OLYMPIA In dünner Luft
Nachdem Sven Hannawald seinen letzten olympischen Sprung gelandet hatte, riss er die Arme in die Höhe. Er ballte die Fäuste und schrie irgendwas in den hellblauen Morgen. Er schien sich zu freuen, die Frage war allerdings, worüber.
Wie schon im ersten Durchgang des Mannschaftswettbewerbs war er zehn Meter kürzer gesprungen als die Besten. Er hätte eigentlich traurig sein müssen. Die Fäuste des deutschen Skispringers aber verharrten noch über seinem Kopf, als die Punkte auf der Anzeigetafel ihm sagten, dass jeglicher Jubel unangebracht war. Einen Moment schien es so, als wolle er den Zuschauern und auch sich selbst zeigen, dass ihm nichts, auch kein noch so kurzer Sprung die Stimmung verderben könne.
Es stimmte, es passte. Er machte sein Zeug. Alle wussten das.
Es war eine bedrückende Situation. Die Zuschauer im Auslauf beklatschten den Deutschen artig, wie einen alten Mann, der an einem Trick scheitert, den er früher als Junge immer gut konnte.
Später sagte Hannawald, er habe sich gar nicht richtig gefreut, denn wenn er sich richtig freue, fliege ihm »der Arm weg«. Dann war auch von einer plötzlich aufgetauchten Muskelentzündung im Schienbein die Rede, die ihn behindert habe. Und von der Freude über den Mannschaftserfolg, zu dem er, trotz der Muskelentzündung, habe beitragen können. Sven Hannawald wiederholte die Floskel: »Ich mache mein Zeug« wie ein Stoßgebet. In einer Sekunde hüpfte er wie verrückt in die Höhe, schwenkte die deutsche Fahne, in der nächsten starrte er verloren in die Ergebnisliste. Er war 14. und hatte gewonnen. Die alten Antworten funktionierten nicht mehr, seine Gefühlswelt schien in Unordnung geraten zu sein.
Sven Hannawald ist als erfolgreichster deutscher Skispringer aus Salt Lake City zurückgekehrt, er hat eine Goldmedaille und eine Silbermedaille gewonnen. Aber die Frage ist, ob er dabei seinen Schwung verloren hat, der ihn bislang so leicht durch den Winter trug.
Der Schwung ist etwas, das man schwer beschreiben kann. Bundestrainer Reinhard Heß nennt ihn auch den »Lauf«. Klar ist, dass Hannawald ihn hatte, als er nach Amerika reiste. »Der Sven kann in diesem Winter sogar den Absprung verpassen und fliegt trotzdem weit«, sagte Heß am vierten Tag der Olympischen Spiele. Der Trainer saß an einem Holztisch im Kufenstüberl von Park City und rang nach Worten, um das Unbeschreibbare deutlich zu machen.
»Man spürt es praktisch am Ende des ersten Flugabschnitts. So nach 20 Metern. Da hat man irgendwas unter den Ski, was einen trägt«, sagt Heß und schaut verzweifelt. »Oder man spürt nichts. Der Ski lebt dann an der Kotzgrenze, wie wir sagen.« Heß trug den schwarzweißen Norwegerpullover des Deutschen Skiverbandes, der ihn weihnachtlich aussehen ließ, und hatte Tränen in den Augen. Seine schweren Hände schwebten überm Kneipentisch wie Sprungski an der Kotzgrenze.
»Wissen Sie, ich bin seit 35 Jahren Trainer, vorher bin ich selbst gesprungen. Aber ich weiß es nicht. Es ist im Kopf. Es ist da, und dann ist es wieder weg, und bei richtig guten Leuten kommt es auch wieder. Der Dieter Thoma war ein toller Flieger. Vielleicht besser als der Jens Weißflog, aber Jens war im Kopf stärker. Dieter hat immer so ein bisschen genervelt. Aber er explodierte, nachdem Jens zurücktrat. Martin Schmitt wird auch wiederkommen. Der Martin hat es. Der war in der Vorbereitung so gut, besser als der Sven. Aber hier ist der Sven dann wieder vorn. Man kann es nicht erklären. Es ist verrückt.«
Hannawald gewann gleich zum Anfang der Olympischen Spiele auf der kleinen Schanze Silber. Der bis dahin kaum bekannte Schweizer Simon Ammann schlug ihn ganz knapp. Das US-Magazin »Sports Illustrated« hatte in seiner Olympiaprognose den Polen Adam Malysz auf der kleinen Schanze auf Platz eins gesetzt, Hannawald auf zwei. Für die große Schanze tippten sie es umgekehrt. Einen Ammann gab es in den »Sports Illustrated«-Tipps nicht.
