EISKUNSTLAUF Hoch und sauber
Seit 17 Jahren war die Bundesfahne bei keiner Herren-Siegerehrung europäischer Eiskunstlauf-Titelkämpfe mehr benötigt worden. Vorletzte Woche stieg sie wieder mal hoch, während die DDR-Fahne -- was viele Bundesfunktionäre noch mehr befriedigte -erstmals seit zehn Jahren überflüssig war.
Nach dem fast eingeplanten Silberplatz des Eislauf-Paares Christina Riegel und Andreas Nischwitz hatte überraschend der Deutsche Meister Norbert Schramm, 20, zusätzlich eine Bronzemedaille angeschafft. Als bester Kürläufer siegte er zudem in der Sonderwertung für die Leistungen im Kurzvortrag und in der Fünfminutenkür. Bei den Weltmeisterschaften Anfang März hoffen die Bundesdeutschen die Renaissance fortzusetzen.
Schramm, der als »Hauptziel in diesem Jahr die Deutsche Meisterschaft« angestrebt hatte, fand seinen Erfolg »nicht zu fassen, überwältigend«. Denn seine eigenwillige Kür bringt vor konservativen Preisrichtern einiges Risiko mit sich. »Keiner springt höher und technisch sauberer«, lobte sein Vorgänger Manfred Schnelldorfer, der Olympiasieger von 1964. »Norbert wird mal ein ganz Großer.«
Tatsächlich hob der Abiturient aus dem Bundesleistungszentrum Oberstdorf sechsmal zu fünf verschiedenen Dreifachsprüngen ab, die nach ihren einstigen Erfindern Salchow oder Rittberger heißen, aber auch Flip oder Toe Loop. »Eislaufen ist nicht nur Springen«, kennzeichnete der sowjetische Europameister Igor Bobrin die neue Richtung. »Es muß auch Charakter dahinterstecken.«
Die meisten Punktrichter unterstützten bisher die Ostblock-Tendenz, immer mehr akrobatische Doppel- und Dreifachsprünge aneinanderzukoppeln. Dagegen hatte der Kanadier Toller Cranston, dessen Gemälde inzwischen fünfstellige Preise erzielen, seinen eigenen Stil gesetzt. Er verband Sprünge durch phantasievolle Schrittkombinationen und ballettartige Gestik zu einer sehenswerten Schau.
John Curry und Robin Cousins aus Großbritannien entwickelten den tänzerischen, individuellen Stil auf ihre Art weiter. Carlo Fassi, US-Trainer italienischer Herkunft, der beide zu Olympiasiegern getrimmt hatte, sah nun in Schramm »den Cousins von Innsbruck«.
Schramm, der wie Cranston ebenfalls gerne malt, mag keinesfalls »andere nachäffen« und möchte vor allem »Schramm sein«. Er probierte mit sechs verschiedenen Trainern, bevor er in Oberstdorf bei Bundestrainer Zeller Fuß faßte. Zeller-Schüler, zu denen auch das Eiskunstlauf-Paar der Nation, Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler, gehört hatte, brachten es bisher auf 36 Medaillen.
Aber Schramm stellt seine Musik selber zusammen und improvisiert vor dem Sprungtraining spontan neue Elemente. Einige dieser Einfälle baute er in die von der Münchnerin Elvi Hansch entworfene Choreographie ein.
Mit der »richtigen Mischung aus Sport und Kunst« (Schnelldorfer) setzt Schramm die neue Eiskunstlauf-Schule fort. Bei den Titelkämpfen in Innsbruck fand er allerdings ungewöhnlich günstige Bedingungen vor. Alle drei Medaillen-Gewinner von 1980 fehlten. Die desorientierten Preisrichter mußten sich frische Stars ausgucken.
Das verhinderte nicht das übliche Rollenspiel: Den Schurken spielte der einstige französische Olympia-Zweite Alain Calmat. Als Punktrichter stufte er seinen Landsmann, den Pflicht-Spezialisten Jean-Christophe Simond, als Sieger ein, Schramm nur als Nummer vier. Die lange erfolglosen Bundesdeutschen waren im Kampfgericht nicht vertreten.
Als Graue Eminenz im Hintergrund trat wieder Simond-Trainer Fassi auf, dessen Meisterschülern die Jury oft Sympathie-Zehntel spendet. Sonst hätte Schramm, der Außenseiter im Stück, womöglich Silber gewonnen. Sein Erfolg beschert den Bundesdeutschen jedenfalls bei der Europameisterschaft 1982 Startrecht für drei Teilnehmer und einen Preisrichter.
Europameister Bobrin konnte Schramm noch nicht erreichen. Der Sowjetläufer war bislang auch mit seinem individuellen Stil voller Pantomimik gegen die Sprungakrobatik seiner sowjetischen Konkurrenten gescheitert.
Aber wenn Bobrin, 27, demnächst abtritt, »gehört die Zukunft in Europa«, so glaubt der frühere österreichische Medaillengewinner Emmerich Danzer, »allein Schramm«.