Immer Ärger
Beim Bernd Schuster weiß kein Gegner, was passiert«, lobte Trainer Hennes Weisweiler beim 1. FC Köln den blonden Nationalspieler. Was mit dem Star passiert, wissen oft nicht einmal seine Arbeitgeber. Telegraph, Telephon und Telex rasseln jedesmal, bevor die Bundesrepublik irgendwo ein Länderspiel austrägt.
Immer lautet die Anfrage: Kommt Schuster? Wer hat ihn zuletzt gesehen? Spielt er? Beim Länderspiel in Sofia war er aufgestellt, erschien aber nicht. Fürs Länderspiel letzte Woche in Stuttgart gegen Brasilien besaß er zwar keine Freigabe von seinem Klub FC Barcelona, er war aber plötzlich doch da.
Erklärungen gibt Bernd Schuster, 21, kaum. »Ein Mißverständnis«, sagt er allenfalls. Aber eines erwähnt er stets: »Es gibt nichts Schöneres als die Nationalmannschaft.«
Für alle, die mit ihm zu tun haben, gibt es nichts Aufregenderes. Seine Mutter in Augsburg wandte sich einmal mit einem offenen Brief in einer Illustrierten an den mitteilungskargen Sohn. Sie machte sich Sorgen.
Wenn Schuster in Barcelona beim Training fehlt, läßt der Klub Detektive ausschwirren. Besonders in Köln, woher seine Frau stammt und wo er ein paar Freunde hat, klingeln dann die Telephone. Die auflagenstärksten Zeitungen erheben die Schustersuche zur Hauptschlagzeile.
»Kein Werbefachmann kann wirksamere PR-Aktionen aushecken«, murrte der deutsche Bundesjugendtrainer Dietrich Weise. Doch Bundestrainer Jupp Derwall übte Nachsicht: »So einem jungen Mann darf man so schnell nichts übelnehmen.«
Die bundesdeutsche Sportpresse indes nimmt übel. Vor allem beteiligt sie sich an der Erziehung des jungen Mannes, der 1980 für mehr als vier Millionen Mark Ablöse vom 1. FC Köln zum FC Barcelona wechselte und ein Jahresgehalt von rund 500 000 Mark -fast steuerfrei -- kassiert.
»Engel oder Bengel«, fragte die »Süddeutsche Zeitung«. In der »Welt« hieß es: »Nirgendwo können die Stühle eng genug zusammen stehen, daß sich Schuster nicht doch dazwischen setzt.« Bei »Bild« kam Zorn auf: »Extrawurst für Schuster.« Der Gescholtene räumte ein: »Ich habe Fehler gemacht.«
Wie es nach oben geht im Profifußball, hatte der Junge aus dem Augsburger Arbeiterviertel Hammerschmiede schon mit 17 gelernt. Damals spielte er in der ersten Jugendmannschaft des FC Augsburg. Als immer häufiger Bundesligatrainer zuguckten, witterte der verschuldete Klub ein gutes Geschäft. Für 100 000 Mark Ablösesumme griff der 1. FC Köln zu.
Borussia Mönchengladbach bot sogar 200 000 Mark. Noch ein Vertrag kam zustande. Das Arbeitsgericht entschied zugunsten der Kölner Käufer.
Für Jung-Schuster fiel nur ein Monatsgehalt von 1400 Mark ab -- das mit Abstand geringste, das 1978 in der Bundesliga gezahlt worden ist. In einer Kölner Disco lernte der Lieblingsspieler von Trainer Hennes Weisweiler ("Der beste Fußballer, den ich je im Training gehabt habe") eine akkurat ondulierte Blondine kennen, die sieben Jahre ältere Gaby Lehmann. Sie posierte tagsüber für Werbephotos.
Schuster verließ ohne Abmeldung seine Junggesellenbude. Als seine Freundin in Lack und Leder das Training inspizierte, meldete Weisweiler Protest an: »Dat Luder muß weg.«
Doch Schuster heiratete, und bei Gabys erster Bestandsaufnahme war eine Gehaltserhöhung fällig: »Sie haben mein Engelchen bei der Anwerbung über den Tisch gezogen«, erklärte Frau Schuster.
