Pferderennen Hornissen in den Ohren
Platz gemacht, James Bond - hier kommt James Laming. Dieser Eindruck mußte die Prozeßzuhörer des Crown Court im Londoner Arbeiterviertel Southwark befallen, als Rechtsanwalt Jonathan Goldberg vergangenen Dienstag für seinen Mandanten Laming dem Gericht das Hauptbeweisstück der Verteidigung präsentierte: »Dies sieht wie ein ganz normaler Feldstecher aus«, erklärte der Advokat und hielt ein Fernglas hoch. Nehme man jedoch die Schutzkappen von dem Objektiv, setzte der Anwalt seine Beweisführung fort, passiere Fantastisches: »Man glaubt, in die Öffnung eines Strahltriebwerks zu blicken.«
Die geheimnisvolle Apparatur sei in Wahrheit eine praktische Erfindung: Aus den scheinbar üblichen Utensilien eines britischen Rennplatzbesuchers habe sein Mandant ein Gerät entwickelt, »mit dem das gesamte System von Pferdewetten und Buchmachern in diesem Lande untergraben werden sollte«, erklärte Goldberg mit jener spitzbübischen Freude, die an den Fälscher-Genius Konrad Kujau erinnerte.
Mit dem Feldstecher, der zum Sender für Ultraschallwellen umgebaut war, hatte Goldbergs Mandant Laming einen verblüffenden Coup gelandet. Zur Generalprobe seiner Erfindung besuchte er gemeinsam mit seinem Bruder Robert am 16. Juni vergangenen Jahres den Turf von Ascot. Im Hauptrennen des Tages stand Robert Laming mit dem vermeintlichen Fernglas in der ersten Reihe der Zuschauer an der Zielgeraden.
Etwa 200 Meter vor dem Ziel schien das Rennen entschieden: Jockey Greville Starkey, 49, im Sattel des Hengstes »Ile de Chypre«, hatte einen sicheren Vorsprung. »Ich ritt einem Sieg mit etwa sechs Längen entgegen«, erinnert sich Starkey, »dann passierte mir aber etwas, was ich in meinen 14 000 Ritten noch nie erlebt hatte.« »Ile de Chypre« brach plötzlich vehement nach links aus. Starkey wurde in vollem Galopp aus dem Sattel geschleudert.
Während der Jockey-Veteran ein Kamera-Blitzlicht für das überraschende Scheuen seines Pferdes verantwortlich wähnte, glaubte das Renngericht anfangs an Schiebung. In Turfkreisen hielt sich wochenlang das Gerücht, Starkey habe in Absprache mit Pferdetrainer und Besitzer absichtlich verloren.
Erst vergangene Woche klärte Goldbergs Auftritt den ominösen Zwischenfall auf. Verantwortlich für das Ausbrechen des Pferdes war der Laming-Bruder Robert, der das Fernglas auf den Spitzenreiter richtete, einen Auslöser betätigte und im empfindlichen Gehörapparat des Pferdes ein Schallgewitter hervorrief, »so als hätten sich Hornissen in beiden Ohren verfangen«, wie Goldberg die Wirkung umschrieb.
Nach dem Rennen wurde der tiefere Sinn des Manövers deutlich. Robert Laming tauchte nach der erfolgreichen Schallkanonade in der Menge unter, während Erfinder James ruhigen Schrittes zum Wettschalter schlenderte. Er hatte dem Vernehmen nach 10 000 Pfund darauf gewettet, daß Starkeys Pferd weder als erstes noch als zweites durchs Ziel gehen werde.
Daß die Geschichte jetzt herauskam, hat einen entsprechend verqueren Hintergrund: Mit der Enthüllung will Goldberg seinen Mandanten vor Schlimmerem bewahren. Denn dem Autohändler James Laming, 49, wird angelastet, Mitglied eines Rauschgiftrings gewesen zu sein. Diesen Vorwurf bestreitet Laming, nicht aber, daß er mit dem Chef des Kokainrings, dem gebürtigen Peruaner Rene Black, 34, anderweitige Geschäfte gemacht hat.
Wie alle Drogenhändler stand Black, der eingeschmuggelte Kokabase aus Peru in Londoner Geheimlabors zu Kokain veredelt hatte, vor dem Problem, die Verkaufserlöse (1988: knapp 50 Millionen Mark) in den legalen Geldumlauf zu bringen. Als nahezu ideale Schleuse, so die Idee des Peruaners, boten sich die Turfplätze an. Dort ließen sich hohe Wetten in kleinen Scheinen plazieren und der Kokainerlös zudem vermehren - mit Glück, oder wenn man einen James Laming kannte.
Präpariert nur mit dem angelesenen Wissen aus der Encyclopaedia Britannica (Stichwort: Schall) und versehen mit einem Etat von 10 000 Pfund Sterling, die Drogenboss Black bereitgestellt hatte, ging der begabte Tüftler Laming an den Bau des Ultraschallgeräts, dessen Aufbau und Arbeitsweise Verteidiger Goldberg nun im Prozeß enthüllte.
Laming ersetzte die Linsengläser eines Feldstechers durch zwei keramische Hochfrequenzlautsprecher, die mit einem 22-Watt-Verstärker in Zigarettenschachtelgröße verbunden waren. Strom lieferten Cadmiumbatterien, die Laming mit dem Verstärker in den Fernglasköcher einbaute. Wurde die Apparatur über einen Auslöser am Fernglas in Betrieb gesetzt, strahlten die exakt ausgerichteten Lautsprecher hochfrequente Schallwellen ab. Sie reichten etwa 15 Meter weit und waren für das menschliche Ohr nicht hörbar, wohl aber für den Gehörapparat von Tieren. Rennpferde etwa reagieren panikartig auf den Schall - ohne daß bleibende Schäden am Gehör zu befürchten sind.
»Dieser James Laming«, prahlte Goldberg im Gerichtssaal, »hat das perfekte Gerät zum Betrug bei Pferderennen entwickelt.« Mit seiner ungewöhnlichen Verteidigungstaktik hofft der Anwalt auf Milde für seinen Mandanten. Folge das Gericht seinen Einlassungen, sei James Laming kein Kokainhändler, sondern ein »Mann, der unter anderen Umständen für seine Erfindung eine hohe wissenschaftliche Auszeichnung erhalten würde«.