschland. 1931, als die Kölnerin Cilly Außem die amerikanische Favoritin Helen Wills-Moody schlug und im Endspiel ihre Landsmännin Hilde Krahwinkel auspunktete. Mit dem Wimbledon-Liebling Gottfried von Cramm buchte Hilde Krahwinkel den zweiten deutschen Erfolg.

Diesmal gab es Favoritenstürze in bunter Folge. Nach der sensationellen Niederlage der Europahoffnung Drobny ging auch US-Parker geschlagen in die Garderobe. Als Schwedens König Gustav das Siegtelegramm Bergelins (der den Favoriten Brown ausgeschaltet hatte) in Empfang nahm, hatte auch der Cramm-Schüler ebenfalls seine Hoffnung schon zu Grabe tragen müssen.

Der Australier John Bromwich und Robert (Bob) Falkenberg, heute Amerikaner (aus deutschem Theaterblut) stehen im Endspiel. Die Wetten stehen 1:1. Auch im Endspiel gibt es keinen Favoriten.

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