SCHWEIZ Hungrige Generation
Als Ort von Massenaufläufen ist Freienbach am Südufer des Zürichsees bislang nicht aufgefallen. Höhepunkte des Gemeindelebens sind etwa das Schwyzer Kantonalturnfest oder ein Gottesdienst mit Autosegnung.
Bis Mitte vergangener Woche indes hatte sich das Dorf vorübergehend in eine nationale Wallfahrtsstätte verwandelt. Fast täglich strömten Tausende Menschen zum örtlichen Sportplatz. Dort schauten sie - lärmend, gebannt, erregt - 23 schwitzenden jungen Männern bei der Arbeit zu. Es waren die Spieler der »Nati«, der Schweizer Nationalmannschaft, die sich auf die Fußball-WM vorbereiteten.
Die vorläufige Klimax erreichte der Rausch um die Kicker nach deren letztem WM-Testspiel gegen China, das sie in Zürich leicht mit 4:1 gewonnen hatten. Die Spieler verabschiedeten sich auf einer Ehrenrunde von ihrem Publikum, das immer wieder »Hopp Schwiiz« ("Auf geht's, Schweiz") brüllte. Das war nicht nur als Aufmunterung zu verstehen. Es hörte sich eher an wie ein Auftrag.
Die Schweizer, gemeinhin ein unaufgeregtes Volk, zeigen sich in diesen Tagen heftig entflammt. Denn erstmals hat das Land, fragmentiert in 26 Kantone und 4 Sprachzonen, den Fußball als Vehikel zur Erweckung patriotischer Gefühle entdeckt.
Die Werbekampagne einer großen Bank spiegelt die aufgeladene Atmosphäre am besten wider. Auf einem der Motive ist ein Spieler im Nationaltrikot zu sehen, der in einem vollen Stadion steht, die Arme in die Hüfte gestemmt und heroisch ins Weite blickend, als wäre er zu allem entschlossen, sogar zum WM-Sieg. Vor ihm kniet ein Fan, der ihm eilfertig den Schuh bindet. Die Botschaft darüber ist ein Bekenntnis: »Die ganze Schweiz unterstützt die Nati«.
1994 in den USA, der letzten Weltmeisterschaft, für die sich die Schweiz qualifiziert hat, waren die Kicker schon froh, dabei zu sein. Genügsamkeit war ein Erkennungsmerkmal der Eidgenossen, selbst vor zwei Jahren bei der EM in Portugal formulierten die Spieler kaum höhere Ansprüche. »Wir waren zu zögerlich«, sagt Raphaël Wicky, Profi beim Hamburger SV und mit 29 Jahren einer der Ältesten im Team, »aber das hat sich radikal geändert.«
Nun tritt das Land zum ersten Mal bei einem großen internationalen Turnier mit einem Team an, das technisch und taktisch auf gehobenem Niveau agiert und üppig mit Talent versorgt ist. Die Zuversicht ist berechtigt. Einige der jungen Akteure wie Philippe Senderos oder Tranquillo Barnetta spielten bereits in der Nachwuchs-Auswahl zusammen, die vor vier Jahren in Dänemark U-17-Europameister wurde.
Zudem verfügen die Schweizer über genügend internationale Erfahrung: 17 der 23 Profis im WM-Kader sind im Ausland unter Vertrag, einige bei renommierten Adressen wie Arsenal London, Olympique Lyon oder dem AC Mailand. Und so verkündet Trainer Jakob Kuhn, 62, den alle nur »Köbi« nennen, vor den Spielen gegen Frankreich, Togo und Südkorea trocken: »Alles andere als die Qualifikation fürs Achtelfinale wäre eine Enttäuschung.«
Der Coach sitzt in der Lobby eines Zürcher Hotels und spricht, bedächtig formulierend, von »zielgerichteter Verfeinerung unseres Spielsystems«. Seit der ehemalige Profi des FC Zürich, der in den sechziger und frühen siebziger Jahren als bester Fußballer der Schweiz galt, 2001 den Posten des Nationaltrainers übernahm, hat er die Substanz der Mannschaft kontinuierlich verbessert. Von den letzten 19 Spielen hat die Schweiz nur eines verloren.
