Hellblaue Helden - DER SPIEGEL
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RUDERN Hellblaue Helden

Spitzensportler aus aller Welt prägen längst das Universitätsduell Oxford gegen Cambridge. Auch deutsche Olympiateilnehmer sind diesmal dabei.
Von Daniel Pontzen
• aus DER SPIEGEL 13/2006
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Ausmaß der Verehrung wurde Thorsten Engelmann bei der großen Uni-Party im November bewusst. Der Zwei-Meter-Mann aus Berlin stand mit Freunden in einer Ecke, als plötzlich ein Mädchen entschlossen auf den Studenten zumarschierte und sich erkundigte, welchen Platz er denn beim Ausscheidungstraining für das Blue Boat belegt habe. »Erster«, antwortete Engelmann wahrheitsgemäß, woraufhin die Brünette schnell zur Sache kam. Der restliche Abend, befand sie, ließe sich doch am sinnvollsten mit körperlichen Aktivitäten anderer Art gestalten.

Der Deutsche lehnte die Offerte dankend ab, was auch damit zu tun hat, dass sein Wecker jeden Morgen um 5.30 Uhr klingelt. So stapft Engelmann, 24, auch vorvergangenen Mittwoch verschlafen ins Bad seiner WG, einer typischen Studentenbude in Cambridge. In der Küche bereitet sein Mitbewohner Sebastian Schulte das Frühstück zu, Erdbeermüsli steht auf dem Tisch, Eiweißkonzentrat und ein Kanister Milch. Der Tag wird anstrengend, am Morgen sind 19 Kilometer auf dem Ergometer vorgesehen, am Nachmittag 22 Kilometer auf dem Fluss. Dazwischen muss Engelmann eine Statistik-Vorlesung besuchen, während der BWL-Doktorand Schulte, 27, einen Termin bei seinem Betreuer hat. 15 Hausarbeiten soll er für den korrigieren, parallel zur Dissertation.

Es gibt keine Zeit zu verlieren für die beiden, seit sechs Monaten ist das so, sechs Tage die Woche.

Sie nehmen das Pensum auf sich für ein Erlebnis von 17, 18 Minuten. So lange dauert das Boat Race, bei dem sich die besten

Ruderer der Universitäten von Oxford und Cambridge duellieren, am Sonntag zum 152. Mal. 250 000 Zuschauer werden es vom Ufer der Themse aus verfolgen und Millionen die Live-Übertragung im Fernsehen. Denn der Showdown der einander in leidenschaftlicher Geringschätzung verbundenen Hochschulen gehört zu den Höhepunkten des britischen Sportkalenders wie Wimbledon oder Ascot.

Dabei sind Schulte und Engelmann keine gewöhnlichen Cambridge-Studenten, die ihren drögen Bibliotheksalltag mit ein bisschen Rudern aufpeppen wollen. Sie sitzen seit einigen Jahren im Deutschland-Achter, dem ersten Boot der Republik. Sie sind WM-Dritte, waren bei Olympia in Athen. In Dortmund genossen sie ein schönes Trainingszentrum, menschenwürdige Übungszeiten, den Service von Physiotherapeuten. Und ein passabler Studien-Abschluss hätte sich in Bochum, wo sie zuvor eingeschrieben waren, auch bewerkstelligen lassen - mit weitaus geringerem Aufwand. »Stimmt«, sagt Schulte, ein 95-Kilogramm-Mann mit Sommersprossen. Und er »hasse es, jeden Morgen aufs Neue, so früh aufzustehen«. Trotzdem habe er noch »keine Sekunde« bereut.

Der Gegensatz zwischen Verehrung und Entbehrung, zwischen geistiger und körperlicher Extremherausforderung, der das Leben der »Blauen« prägt, hat die WG-Gefährten gepackt wie ein Virus. Sie bekommen keinen Penny für die Plackerei, im Gegenteil, sie müssen 150 Pfund zu den Trainingskosten beisteuern. Sie werden in einer anderen Währung bezahlt.

In Deutschland stehen Ruderer nur alle vier Jahre im Rampenlicht, als Medaillenlieferanten bei Olympia. In Cambridge ist das anders. »Rudern ist hier kein Sport, es ist eine Religion«, sagt Cheftrainer Duncan Holland. Die Hellblauen von Cambridge und die Dunkelblauen von Oxford sind Teil englischer Kultur und jedes Jahr für einen Tag die Helden des Königreichs.

