Heiliger Acker - DER SPIEGEL
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TENNIS Heiliger Acker

Nur Aufschlagspezialisten wie Boris Becker spielen gern in Wimbledon - die meisten Stars lehnen Rasenplätze wegen der tückisch springenden Bälle ab. *
• aus DER SPIEGEL 28/1986
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Boris Becker zeigte Vorfreude: »Ich kann den Rasen von Wimbledon geradezu schon riechen«, meinte der Sensationssieger des Jahres 1985 vor Beginn der 100. All England Lawn Tennis Championships. Mit seiner frohen Erwartungshaltung stand er unter den Spitzenspielern des internationalen Tenniszirkus ziemlich einsam da. Die meisten Stars können den heiligen und holprigen Rasen von Wimbledon überhaupt nicht riechen.

Schon 1981 befand John McEnroe, der dieses Jahr nicht für das Turnier meldete, es aber 1981, 1983 und 1984 gewonnen hatte: »An Wimbledon ist nichts Meisterhaftes dran, mit Ausnahme des Prestiges.«

Sein Nachfolger als Nummer eins des Welttennis, der Tschechoslowake Ivan Lendl, gab vergangene Woche nach seinem mühevollen Achtelfinal-Sieg gegen den Amerikaner Matt Anger offen zu, daß er - ein passionierter Freizeitgolfer - sich auf Rasen nur mit einem Golfschläger in der Hand so richtig wohl fühle und seine Art von Tennis »zu Gras nicht so richtig paßt«.

Achtzig Prozent der Weltranglistenspieler, so schätzen Tennisexperten, spielen ungern auf Rasen und kommen nach Wimbledon nur, weil hier die Prämie auch für frühe Ausscheider noch ganz ordentlich und der Zwang, beim Prestigeereignis dabeizusein, groß ist.

Viele von ihnen, etwa die auf Sand- oder Kunststoffböden starken Schweden Wilander, Nyström oder Pernfors, machen sich nicht mehr die Mühe gewissenhafter, wochenlanger Vorbereitung für das ungewohnte Spiel auf dem Rasen und nehmen das Turnier so im Vorbeigehen mit.

Der Grund für diese rapide nachlassende Begeisterung (Tennisjournalist und Ex-Wimbledonsieger Vic Seixas) der meisten Akteure für die berühmteste Tennisbühne der Welt ist die Tatsache, daß Siege in Wimbledon fast nur noch von der Härte und Präzision des Aufschlags abhängen.

Zwar waren Rasenplätze auch in der Vergangenheit die Domäne der »serve-and-volley-player«, der Spieler also, die auch einem guten Aufschlag ans Netz stürmen und dann den Return des Gegners mit einem - meist unerreichbaren - Flugball beantworten.

Denn auf Rasen rutschen bei harten Schlägen die Bälle nach dem Aufspringen schneller und flacher weg als zum Beispiel auf Sand - der Rückschläger hat größte Mühe, mit einem placierten und kontrollierten Gegenschlag zu antworten. Spieler der Extraklasse, wie der fünffache Wimbledonsieger Björn Borg oder der zweimalige Champion Jimmy Connors, beide keine Serveand-volley-Typen, konnten mit Gefühl und Reaktion den Ball trotzdem im Spiel halten und schließlich zu einem Punkt verwerten.

Doch in den letzten fünf Jahren haben Kunststoff-Rackets mit vergrößerter Schlagfläche diesen Aufschlagvorteil dramatisch erhöht: Ein voll getroffener Erster Aufschlag knallt heute mit solcher Geschwindigkeit ins Feld des Gegners, daß er auf Rasen fast nicht mehr zu retournieren ist.

»Wenn Boris' Service kommt, kann er auch in diesem Jahr Wimbledon gewinnen«, sagte Becker-Manager Ion Tiriac zu Beginn des Turniers. Der Leimener ist nach Meinung fast aller Fachjournalisten der härteste Aufschläger in der Tennis-Spitzenklasse.

