Herrschen oder ducken - DER SPIEGEL
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Herrschen oder ducken

Immer wenn bei Borussia Dortmund ein neuer Trainer kommt, schließen die Spieler Wetten ab: Wie lange hält er es mit Manni aus? Nicht alle Trainer werden mit schwierigen Stars fertig.
• aus DER SPIEGEL 18/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mit zerfurchter Stirn erklärte Trainer Carl-Heinz Rühl den Borussen, wie das nächste Spiel zu gewinnen sei. Mittelstürmer Manfred Burgsmüller trommelte immer heftiger mit den Fingerspitzen auf die Tischplatte und fragte zwischendurch: »Weiß der Gegner auch Bescheid?«

Trainer Rühl fragte gekränkt zurück: »Wieso soll der Bescheid wissen?« Burgsmüller erklärte: »Na, mit dem, was Sie da empfehlen, geht uns keiner auf den Leim.« Kurze Zeit darauf wurde der Trainer entlassen.

Nachfolger Udo Lattek kannte den schwierigen Burgsmüller. Die Position des Dortmunder Mittelstürmers war fast unangreifbar, weil Burgsmüller in jeder Saison zu den erfolgreichsten Torschützen der Bundesliga gehörte. Mehr als insgesamt 165 Bundesligatreffer wie Burgsmüller, 33, erzielte noch keiner bei Borussia Dortmund und nur fünf Stürmer sonst in 20 Jahren Bundesliga.

Dennoch sprach sich Lattek selbst Mut zu: »Ich bin schon mit ganz anderen Schlitzohren fertig geworden.« Latteks Optimismus trog. Auch bei ihm wußte Burgsmüller meist alles besser. Burgsmüller: »Die meisten Trainer werden überschätzt, wir Spieler sind wichtiger, deshalb fliegen ja immer die Trainer, wenn es mal qualmt.«

Den ebenso vorwitzigen wie beschlagenen Spieler duldete auch Bundestrainer Helmut Schön nur dreimal in der Nationalmannschaft. Als Schön dem Dortmunder Torjäger empfahl, »auf dem Teppich zu bleiben«, konterte Burgsmüller: »Ich dachte, wir spielen auf Rasen.«

Auch die nächsten Trainer bei Borussia Dortmund wurden von Kennern des Klubs, der 1966 sogar einen Europapokal gewonnen hatte, im voraus bedauert. Der neue Trainer hieß Branko Zebec, war zuckerkrank und bekämpfte den Streß mit Alkohol. »Wenn der blau ist, schließt der Manni den Branko in der Kleiderkammer ein«, mutmaßte Verteidiger Lothar Huber.

Aber Burgsmüller schonte den leidenden Trainer. »Das ist der erste Trainer, der was vom Fußball versteht«, erkannte der Schwierige an. Borussias Vorstand schob Zebec später dennoch ab.

Nun kam Karl-Heinz Feldkamp vom 1. FC Kaiserslautern zu den Borussen. Schatzmeister Jürgen Vogt erläuterte die Wahl: »Der Mann hatte nicht nur Erfolge, sondern er ist auch aus dem Revier und kennt die Mentalität unserer Spieler« - ausgenommen Burgsmüllers.

Als Feldkamp das von Zebec eingeführte System der Raumdeckung wieder auf die veraltete Methode der sturen Manndeckung umstellte, weil »einige Borussenspieler für die Raumdeckung nicht intelligent genug sind«, ging der Torschützenkönig »in den Untergrund«. Auch Feldkamp wurde entlassen.