Ammann hüpft am Ende durchs Tal, als sei irgendetwas mit ihm passiert, was er noch nie erlebt habe. Er hat noch kein einziges Weltcupspringen gewonnen, und jetzt ist er hier Olympiasieger.
Malysz wird Dritter. Was ist sein Geheimnis?
»Ich bin früh schlafen gegangen«, sagt Malysz. Dann schweigt er. Er hat am Anfang der Saison fast alle Weltcupspringen gewonnen. Er galt als nahezu unschlagbar. Dann kam Hannawald und siegte bei allen vier Springen der Vierschanzentournee, was vor ihm keiner geschafft hatte, 50 Jahre lang. Beim Weltcupspringen in Zakopane pfiffen 100 000 polnische Zuschauer Hannawald aus. Er musste von zehn Bodyguards geschützt werden. Hannawald hatte Malysz den Schwung abgenommen. Der Schwung kam und ging, er griff sich die Springer, wie er wollte. Jetzt spürte ihn eben Simon Ammann aus der Schweiz.
»Es hat mich einfach weggetragen«, sagt Ammann. »Es passt einfach alles, es ist ein wunderschönes Gefühl. Ich weiß auch nicht. Ich kann besser springen als reden.«
Am nächsten Tag schreiben die Boulevardzeitungen, Simon Ammann könne zaubern wie Harry Potter, dem er ähnlich sehe. Aus diesem Grund lädt ihn wohl auch David Letterman in seine Talkshow ein. Ein Zauberer aus der Schweiz.
Am Abend seines ersten olympischen Erfolgs sitzt Hannawald mit Heß und Otto Schily auf der Bühne des Deutschen Hauses von Salt Lake City. »Das ist ein guter Tag«, sagt Schily mit einem Gesichtsausdruck, als habe er das heute morgen angeordnet. Schily erinnert an Gott. Vor ein paar Stunden hatte er, umringt von Journalisten, verkündet: »Skispringen ist auch ein schöner Sport.« Der Sprecher des NOK, Klaus Angermann, schiebt Sven Hannawald das Glückwunschtelegramm von Johannes Rau zu und sagt: »Lies das vor, Sven.«
Hannawald gehorcht. Später wird der Nordisch Kombinierte Ronny Ackermann von Angermann dafür gemaßregelt, dass er keine Medaille gewonnen hat. Ackermann sucht nach Gründen, findet aber keine. Der Innenminister erklärt, es sei nicht so schlimm. »Dafür hat ja Claudia Pechstein gewonnen. Mit Weltrekord«, sagt Schily. »Die ist auch beim Bundesgrenzschutz.« Ackermann scheint nicht erleichtert zu sein.
Angermann fragt Schily, ob er auch Schlittschuh läuft. »Ja, auf dem Grunewaldsee«, sagt Schily. Die Funktionäre la-
chen. Axel Achten, Chef des Deutschen Hauses, steht minutenlang mit zwei verschiedenen Bieren im Stillgestanden, weil er nicht weiß, ob der Innenminister lieber Pils oder Weizen trinkt. Hannawald flieht über einen Nebeneingang. Er will noch nicht feiern, sagt er. Weil er seinen Schwung nicht verlieren darf. »Ich brauch ihn noch bis Ende März.«
Bundestrainer Heß und sein Kompagnon Wolfgang Steiert bleiben noch. Sie können im Augenblick sowieso nichts für ihn tun. »Ich kann nur die Fahne schwenken«, sagt Heß.