Sein uneitles Auftreten in der Öffentlichkeit und sein verbindlicher Umgang mit den Spielern haben den Zürcher, der seit seiner Kindheit im Arbeiterviertel Wiedikon hinter dem Hauptbahnhof lebt, zum wohl populärsten Schweizer der Gegenwart gemacht. Kuhn ist omnipräsent: Er wirbt in Fernsehspots für ein Energieunternehmen, ein Kreditinstitut und einen Lebensmittelkonzern. Selbst für die einheimische Landwirtschaft macht er sich mit hochgekrempelten Ärmeln stark: »Unsere Bauern sind Naturtalente.« Kuhn, urteilt der Zürcher Marketingexperte Dominique von Matt, sei »die Inkarnation der traditionellen Schweizer Werte«.
Während der Trainer klassische eidgenössische Ideale wie Solidität und Bescheidenheit verkörpert, repräsentiert seine Mannschaft die moderne Schweiz - ein Land, das nicht mehr krampfhaft auf seine politische und wirtschaftliche Sonderstellung in Europa fixiert ist.
Fast die Hälfte der Spieler kommt aus Immigrantenfamilien, sie sind sogenannte Secondos, Angehörige der zweiten Generation. Wie die französische Mannschaft sich mit Profis verstärkt, die in Nordafrika oder der Karibik geboren wurden, präsentiert sich heute auch die Schweizer Equipe als multikulturelle Institution - und als Spiegel einer Gesellschaft, in der etwa jeder Fünfte eingewandert ist.
So ist die Mutter von Abwehrspieler Philippe Senderos, 21, Spanierin, der Vater ist Serbe; die Familie des Mittelfeldspielers
Blerim Dzemaili, 20, kommt aus dem Kosovo; die Eltern des Mittelfeldmanns Ricardo Cabanas, 27, sind Spanier; und die Familie des Abwehrspielers Johan Djourou, 19, stammt von der Elfenbeinküste - der Mann von Arsenal London ist der erste schwarze Spieler im Nationalteam der Eidgenossen.
»Wir sind hungriger«, sagt Mittelfeldspieler Valon Behrami, 21, Prototyp der Secondos-Generation, der der Fußball den sozialen Aufstieg ermöglicht.
Als er fünf Jahre alt war, flohen seine Eltern 1990 mit ihm und seiner Schwester aus dem serbischen Teil des Kosovo ins Tessin. Der Vater, in seiner Heimat Verkaufsleiter einer Plastikfabrik, nahm einen Job als Arbeiter an, die Mutter verdiente ihr Geld als Putzfrau. Ein Asylantrag, den die Familie vier Jahre später stellte, wurde abgelehnt. Es drohte die Abschiebung. Dass die Behramis bleiben konnten, hatten sie vor allem dem Einfluss des früheren Tessiner Staatsrats Alex Pedrazzini zu verdanken. Der Sohn des Politikers spielte mit dem jungen Valon im selben Dorfclub Fußball.
Mittlerweile ist Behrami ein Star der italienischen Serie A. Mit 18 wechselte er vom FC Lugano zum italienischen Zweitligisten FC Genua, mit 19 kam er zu Hellas Verona, und mit 20 landete er für 6,4 Millionen Euro Ablöse bei Lazio Rom.
Behrami ist dort angekommen, wo er immer hinwollte: in der Welt der Neureichen. In den Boulevardmagazinen präsentiert er sich als Beckham der Schweiz. Auch sonst tut Behrami alles dafür, das Klischee vom kickenden Beau zu bedienen. Das blondierte Haar ist mit Gel durchtränkt, beide Unterarme zieren mächtige Tätowierungen, die Kabine verlässt der Profi vorzugsweise mit Mobiltelefon am Ohr, und auch seine Hobbys sind systemkonform - einerseits Shoppen, andererseits Ausfahrten mit den eigenen Nobelkarossen, einem BMW und einem Porsche.
In Freienbach gehörte Behrami nach den Trainingseinheiten zu den Spielern, die am ausdauerndsten Autogramme schrieben, die für die meisten Erinnerungsfotos posierten und denen die schrillsten Zurufe der jungen Mädchen galten.
Bei der WM-Vorbereitung am Zürichsee war allerdings auch zu beobachten, wie verbissen Behrami sich nach oben gekämpft hat. Bei einem lockeren Spiel auf dem Kleinfeld grätschte er einmal mit rüdem Einsatz in die Beine des Ersatztorhüters Diego Benaglio, der gerade den Ball führte.
Nach minutenlanger Behandlung wurde der humpelnde Torwart schließlich von zwei Mannschaftsärzten in die Kabine begleitet. Behrami hat sich nicht entschuldigt. MICHAEL WULZINGER