Hooligans Im schwarzen Block
Acht Jahre lang führte Bill Buford, 38, ein Doppelleben. Werktags widmete sich der Herausgeber der Londoner Zeitschrift Granta der Literatur, am Wochenende hingegen pflegte Buford eine sonderbare Liebhaberei: Er begleitete die Fans von Manchester United und anderen britischen Fußballklubs bei ihren Kriegszügen quer durch England, nach Italien und Deutschland.
Der Schöngeist, der einst die Elitehochschulen in Berkeley und Cambridge absolvierte und nun Schriftsteller wie Salman Rushdie zu seinen Freunden zählt, folgte den Hooligans in ihre Pub-Höhlen, lauschte ihren rassistischen Tiraden, betrank sich mit ihnen bis zur Besinnungslosigkeit.
Über seine Erfahrungen schrieb er ein Buch, das jetzt unter dem Titel »Geil auf Gewalt« auf deutsch erschienen ist: packende Reportageliteratur mit alptraumartigen Szenen und groteskem Witz, voll von scheußlichen Einzelheiten*. Vor allem aber von einer eisigen, amoralischen Präzision, die an die Kriegstagebücher Ernst Jüngers erinnert.
Bufords Geschichte beginnt auf einem walisischen Provinzbahnhof, wo sich der Autor zufällig einem Sonderzug voll randalierender Fußballfans gegenübersieht. Ebenso verblüfft wie neugierig nimmt er das für ihn fremdartige, von zivilisatorischen Regeln unberührte Betragen der Hooligans wahr. Er beschließt, den Dingen auf den Grund zu gehen - obwohl er sich bis dahin überhaupt nicht für Fußball interessiert hat.
Es gelingt ihm, das anfängliche Mißtrauen seiner Zielgruppe gegen ihn, den amerikanischen »Wichser«, zu überwinden, vor allem dank einer im Zuge der Recherchen antrainierten Trinkfestigkeit. Als Saufkumpan anerkannt, darf er fortan bei allen Exzessen mitmachen. _(* Bill Buford: »Geil auf Gewalt. Unter ) _(Hooligans«. Aus dem Englischen von ) _(Wolfgang Krege. Hanser-Verlag, München; ) _(360 Seiten; 29,80 Mark. )
Was Buford interessierte, war nicht die wissenschaftliche Frage nach den Gründen der Gewalt, obwohl er die Klassiker der Massenpsychologie, von Gustave Le Bon bis Elias Canetti, natürlich gelesen hat und zitiert. Er wollte vielmehr wissen, »was geschieht, wenn es losgeht«, er wollte an die Gewalt »so nah wie möglich herankommen«, um herauszufinden, »wie sie funktioniert«.
Bei seinem Experiment, einem Selbstversuch der extremen Art, hat der Autor sich und dem Leser nichts erspart. In einem Charterflugzeug voller Fans von Manchester United reist er zu einem Europapokalspiel nach Turin; schon bei der Ankunft in Italien sind die Passagiere schwer betrunken. Mitten in der marodierenden Horde, die eine Schneise der Verwüstung durch die Stadt legt, bewegt sich der Chronist mit seinem »kleinen, schwarzen Notizblock in der Gesäßtasche«.
Minutiös registriert er die Eskalation der Gewalt, die Angriffe auf die Autofahrer, das Zersplittern von Fensterscheiben - und hält fest, wie er selbst zum Teil der beobachteten Masse wird: »Mir war, als sei ich schwerelos.«
Auch den unter den Hooligans grassierenden Rassismus lernt Buford hautnah kennen. Rechtsradikale Fans verschaffen ihm Zutritt zu einem Lokal, in dem Neofaschisten unter sich sind. Trotz der Kaltschnäuzigkeit, die er im Rückblick zur Schau trägt ("Ich hatte Gelegenheit, den Teufel persönlich kennenzulernen, und wollte herausfinden, ob er seinen schlechten Ruf verdient"), flüchtet sich der Besucher vor grölenden »Sieg Heil«-Chören und einer vor Aggressivität kochenden Atmosphäre in den rettenden Rausch.
Bei einer von zwei gegnerischen Fangruppen zielstrebig herbeigeführten Straßenschlacht kostet Buford das Lustgefühl aus, mit brodelnden Massen eins zu werden: »Ich genieße es. Mich erregt es. Es wird etwas passieren: Die Menge hungert nach dem Ereignis, und der Hunger wird gestillt werden müssen.«
Mit »tiefer Befriedigung« registriert er das »leise, dumpfe Krachen« einer »zerschmetterten Windschutzscheibe«. »Es kam mir vor, als schwebte ich über mir selbst und könnte alles wie in Zeitlupe und in einer überwältigenden Detailschärfe wahrnehmen.« Die Droge Gewalt bedeutete für ihn »die Erfahrung absoluten Erfülltseins«.
Der amoralische Kitzel solcher Sätze kommt für ihren Verfasser auf literarischer Ebene womöglich dem drogenähnlichen Kick nahe, den Massengewalt erzeugen kann. Aber das provokative Bekenntnis zur Lust an der Zerstörung ist nicht sein letztes Wort.
Das Buch endet mit einer Reportage von den Krawallen am Rande der Fußballweltmeisterschaft des Jahres 1990 in Italien. Nicht die britischen Hooligans, sondern die wohlvorbereiteten italienischen Polizisten bleiben hier siegreich. Eine Handvoll Carabinieri prügelt so lange methodisch auf den teilnehmenden Beobachter Buford ein, bis der nur noch ein wimmerndes Häufchen Elend ist.
Auch diese einprägsame Gewalt-Erfahrung, sein ganz persönliches Purgatorium, schildert Buford detailfreudig und mit kühler Distanz. Es ist, als ziele er darauf ab, sich durch die Erinnerung an seine Qualen vom Selbstekel zu befreien: von seiner langjährigen Komplizenschaft mit jenem Phänomen, dem er auf die Spur kommen wollte.
* Bill Buford: »Geil auf Gewalt. Unter Hooligans«. Aus demEnglischen von Wolfgang Krege. Hanser-Verlag, München; 360 Seiten;29,80 Mark.