Der verschrobene Charakter der Rennstrecke tut ein Übriges. 6779 Meter müssen die Athleten zurücklegen, nicht 2000 wie sonst. Anstelle kerzengrader Bahnen hält der Kurs mit drei Kurven und dem Einfluss der Gezeiten zusätzliche Grausamkeiten bereit. »Rudern pur« nennt Schulte das. Für ihn sei das wie die »Rückkehr zum Ursprung« seines Sports.

Eisiger Wind kräuselt das Wasser der Cam, die hohen Fenster im Kraftraum des Bootshauses geben den Blick frei auf den schmalen Fluss. Es ist jetzt kurz vor sieben, und im Inneren des kargen Gemäuers schwitzen die Ruderer auf acht aneinandergeklemmten Ergometern. Bei jedem Schlag knallt Metall auf Metall, begleitet vom mechanischen Rauschen der Maschinen. Mit starrem Blick spulen die acht ihr Programm ab, unter ihnen auch ein dritter Deutscher, Sebastian Thormann aus Wermelskirchen, 2002 Vierer-Weltmeister.

Das Training ist härter als jenes, das die drei aus Deutschland kennen, in Umfang und Intensität. Engelmann hat seinen persönlichen Rekord über 2000 Meter am Ergometer kürzlich auf 5:48,9 Minuten verbessert. »Um 2,4 Sekunden«, wie er betont. Nach vier Jahren im Dortmunder Leistungszentrum hätte er eine solche Steigerung nicht für möglich gehalten.

Auch deshalb hat Bundestrainer Dieter Grahn die Blues im Winter besucht, er will vom Trainingsdrill der Akademiker lernen. Für Sebastian Schulte haben die Leistungsschübe indes nicht nur physiologische Gründe: »Der Teamgeist hat hier eine andere Qualität.« Während sich der Deutschland-Achter aus vier Pärchen zusammensetzt, die bei den Ausscheidungswettkämpfen die besten Zeiten erzielen, säßen im Uni-Boot »acht Brüder im Geiste«. Der besondere Ehrgeiz und der unbedingte Wille, sich auch akademisch mit den Besten zu messen, schweiße mehr zusammen als eine »zufällig gleiche Nationalität. Meine Identifikation mit Hellblau ist höher als die mit Schwarz-Rot-Gold«.

Dieser Spirit scheint sich weltweit unter Weltklasseruderern herumgesprochen zu haben. Denn so wie sich die Besetzung der Boote in den vergangenen beiden Jahrzehnten internationalisiert hat, nahm auch die Dichte an Topathleten deutlich zu. So haben dieses Jahr von den 16 Nominierten beider Crews 14 bereits an Weltmeisterschaften teilgenommen, 9 gar Medaillen gewonnen. Den Verdacht, Spitzenruderern die Aufnahme zu erleichtern, weist die Universität aber vehement zurück. Mehrere Olympiasieger und Weltmeister seien zuletzt sogar abgelehnt worden.

Schulte hat sich nie rechtfertigen müssen. Der Wiesbadener schloss sein Studium als Drittbester seines Jahrgangs ab, wie er beim Abendessen im altehrwürdigen, holzvertäfelten Speisesaal seines College verlegen bestätigt. Er trägt einen schwarzen Umhang, das ist Pflicht hier, und als die Professoren auf ihre Empore schreiten, muss er aufstehen, während des Essens. Die Rituale haben hier die Jahrhunderte überlebt, die Kulisse wirkt, als käme jeden Moment der junge Shakespeare um die Ecke gebogen.

WG-Kollege Engelmann hat am Abend endlich sein Sakko beim Schneider abgeholt. Eigentlich ist es eine textile Gräueltat, mintgrüner Filz mit glänzendem Saum, von weitem sieht er darin aus wie ein riesiges Pistazien-Eis. Aber das Sakko der Cambridge-Ruderer dient auch als Erkennungszeichen. Es gewährt Zugang in ein elitäres Netzwerk. Ehemalige vermitteln aktuellen Absolventen nicht selten Top-Jobs.

Dass ein Triumph auf der Themse dabei das Renommee im exklusiven Zirkel erhöht, steht außer Frage. Schulte fühlt sich bereit zum Sieg, doch das war im Vorjahr auch so. Und dann verpatzte einer gleich den ersten Schlag, Hellblau fuhr die ganze Strecke hilflos hinterher. »Die Niederlage«, sagt der Doktorand, »tat mehr weh als mein vierter Platz mit dem Achter bei Olympia.« Denn nirgendwo ist Rang zwei so wertlos wie beim Boat Race.

DANIEL PONTZEN

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