Ein paar Bier später flüstert Hannawalds Heimtrainer Steiert: »Das war die kleine Schanze. Sven hasst die kleinen. Ich sag Ihnen ganz ehrlich: Auf der Großschanze ist Sven nicht zu schlagen. Nicht in seiner Form. Der kleine Ammann weiß doch gar nicht, was Druck ist. Das wird er vor dem Springen auf der Großschanze wissen. Und Malysz'' Vorteil ist, dass der nur Polnisch versteht. Das schützt ihn gegen den ganzen Rummel. Der lässt sich immer vom Mannschaftsarzt dolmetschen. Ein ZDF-Journalist, der Polnisch kann, hat mir erzählt, dass die nur übersetzen, was gut für Adam ist.«
»Ich lass den Martin nicht fallen«, sagt Reinhard Heß und hat schon wieder Tränen in den Augen. »Der will die Medaille noch mehr als der Sven. Ich weiß doch gar nicht, ob der Martin Schmitt bei den nächsten Olympischen Spielen noch springt.«
Hannawalds Schwung trug ihn auch von der Großschanze. 132,5 Meter flog er im ersten Durchgang ins Tal. Er schien selbst überrascht zu sein. Ammann flog genauso weit und im zweiten Durchgang sogar noch einen halben Meter weiter. Hannawald aber stürzte im zweiten Durchgang in den Schnee. Alle sahen es, doch die deutsche Mannschaft protestierte gegen die Wertung und bestellte die Videoaufzeichnung von Hannawalds Sprung. Erst dann konnten sie glauben, dass es wirklich passiert war.
»Wir haben es hier mit dünner Luft zu tun«, sagt Heß am Abend, seine Springer schweigen.
Am nächsten Tag sitzt Hannawald in einer kleinen Holzhütte in Park City. Er trinkt Tee und wirkt sehr ruhig und sehr zerbrechlich.
Er hat in seiner Karriere viel getan, um den Schwung zu halten. Er hat abgenommen und zugenommen und wieder abgenommen. Er wollte fliegen. Im letzten Jahr hatte er einen Zusammenbruch. Er hat danach die Skifirma gewechselt. Er hat wieder zugenommen und seine Muskeln trainiert. Weil, wie er sagt, »der Trend zu athletischen Springern geht«. Der Trend macht, was er will. Bei Olympia ließ er Ammann gewinnen. Einen Floh. Es ist die Schanze, sagt Hannawald. Sie sei altmodisch.
»Ich komme mit einer Geschwindigkeit ins Tal, die mich noch fünf, sechs Meter weitertragen würde«, sagt er. »Aber das erlaubt das Schanzenprofil nicht. Ich muss früher landen, die überschüssige Kraft drückt mich in die Knie. Deswegen bin ich gestürzt.«
Hannawald sagt: »Ammann fällt wie ein Blatt auf diesen steilen Hang.« Er versucht, so sachlich wie möglich zu erklären, woran es liegt. Es gibt Gründe. Es ist nicht übernatürlich.
Ein paar Stunden später taucht die Nachricht auf, das IOC wolle ihn sperren, weil in Deutschland zwei unerlaubte Werbespots liefen. Sein Manager Werner Heinz sagt am Telefon, dass er da einen Fehler gemacht habe. »Es gibt ja auch Werbespots für Schmitt und die Hilde Gerg«, sagt Heinz. »Aber die haben sich das genehmigen lassen. Ich hab das vergessen. Ich wusste nur, dass wir keine Werbung am Mann machen dürfen. Tut mir Leid.«
Hannawald war nicht direkt sauer, sagt Heinz. Aber auch nicht froh. Heinz glaubt trotzdem, dass Olympia »insgesamt die Werbewirkung vom Sven noch positivieren wird«.
Trainer Heß sagt: »Wir können die Manager ja heutzutage nicht in den Skat drücken. Leider.«
Nachdem Hannawald die Vierschanzentournee gewonnen hatte, legte Manager Heinz dem Trainer Heß eine Liste mit 16 Terminen auf den Tisch. Heß sagte, das gehe nicht in der Olympiavorbereitung. Heinz sah das ein, aber nach drei Tagen stand er wieder in der Tür und bat, wenigstens die Einladung zu »Wetten, dass ...?« zu berücksichtigen. Hannawald wollte da unbedingt hin. »So eine Chance bekomme ich nie wieder im Leben«, sagt Hannawald. Heß erlaubte es ihm, aber verstehen kann er die Jungs nicht.
»Es sind andere Typen, als wir waren«, sagt er. »Wir mussten mal raus, um die Häuser ziehen. Sven und Martin sind eher still und zurückgezogen. Manchmal komme ich an die nicht heran.«
Hannawald sagt, dass sein Fokus immer kleiner wird. Ihn erreiche nicht, dass der amerikanische Stadionsprecher in seinen Sprung hineinquatsche. »Skispringen ist zu 98 Prozent eine Sache des Kopfes«, sagt er.
