SKI ALPIN Höchstes Risiko
Anfang Dezember im italienischen Sestriere: Karl Frehsner ("der eiserne Karl"), Trainer der Schweizer Ski-Rennläufer, stapft auf Marc Girardelli, 25, zu, um ihm zum ersten Slalomsieg nach mehr als drei Weltcup-Jahren zu gratulieren. »Du hast mich die letzten Jahre nicht gegrüßt«, knurrt Girardelli, »da brauchst du's jetzt auch nicht.«
Drei Tage später, am Vorabend zur Weltcup-Abfahrt von Gröden, hat Marcs Vater Helmut Girardelli, 49, seinen Auftritt. Weil die Auslosung der Startnummer - Marc zog die ungünstige 1 - nicht korrekt verlaufen sei und die Piste mit Reisig bestreut werden sollte (was die ersten Fahrer benachteiligt), reisen die Girardellis kurzerhand ab.
Das umstrittenste und eigenwilligste Duo des Weltcup-Zirkus ist - knorrig, besessen und siegreich wie in besten Tagen - wieder obenauf.
Marc Girardellis Comeback hat mehrere Ursachen: Der gebürtige Vorarlberger, der für Luxemburg startet und neuerdings auch einen Paß des Großherzogtums besitzt, hat alle Verletzungen auskuriert, fährt in einer neuen Schuhmarke und kehrte im Slalom zu seinem alten Fahrstil zurück; er boxt die Kippstangen aus dem Weg. Im Weltcup gilt der Allrounder als schärfster Konkurrent des Schweizer Titelverteidigers Pirmin Zurbriggen, in der Slalom-Wertung führt er vor dem Deutschen Armin Bittner und dem Italiener Alberto Tomba.
Nicht zufällig tummeln sich derzeit im Torlauf die buntesten Typen der Branche: Olympiasieger Tomba, sichtbar übergewichtig, genießt die Ovationen seiner Fans bis in die Nacht, der Sonthofener Weltmeister Frank Wörndl will eine schwarze Schönheit aus Somalia ehelichen, und Bittner, Sieger des letzten Slalomrennens in St. Anton, legt sich mit den Ski-Funktionären an. Weil er, so Bittner, für »Ehrlichkeit und Gerechtigkeit« sei, fordert er Dopingkontrollen auch im alpinen Rennsport.
Weil Fahrer mit Ausstrahlung am Start sind, gewinnt der Tanz um die Kippstangen an Prestige, die Slalomspezialisten sind dabei, den Abfahrern im öffentlichen Interesse den Rang abzulaufen.
Slalom, sagt Marc Girardelli, sei die »mental anspruchsvollste Disziplin«, vor jedem Tor werde Aggressivität und höchste Risikobereitschaft verlangt: »Nirgendwo ist der Grat zwischen Bestzeit und Sturz schmaler, nirgendwo bin ich nervöser« - bei einem Abfahrtsrennen hingegen gebe es höchstens drei, vier Schlüsselstellen, die Konzentration erforderten. Auch sei die Abfahrt »zu 50 Prozent reine Materialsache«, im Slalom komme es fast ausschließlich auf den Athleten an.
Daß Girardelli gerade im Slalom 15 seiner bislang 25 Weltcup-Siege erzielte, ist Beleg einer psychischen Robustheit, die ihm bereits in frühen Jahren abverlangt wurde. Weil Vater Helmut 1975 das Talent seines damals zwölfjährigen Filius im Österreichischen Skiverband nicht optimal gefördert sah, übernahm er selbst Training, Betreuung und Management - fortan startete Marc für den luxemburgischen Verband.
1985 und 1986 gewann das Privatunternehmen Girardelli den Gesamt-Weltcup, Marc wurde mit rund zwei Millionen Mark Jahreseinkommen der höchstdotierte Skiprofi. Mit derlei Ruhm und Geld saniert, interessieren Girardelli junior heute »nur noch Siege« - beispielhaft dokumentiert am wohl kuriosesten Vertrag im Ski-Geschäft. Helmut Girardelli und Alois Rohrmoser, Chef des Ski-Riesen Atomic, vereinbarten in einer Weinlaune, daß ausschließlich erste und zweite Plätze honoriert werden, bei Rang drei müsse Marc 4000 Mark Strafe zahlen. Ab Platz vier fließt kein Geld.
Derlei Pointen haben Girardelli senior zur schillerndsten Figur abseits der Weltcup-Pisten gemacht. Der Autodidakt genießt nicht nur als Trainer Autorität, er gilt auch als versierter Rhetoriker, der gern Goethe, Schiller und andere Weltliteraten bemüht. Mit den Zitaten, so berichtete der Schweizer »Sport« beeindruckt, »wirft er um sich wie andere mit Zwischenzeiten«.
Im steten Wechsel zwischen witziger Ironie und ätzendem Zynismus poltert er durch die Branche, nur einem Grundsatz folgend: »Ich operiere nie unfair.« Girardelli, diese alpine Kombination aus Fußballgrantler Ernst Happel und Steffi-Vater Peter Graf, fühlt sich permanent verfolgt, benachteiligt, betrogen.
Daß Helmut Girardelli im Weltcup-Zirkus den Ruf des Revoluzzers ("Daran habe ich wohl kontinuierlich gearbeitet") innehat, scheint logisch. Während alle anderen Skitrainer bei Verbänden angestellt sind und auf Weiterbeschäftigung oder Aufstiegsmöglichkeiten achten müssen, leistet sich »Gira« den Zank über alles und mit jedem: »Ich kann als einziger frei handeln.«
Als Schleifer wird Vater Helmut indes nicht benötigt. »Mehr als ich kann man nicht trainieren«, behauptet Marc. »Er ist der größte Athlet von uns«, sagt Konkurrent Bittner. Mehr als ein Dutzend Trainingsjahre als Selfmademan haben Marc Girardelli geprägt: »Ich bin gern allein.« Das paßt zu dem Mann, der sich »Staatenloser mit Heimat Mitteleuropa« nennt.
Insofern ist der Einzelgänger seiner Zeit schon voraus. Das hochdotierte Unternehmen Weltcup funktioniert nur mit Hilfe der Ski-Industrie, der die werbewirksamen Athleten im Jahr zwischen 1,3 Millionen Mark (Kneissl) und 8,5 Millionen (Atomic) wert sind. Pläne, die Nationalmannschaften aufzulösen und ähnlich wie im Motorsport oder Radsport Werkteams einzurichten, liegen in Schubladen. Der Einfluß der Skimarken auf Auswahl und Betreuung der Rennfahrer würde direkter greifen, verbandsinterne Eifersüchteleien würden dem harten Profiwettbewerb weichen.
Denn Skifabrikanten wie Toni Arnsteiner ist es »egal, wer gewinnt, Hauptsache, er fährt Blizzard«. #