Während andere Spieler sich oft allzu eigensüchtigen Managern ausgeliefert hatten, überließ Schuster alle Geschäfte seiner Frau. Der 1. FC Köln benutzte jede Gelegenheit, die aufmüpfigen Eheleute einzuschüchtern.
Schuster beschimpfte Weisweilers Nachfolger Karl-Heinz Heddergott im Training; er soll ihn sogar »Flasche« oder »Amateur« genannt haben. Der Klub hielt zum Trainer und verhängte Geldstrafen. Dann raunzte Heddergott den Spieler an: »Ich will dich hier beim Training nicht mehr sehen.«
Die Schusters nutzten die günstige Gelegenheit. Der 1. FC Köln erhielt eine fristlose Kündigung. Nur mühselig konnte sie in eine fristgerechte umgewandelt werden. Schusters Lieblingstrainer Hennes Weisweiler betreute inzwischen Cosmos New York und wollte »den neuen Kaiser«, so Frankreichs Sportzeitung »L'Equipe«, in die US-Liga holen. Als die Kölner fünf Millionen S.186 Mark verlangten, sagte Weisweiler: »Dafür kauft Cosmos nur Häuser.«
Schließlich einigten sich die Klubherren auf 3,6 Millionen. Doch nun durchkreuzte die US-Gewerkschaft den Handel. Sie verlangte, die meisten Kicker-Arbeitsplätze Einheimischen vorzubehalten.
Da stieg der FC Barcelona in das Schuster-Geschäft ein. In den ersten sieben Spielen schoß »das blonde Gold« ("ABC") sechs Tore, Barcelona kletterte vom elften auf den vierten Rang. Schwieriger gestaltete sich die Verbindung zur Nationalmannschaft.
Als Schuster zum Länderspiel gegen Frankreich nach Hannover reisen wollte, erschienen in der Illustrierten »Interviu« Nacktphotos seiner Frau. Tagelang wagte er sich nicht auf die Straße, dann flohen beide nach Köln. Als Schuster endlich bei der Nationalmannschaft eintraf, feixten die Mitspieler anzüglich. Bundestrainer Derwall erklärte das Thema für tabu.
Vor dem Länderspiel in Sofia gegen Bulgarien hatte Schuster seinen noch telephonlosen neuen Bungalow bei Barcelona bezogen. Als Magenkrämpfe den gebeutelten Star befielen, schlich er sich in seinen telephonbestückten Mercedes. Aber Frau Derwall im saarländischen Dudweiler meldete sich nicht. Bundestrainer Derwall in Sofia wartete vergebens.
Einhellig verlangten Spieler und Presse, Schuster dürfe nie mehr für Deutschland spielen. Doch Derwall hielt weiter zu ihm. Österreichs Bundestrainer Karl Stotz pflichtete ihm nach der 0:2-Niederlage gegen Deutschland bei: »Dieser Junge ist ein Naturereignis.«
Vor dem Länderspiel gegen Brasilien gerieten der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und der FC Barcelona aneinander. Frau Schuster eilte drei Tage vorher mit ihrem Mann nach Köln. Barcelona sandte wieder Fahnder aus, die den unentschuldigt fehlenden Spieler unter Androhung von 25 000 Mark Geldstrafe heimbringen sollten.
In der Nacht mußten Filialleiter einer Bank in Köln jenen Safe öffnen, in dem Schusters Vertrag mit dem FC Barcelona lag. Er erwies sich als unvollständig. Das Abkommen zwischen DFB und Klub war aber noch nicht unterzeichnet. Endlösung: Barcelona billigte Schuster eine Halbzeit gegen Brasilien zu. Als er ging, stand es 1:0 für Deutschland, beim Schlußpfiff 2:1 für Brasilien.
Doch fünf Tage später wollten die Deutschen in Lahti gegen Finnland auf ihren Schusterjungen ganz verzichten. Statt nach dem Brasilien-Spiel am feucht-fröhlichen Mannschafts-Treff (DFB-Jargon: »Die blaue Stunde") teilzunehmen, speiste der Star mit seiner Frau zur Nacht. Nun polterte auch Fürsprecher Derwall: »Ich will ihn in der Nationalmannschaft nicht mehr haben -- wenigstens einmal.«