Fußball Immer geradeaus
Ganz schnell will eine Fotografin mit dem Fußballspieler Eric Wynalda einen Aufnahmetermin für eine Wohltätigkeitsaktion abstimmen: »Kommenden Mittwoch nach dem Training, alles klar?«
Da müsse er, antwortet der Bundesligaprofi, erst mal im Terminkalender nachsehen, »ein Fußballer hat viel zu tun«. Und ohne die Erlaubnis des Trainers gehe sowieso nichts: »Er muß es mir selbst sagen, ganz ausdrücklich.«
Eric Wynalda, 23, ist sichtlich stolz, den Angriff mit der Flexibilität eines deutschen Chefbuchhalters abgewehrt zu haben. »In Deutschland«, sagt der Kalifornier und zieht dabei mit der Hand einen Strich durch die Luft, »geht es immer geradeaus.«
Erst vor vier Monaten haben die Saarländer den Stürmer für 700 000 Mark von den San Francisco Bay Blackhawks erworben und damit zunächst einmal nur ein kleines Stück weite Welt ins rezessionsgeplagte Kohle- und Stahlrevier geholt. Wynalda paßte in alle gängigen Klischees amerikanischer Lebensart: ein Sponti, der McDonald's mag und den Surfsport, der früher einmal als Bademeister gejobbt hat und, rein äußerlich, sowohl bei »Dallas« mitspielen als auch für Warenhauskataloge Modell stehen könnte.
Doch dann erwies sich der Fußballer aus dem Land, das bisher nur Basketballer, Footballspieler oder Boxer richtig groß werden ließ, auch noch als sportlicher Glücksgriff. Mit seinen Toren schoß der 41malige amerikanische Nationalspieler den Aufsteiger 1. FC Saarbrücken ins Mittelfeld der Bundesliga, gleichzeitig steigerte er seinen Marktwert auf 3,5 Millionen Mark.
Im Strafraum, wo die deutschen Kollegen meist schwerfüßig den Ball bearbeiten, hat der US-Import, wie sein Trainer Peter Neururer findet, »immer etwas Geniales drauf«. Die Welt mutmaßte schon nach dem zweiten Spieltag dieser Saison, der »Big Mac am Ball« sei »wie eine Springflut übers Saarland hereingebrochen«.
Und daß einer wie Wynalda, der sich gegen den kühlen deutschen Herbst beim Training stets mit Handschuhen schützt, nach der Hinserie zusammen mit vier weiteren Ausländern unter den Top Ten der Bundesligatorschützen ist, nutzte Sport-Bild in der aktuellen Asyldebatte gleich zu einem Hinweis an die rechten Fußballfans: Tore sind wichtig, egal wer sie schießt.
Der kollektiven Verbeugung vor dem fremdländischen Temperament will der Stürmer jetzt entgegenwirken. Aus Furcht, als Mickymaus- oder Hollywood-Kicker bespöttelt zu werden, betreibt er eifrig Imagekorrektur: Eric Wynalda möchte ein guter Deutscher werden.
Wann immer er über seine Erfahrungen »in the German Bundesliga« referiert, schwärmt der ehemalige College-Boy in salbungsvollem Ton von der »deutschen Mentalität«. Wie seine Mitspieler ihren Beruf verstehen, findet er »einfach perfekt«.
Begriffe wie Disziplin, Kampfkraft, Energie und Wille gehen dem Amerikaner bereits über die Lippen, als habe er einen Schnellkursus bei Bundestrainer Berti Vogts absolviert. Wie antrainiert wirkt es auch, wenn Wynalda kundtut: »Fußball kann man gar nicht ernst genug nehmen.«
Natürlich, sagt der wendige Kalifornier, habe er auch in den Staaten schon mit dem Ball einiges anfangen können. Doch ernst genommen habe ihn, der nur deshalb nicht Footballspieler wurde, weil sein Vater keinen »verbeulten, hohlköpfigen Kerl« zum Sohn haben wollte, niemand. Die Amerikaner glaubten halt »in jeder Beziehung die Größten zu sein, nur nicht im Fußball«. Und mit US-typischer Lockerheit sei es auch nicht weit hergewesen. Wenn ihm schon mal ein Trick mißglückte, sei er schnell der »fucking bastard« gewesen.