Konsequent lehnte Burgsmüller auch den designierten Nachfolger Uli Maslo von Eintracht Braunschweig ab, der erst am 1. Juli sein Amt antreten will. »Was sollen wir mit dem«, maulte der Star. »Der kennt doch die Bundesligatabelle nur von unten.« Da beurlaubte Vogt den Stürmer. »Am besten wäre es, wenn Sie sich einen neuen Verein suchen.«

Burgsmüller gibt Borussia noch nicht auf: »In einigen Wochen sieht hier vielleicht manches anders aus.« Die meisten Mitspieler meinen: »Ohne Manni sind wir nur die Hälfte wert.« Aus dem Publikum dröhnen Sprechchöre durch das Westfalen-Stadion: »Wir wollen Manni, wir wollen Branko Zebec haben.«

Ärger mit schwierigen Stars gibt es nicht nur bei Borussia Dortmund. So wie die Nationalmannschaft und Bundestrainer Jupp Derwall erst Einzelgänger wie Paul Breitner und dann Bernd Schuster verdauen mußten, so war auch der VfB Stuttgart froh, als sein Nationalstürmer Hans Anton ("Hansi") Müller zu Inter Mailand abwanderte. VfB-Spieler Karl-Heinz Förster behauptete: »Jetzt gibt es endlich wieder Ruhe im Schiff.«

Wenn es nach den Trainern und Klubbossen der Bundesliga ginge, müßten die Starspieler gegenüber Trainer und eigener Mannschaft brav, aber gegenüber den Konkurrenten im Kampf um die Meisterschaft »mit allen Wassern gewaschen sein«, so Präsident Ottokar Wüst vom VfL Bochum.

Besonders nachts vor einem Spiel gilt immer noch das Reglement von Kadettenanstalten aus der Kaiserzeit. Morgens zeitig aufwachen, Zähne putzen und pünktliches Frühstückfassen schätzen Trainer und Funktionäre ebenso wie Zurückhaltung und Schweigen, solange Offizielle reden. Abends sollen Fußballstars pünktlich um 22 Uhr im Bett liegen, nüchtern und allein, und nur noch vom Sieg träumen.

Doch neuerdings treten in vielen Mannschaften selbstbewußte Spielertypen wie Burgsmüller auf, die, jeder auf seine Art, Unabhängigkeit gegenüber Klub und Trainer demonstrieren. Nur Spielmacher Felix Magath vom Hamburger SV geizt mit Worten und erst recht mit offenem Widerstand.

»Aber Spielern wie dem Felix Magath oder früher Franz Beckenbauer gebe ich sowieso keine Anweisungen«, verrät HSV-Trainer Ernst Happel. »Wer im Spiel herrschen soll, darf sich nicht dauernd ducken.« Bundestrainer Derwall vergraulte Magath, indem er den noch nicht völlig wiederhergestellten Hansi S.169 Müller bei der WM in Spanien einsetzte, Magath aber nicht einmal auf die Reservebank ließ.

Nach einem Krach mit Bundestrainer Jupp Derwall schien auch der für den FC Barcelona spielende Bernd Schuster für immer die Lust an der Nationalmannschaft verloren zu haben. Zuletzt hielt die Geburt seines dritten Kindes Schuster davon ab, zur Derwall-Truppe ins albanische Tirana zu eilen.

Doch der argentinische Trainer Cesar Luis Menotti beim FC Barcelona erteilte seinem Star »Nachhilfeunterricht für das Profileben«. Menotti: »Bernd, Fußballtalent ist ein göttliches Geschenk, Selbstdisziplin ist ein Schulfach, also fahr wieder hin, wenn die Deutschen spielen.«

Menotti, der 1978 mit Argentinien Weltmeister geworden war, hält im Umgang mit Fußballstars »den Kasernenhofton für dumm«, denn sie »sind Wunderkinder, die jeden Tag ihre Portion Lob ebenso bekommen müssen wie ihren Rucksack voller Pflichten«.

Dem Dortmunder Burgsmüller blieben vorerst nur noch Pflichten. Als er androhte, sein vertragliches Recht auf Arbeit einzuklagen, arbeitete Cotrainer Helmut Witte einen besonderen Trainingsplan aus. Danach muß Burgsmüller nun trainieren - allein.

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