FUSSBALL »Ich habe Hass verspürt«
Voss, 35, spielte 125-mal in der deutschen Nationalelf, wurde 1995 Vizeweltmeisterin, viermal Europameisterin und gewann elf nationale Vereinstitel. Die Duisburgerin arbeitet als Verbandstrainerin am Niederrhein. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Frau Voss, am Sonntag geben Sie mit dem FCR Duisburg nach 20 Jahren Fußball Ihr Abschiedsspiel gegen die Nationalmannschaft. Wieso sind Sie in Deutschland nie ein Star geworden?
Voss: Fußball ist bei uns nun mal die populärste Männersportart. Im »ZDF Sportstudio« zeigen sie lieber fünfmal das Tor von Giovane Elber als einmal die Ergebnisse der Frauen-Bundesliga. In Amerika ist das unvorstellbar. Fußball ist dort Frauenfußball. Zu Spielen des US-Nationalteams kommen bis zu 80 000 Zuschauer.
SPIEGEL: Als Sie Ihre Karriere 1983 begonnen haben, galt Frauenfußball noch als Vergnügen unästhetischer Mannweiber ...
Voss: ... das hat sogar meine Mutter so gedacht. Sie sagte: »Fußball ist nichts für Mädchen. Du bist so zart. Ich will das nicht, mach was anderes.« Ich habe dann Handball und Tischtennis gespielt, aber Fußball war immer meine heimliche Liebe.
SPIEGEL: Wie haben Sie sich durchgesetzt?
Voss: Das hat Jahre gedauert. Schon mit vier habe ich mit den Jungs aus der Nachbarschaft gespielt. Als ich etwas älter war, wurde ich immer als Erste gewählt, wenn wir Straßenmannschaften gebildet haben.
SPIEGEL: War das der Ritterschlag?
Voss: Es war eine kleine Revolution. Aber ich wollte immer in einen Verein. Als ich zwölf war, hat mich ein Trainer im Freibad Fußball spielen gesehen. Er kam zu uns nach Hause, um meine Mama zu überreden. Aber da war nichts zu machen. Aus Trotz habe ich vier Wochen kein Wort mit ihr gesprochen. Erst mit 15 habe ich mich durchgebissen. Als ich dann erstmals in der Zeitung stand, war Mama furchtbar stolz.
SPIEGEL: Fünf Monate vor den Olympischen Spielen 2000 in Sydney wurden Sie aus der Nationalmannschaft geworfen, weil Sie ein Verhältnis mit einer Mitspielerin hatten.
Voss: Beim DFB hat bis heute niemand den Mut gehabt, mir das so zu sagen.
SPIEGEL: Was war passiert?
Voss: Zwei Tage vor einem wichtigen Länderspiel gegen Italien trafen wir uns mit der Nationalelf. Im Hotel erfuhr ich, dass meine damalige Lebensgefährtin, die auch in der Mannschaft spielte, eine Affäre hatte. Ich war total fertig. Deshalb erzählte ich Bundestrainerin Tina Theune-Meyer, eine Freundin von mir sei schwer verunglückt.
SPIEGEL: Warum diese Notlüge?
Voss: Ich war ziemlich aufgelöst. Ich fuhr zu Freunden, die mir rieten, der Bundestrainerin die Wahrheit zu sagen. Am selben Abend reiste ich zurück und redete ganz offen mit Theune-Meyer. Sie zeigte Verständnis für mich und sagte: »Ich habe auch schon Lebenskrisen gehabt. Ich weiß, wie du dich fühlst. Ich will nur eins: dass du für die Mannschaft da bist.« Danach war ich total erleichtert. Doch am nächsten Tag verbot sie mir, am Training teilzunehmen. Sie sagte, ich sei psychisch nicht in der Verfassung zu spielen. Es gab eine ellenlange Diskussion. Am Ende hat Theune-Meyer einfach gesagt: »Ich will jetzt, dass du abreist.«
SPIEGEL: Das ließen Sie sich gefallen?
Voss: Ich habe tagelang vergebens versucht, mit ihr ein klärendes Gespräch zu führen. Eine Woche später hat sie mir am Telefon mitgeteilt, dass ich nicht mehr für die Nationalelf berücksichtigt würde. Und dass es eine Bauchentscheidung sei.
SPIEGEL: Wie haben Sie sich gewehrt?
Voss: Ich wollte dem DFB unbedingt erklären, was passiert war. Ich weiß ja bis heute nicht, welche Gründe Theune-Meyer dem Präsidium für den Rausschmiss präsentiert hat. Deshalb habe ich dem damaligen DFB-Präsidenten Egidius Braun einen Brief geschrieben. Er sollte vermitteln.
SPIEGEL: Was hat er geantwortet?
Voss: Ich sei eine verdiente Spielerin, doch die Trainer-Entscheidung könne er nicht rückgängig machen. Das hatte ich gar nicht verlangt. Er sollte meine Position erfahren. Ich habe ihm noch einen Brief geschrieben. Eine Antwort habe ich nie erhalten.
SPIEGEL: Wie haben Ihre Mitspielerinnen, die um die Krise mit Ihrer Partnerin wussten, auf den Rauswurf reagiert?
Voss: Die Mannschaft war feige. Die wollten alle zur Olympiade, keine wollte ihren Platz riskieren. Es gab Spielerinnen, die sich später für ihr fehlendes Rückgrat bei mir entschuldigt haben: Steffi Jones zum Beispiel. Enttäuscht war ich besonders von Doris Fitschen, der zweiten Spielführerin.
SPIEGEL: Wie haben Sie diese Enttäuschung verkraftet?
Voss: Ich habe mich nächtelang in den Schlaf geweint und sogar Hass verspürt.
SPIEGEL: Wie ist heute Ihr Verhältnis zu Theune-Meyer?
Voss: Es ist kollegial. Ich habe die Geschichte verarbeitet. Ich respektiere sie als Bundestrainerin. Wir führten auch schon das eine oder andere Arbeitsgespräch.
SPIEGEL: Ihr Fall belegt: Homosexualität im Fußball ist beim DFB ein Tabuthema. Wie erklären Sie sich das?
Voss: Ich weiß auch nicht, wovor man beim DFB Angst hat. Vielleicht liegt es daran, dass das Präsidium von Männern dominiert wird - und die denken in Sachen Homosexualität ja eher konservativer als Frauen. Ich wünsche mir, dass man offensiver mit dem Thema umgeht. Dann gäbe es auch nicht so viele Gerüchte, und viele Vorurteile würden abgebaut.
SPIEGEL: Wie kommt es, dass sich bislang kaum eine Spielerin öffentlich zu ihrer Homosexualität bekannt hat?
Voss: Ich kann nur für mich sprechen. Ich stehe zu den Dingen, die ich getan habe. Die sechs Jahre, die ich mit meiner Partnerin zusammen war, bereue ich nicht. Heute weiß ich, dass ich nie mehr mit einer Frau zusammenleben werde. Ich stehe auf Männer. Aber es ist doch so: Wenn ich Fußball spiele, zählt die Leistung auf dem Platz und nicht, mit wem ich Händchen halte. INTERVIEW: MAIK GROßEKATHÖFER,
MICHAEL WULZINGER