Am Abend vor dem Mannschaftsspringen sitzt Andreas Goldberger im »Österreicher-Haus« von Salt Lake City und betrinkt sich. Goldberger hat heute Nachmittag erfahren, dass er nicht im Team ist. Er ist schon fast 30, sieht aber immer noch aus wie ein Kind. Er ist nicht wütend, er ist traurig.
»Ich weiß nicht, was es ist. Ich bin nicht gut. Die Anlage hier ist wunderbar, aber ich fliege nicht. Es ist furchtbar, ich spüre nichts unter den Ski. Entweder du bist ein Stein oder eine Feder. Ich bin ein Stein.«
Er trinkt sein Glas aus, ein Mann in einem klein karierten Jackett und einer Goldrandbrille füllt es wieder. Irgendjemand füllt es immer.
»Stein oder Feder«, sagt Goldberger. Sein Blick ist rein. Er weiß, dass er nichts tun kann. Gar nichts. Vielleicht stürzt er ab wie der große Matti Nykänen, weil sie das Schicksal spüren wie kein anderer Sportler. Es nimmt sie mit und trägt sie. Oder es lässt sie fallen. Stein oder Feder sein.
Am nächsten Morgen fliegt Martin Schmitt plötzlich wieder. Drei Jahre lang war er der beste Springer der Welt. Dann verließ ihn der Schwung. Schmitt sprang in dieser Saison immer ein bisschen hinterher. Er redete von Knieschmerzen, und sein Trainer hörte ihm ungläubig zu. Jetzt fliegt er, 131,5 Meter weit. Es ist fast so, als beflügele ihn das Pech von Hannawald.
»Es war wieder da, der alte Schmitt«, sagt Martin Schmitt später. Er redet von sich als Springer in der dritten Person. Der Sprung ist etwas Fremdes. Etwas, dass man nicht beeinflussen kann. Heß sagt, er habe immer an Martin geglaubt. Steiert spricht von einem ein bisschen weicheren Ski, aber er scheint selbst nicht dran zu glauben. Am Ende erinnern sie alle an Voodoozauberer.
»Ich glaube, für mich sind die Olympischen Spiele einfach zu früh gekommen«, sagt Schmitt.
»Hat er sein Knie denn nicht gespürt?« Oh doch, sagt er. »Ja, das Knie. Ja, es hat ein bisschen gezogen.«
Sein zweiter Sprung ist wieder eher durchschnittlich. Aber einen hatte er. Es hat für die Goldmedaille im Mannschaftsspringen gereicht. Es ist wieder ein guter Tag.
Für die letzten Tage sind die Springer aus ihren Chalets ins olympische Dorf umgezogen, sie waren Ski fahren und einkaufen. Der Pressesprecher der Skispringer sagt, dass es nicht so einfach ist, die Jungs solange bei Laune zu halten. Seine Augen liegen tief, er blinzelt oft. Manchmal scheint er sich zu fragen, ob es eher gut für ihn ist, dass 11,87 Millionen Deutsche Skispringen gucken. Oder nicht.
Schmitt wirkt entspannt. Er sitzt in der VIP-Lounge des olympischen Eishockeystadions und beschreibt den einen guten Sprung, den er hatte. Unten in der Halle verliert die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft gerade gegen Amerika.
»Der Ski lebt«, sagt er. »Es ist Bewegung drin. Man fällt nicht, man fliegt. Ja, so kann man es sagen. Aber ich hatte nur den einen Sprung. Beim zweiten war ich zu spät dran. Kein Druck, kein Leben. Es ist, als würde man ins Leere treten. Man braucht mindestens zwei gute Sprünge, um den Schwung zurückzuholen. Besser noch zwei gute Wettkämpfe. Ich weiß also nichts«, sagt Schmitt und lacht.
Am nächsten Tag packen sie die Koffer. Sie fliegen nach Hause und dann gleich weiter nach Lahti, wo am kommenden Wochenende Weltcupspringen stattfinden werden. Da wird man sehen, wer den Schwung hat. Eine Reihe weiter sitzt Sven Hannawald und schaut geistesabwesend auf die Eisfläche. Es sieht schlecht aus fürs deutsche Eishockey. Er darf sich jetzt nicht die Stimmung verderben lassen.
* Zweites Bild: mit Thüringens Ministerpräsidenten BernhardVogel; rechts: in der »David Letterman Show«.