Trotz des psychischen Drucks, wieder siegen zu müssen, war er daher für die meisten der Top-Favorit - vor Ivan Lendl, dessen Service eher mittelmäßig ist.

Lendl gelangte denn auch nur mit Mühe und wegen seiner phänomenalen Flinkheit unter die letzten Vier. Don erwarteten ihn neben Becker zwei weitere

ausgesprochene Aufschlag-Prügler: der Franzose Leconte und als ungesetzter Außenseiter Beckers Doppelpartner Zivojinovic, ein fast zwei Meter großer Jugoslawe, dessen peitschender Service das bei ihm bemerkenswerteste Spielelement ist.

Tenniskünstler wie der Tschechoslowake Mecir oder schnellfüßige Allesbringer wie Pernfors, der Becker Anfang Juni in Paris auf einem Sandplatz besiegt hatte, besaßen dagegen in Wimbledon keine Chance. Pernfors nach seiner glatten Drei-Satz-Niederlage gegen Becker: »Wer wie Boris in drei Sätzen 24 Asse (für den Gegner unerreichbare Aufschläge) setzt, ist nicht zu schlagen.«

Neben dem absoluten Primat des Service auf Rasen gegenüber jedem anderen spielerischen Mittel ist es die weltberühmte Wiese von Wimbledon selbst die vielen Stars Abneigung einflößt. Zwar wird der Centre Court nur während der beiden Turnierwochen bespielt und von fachkundigen Händen auf exakt drei Sechzehntel Inch gestutzt (der langjährige Platzwart Jack Yardley: »Auf den Centre Court lasse ich nur Hilfe, die ich schon mindestens zwei Jahre kenne").

Trotzdem ist er nach Spielermeinung »an Regentagen ein glitschiger, bei Trockenheit ein staubiger, immer aber ein holpriger Acker«.

Denn bei aller Pflege bleiben Unebenheiten, die Bälle verspringen, vor allem auf den abgetretenen Flächen an der Grundlinie, wo spätestens in der zweiten Turnierwoche der blanke Boden zum Vorschein kommt. Als Boris Becker bei seinem Sieg 1985 dort einen seiner berühmten Hechtsprünge machte, sah er anschließend aus wie nach einem Purzelbaum quer durch einen Sandkasten. Wenn es wegen der gerade auf Wimbledon gegründeten Becker-Manie in Deutschland auch fast unterging, das wichtigste Tennisturnier der Welt ist, trotz Zuschauer- und Einnahmerekorden im Jubiläumsjahr 1986, auf dem Weg zum skurrilen, britischen »Anachronismus« ("Neue Züricher Zeitung"), ähnlich dem Rokoko-Perücken englischer Richter oder dem »woolsack« des Lordkanzlers im Oberhaus.

Wurden vor zwanzig Jahren noch drei der vier »Grand-Slam«-Turniere, nämlich die Offenen Meisterschaften von England, Australien und den USA, auf Rasen gespielt - nur Paris trug man schon immer auf Sand aus - wird in Kürze Wimbledon allein übrigbleiben.

Denn wie schon seit 1975 bei den US-Open wird spätestens 1988 auch in Melbourne vom Grasplatz in ein neues Stadion auf Kunststoffbelag übergewechselt, um mit dem Glückspiel Schluß zu machen, das Tennis dort bislang in vielen Fällen war. John McEnroe: »Entweder man traf den Ball - oder man verfehlte ihn.«

Diesen Wechsel - so erwarten Kenner der Szene - werden auch die übrigen Grand-Prix-Turniere in Australien, Brisbane und Sydney nachvollziehen. In den USA spielt man schon längst fast ausschließlich auf Hartplätzen, auf dem europäischen Kontinent, in Lateinamerika auf Sand. In Wimbledon aber will man unbeirrt weiter Gras über die Diskussion um den bestgeeigneten Tennisboden wachsen lassen. Klubpräsident »Buzzer« Hadingham: »Wir halten nichts von Gleichmacherei. Wir machen auf Rasen weiter.«

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