So falle es ihm, sagt er, ganz und gar nicht schwer, daß er heute nicht mehr am Strand liegen kann, wenn ihm danach ist. Dafür kennt er jetzt das Glaubensbekenntnis eines richtigen Saarbrücker Profis: »I love the Altstadt.« Auch daß der bemerkenswert gute Golfer (Handikap 5) in Saarbrücken noch keine Zeit fand, eine Runde zu spielen, nimmt Wynalda gern in Kauf: »Für mich gibt es jetzt nur noch Fußball.«
Daß die Emotionalität, die Wynalda bislang auf dem Fußballplatz auslebte, von deutschen Grundtugenden erstickt worden ist, fürchten seine Kollegen noch nicht, obgleich der Mittelstürmer zuletzt etwas gehemmt wirkte. Als Beweis für ungebrochene Unbekümmertheit werten sie kleine Episoden abseits des Stadions. So lud Wynalda vier Mitspieler samt Partnerinnen zur Wohnungseinweihung. Die Gäste, auf ein opulentes Dinner eingerichtet, fanden einen Tisch, einen Stuhl, einen leeren Kühlschrank und einen erstaunten Gastgeber vor: Die Einladung sei doch »amerikanisch, also nicht ernst gemeint gewesen«.
Und Trainer Neururer wertet es als gutes Zeichen, wenn sich Wynalda weiterhin stundenlang mit dem Russen Jurij Sawitschew unterhält - obwohl der eine nicht Russisch, der andere nicht Englisch und beide zusammen nicht Deutsch sprechen. »Hier haben viele einen weg«, gesteht der Saarbrücker Chefbetreuer, »und das ist auch gut so.«
Zudem schätzt Wynalda die deutsche Mentalität keineswegs als Wert an sich. Vielmehr hat er schnell begriffen, wie leicht er als Fußballer zu Wohlstand gelangen kann, wenn er sich nur den öffentlichen Erwartungen anpaßt. So harmonieren dann die Bekenntnisse zum deutschen Wesen aufs trefflichste mit seinem ausgeprägten Talent als Vermarkter.
Als ihn das Publikum schon nach seinen ersten Toren zum neuen Liebling des Saarlands erklärte, hatte Wynalda eine ebenso simple wie erfolgreiche Marketingidee. Im Sportgeschäft seines Vaters ließ er 3000 T-Shirts mit seinem Kopf bedrucken, die er jetzt über die Saarbrücker Geschäftsstelle mit zehn Mark Gewinn pro Hemd vertreibt.
Weil das Geschäft so gut läuft, beorderte der Profi bereits seinen Bruder Brandt zur Unterstützung nach Deutschland. Der hat sich als Manager schon bewährt: Eric Wynalda wirbt mittlerweile für einen örtlichen Wurstfabrikanten und ist auf Reklametafeln in der Innenstadt so oft vertreten wie sonst nur Landesvater Oskar Lafontaine zu Wahlkampfzeiten.
Schon jetzt, bekennt Wynalda zufrieden, habe es sich für ihn gelohnt, in Deutschland und nicht - wie es ihm mehrfach angeboten wurde - in der englischen Liga angeheuert zu haben. Die Unterschrift bei einem britischen Profiklub hätte der weiteren Karriereplanung im Wege gestanden. Eric Wynalda kennt keinen englischen Profi, der es in Italien zu etwas gebracht hätte: »Großgeworden sind da nur die Deutschen.«
Italien ist schließlich auch sein Ziel, das hat er seinem Trainer schon anvertraut. Neururer weiß: »Der Junge will nur eins: Kohle machen.«