Jede Sorte Mäuse - DER SPIEGEL
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Fußball Jede Sorte Mäuse

Wie baut man eine erfolgreiche Elf zusammen? Über Sieg oder Niederlage entscheidet oft das psychologische Feingefühl des Trainers.
• aus DER SPIEGEL 37/1993
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die neue Hackordnung verkündete Eintracht Frankfurts Trainer Klaus Toppmöller gleich beim Amtsantritt: »Uwe Bein ist der absolute Chef.« Auch die hierarchischen Strukturen der zweiten Reihe, die sich in Profi-Vereinen sonst während der Wochen des Trainingslagers entwickeln, wurden per Dekret geregelt. »Was Stein, Binz, Bommer und Gaudino sagen«, bestimmte der Coach, »ist das Evangelium.«

In den beiden letzten Jahren, begründet der Bundesliga-Novize die starre Rangfolge, habe Eintracht Frankfurt zwei Meistertitel verspielt. Das Team sei trotz überragender Spielkultur »an seinen Eifersüchteleien gescheitert«.

Kaum sind die Machtstrukturen festgezurrt, verblüfft das Starensemble mit Stabilität. Und Toppmöller, der sich die verschlungenen Wege der Psychologie als Autodidakt erschlossen hat, behauptet: »Fußball wird im Kopf gewonnen.«

Was der Tennisfreund spätestens seit Boris Becker weiß, muß nun auch der gemeine Fußball-Fan beachten, ehe er pfeift.

Laktatwerte, Schußkraft und Kopfballstärke allein sind allenfalls das Rüstzeug für Siege - über dauerhaften Erfolg entscheiden psychologisches Feingefühl des Trainers der Mannschaft und gruppendynamische Prozesse.

Beim seligen Sepp Herberger genügten noch elf Freunde zum Erfolg. Der moderne Fußball erfordert ein kompliziertes Gefüge, in dem Trainer Teamwork mit spielbestimmenden Persönlichkeiten schaffen müssen. Kölns Fußball-Lehrer Morten Olsen sieht seine vorrangige Aufgabe darin, »verschiedenartige Menschen wie ein Puzzle zusammenzufügen«. Für seinen Dortmunder Kollegen Ottmar Hitzfeld »muß die Chemie einer Elf stimmen«.

Doch fällt es schwer, da Gesetzmäßigkeiten zu entdecken. Stars bringen in Leverkusen Siege, in Dortmund aber bisher nur Verwirrung. Duisburg siegt, weil die Spieler »noch nie soviel Spaß beim Training« gehabt haben; Schalke verliert, weil Profis fehlen, »die das Kommando übernehmen können«. Und wenn der Erfolg kaum zu erklären ist, dann paßt - wie beim Hamburger SV - ganz lapidar »die Mischung«. »Wie Schachfiguren«, lobt Professor Henning Allmer, der bei der Fußball-Lehrer-Ausbildung in Köln das Fach Psychologie lehrt, habe zum Beispiel Volker Finke beim SC Freiburg sein Personal aufeinander abgestimmt.

Der Trainer hatte in den ersten beiden Jahren seines Freiburger Jobs den Kader nach der Devise gemischt: »Von jeder Sorte Mäuse ein paar«. Er holte Profis, »die stinkig und aggressiv werden, wenn es im Training kein Erfolgserlebnis gibt«, aber auch besonnene, ausgleichende Charaktere. Indem er einen bestimmten Typ hervorhebe, so Finke, könne er nun das Betriebsklima »unbemerkt steuern«.

Eine ruhige Mannschaft, sagt der Dortmunder Hitzfeld, produziere unter der Woche »zuwenig Aggressivität«. Wer sich »im Training abschlachten läßt«, sei auch am Samstag nicht leistungsfähig.

Die Rolle des Antreibers - Hitzfeld nennt ihn »Aggressivleader« - besetzt in Dortmund Flemming Povlsen. Eine Mannschaft mit elf Povlsens sei jedoch undenkbar: »Dann hätten wir im Training nur Verletzte.« Gilt es, ein Reizklima zu beruhigen, ist der Mann des Ausgleichs gefragt, Kapitän Michael Zorc. Daß beide Grundpfeiler des Borussia-Gefüges seit Wochen verletzt oder außer Form sind, dient Hitzfeld als Erklärung für die Dortmunder Instabilität.

Alle erfolgreichen Mannschaften, weiß der Karlsruher Coach Winfried Schäfer, hatten eine Führungscrew, »die auf und neben dem Rasen den anderen sagte, wo es langgeht«. Was die Achse Maier-Beckenbauer-Breitner-Müller für die Münchner Bayern, waren Kleff-Vogts-Netzer-Wimmer in Mönchengladbach. Bis heute gilt diese Struktur als erstrebenswert: »Von den Älteren erwarte ich Dialog«, sagt Olsen, »die Jüngeren müssen den Mund halten.«

Wie sich Mißerfolg einschleicht, wenn die Hackordnung zerbricht, ist beispielhaft am Weg des 1. FC Kaiserslautern zu erkennen. »Eine außergewöhnliche Kameradschaft« (Allmer) beförderte die Elf 1991 überraschend zur Meisterschaft, Stefan Kuntz war ihr Chef.

Als der Kapitän in der folgenden Saison den Titel einträglich vermarktete, seine Leistungen in der Bundesliga jedoch nachließen, wuchs der Neid. Obwohl schließlich von 23 Spielern nur noch 4 für Kuntz als Kapitän votierten, hielt Trainer Rainer Zobel an ihm als Führungsperson fest - der Ex-Meister stürzte ins Mittelmaß.

Auch Stuttgarts Trainer Christoph Daum mußte nach dem Meistertitel 1992 erfahren, »daß relativer Erfolg eint, weil man noch höhere Ziele vor sich sieht, daß absoluter Erfolg aber teilt«. Die Spieler ordneten sich nicht mehr so bedingungslos in die Mannschaft ein. Der Meister qualifizierte sich nicht einmal für den Uefa-Cup.

In der vorletzten Saison glaubte das Management des FC Bayern, den ambitionierten Stefan Effenberg als Führungspersönlichkeit installieren zu können. Das Team akzeptierte die Entscheidung nicht, die Münchner Startruppe zerfiel in Cliquen und geriet sogar in Abstiegsgefahr.

Mit unterschiedlichen Ansätzen versuchten die drei Klubs, ihr Gefüge wieder zu ordnen. Kaiserslautern holte mit Weltmeister Andreas Brehme einen anerkannten Fleißarbeiter zurück, der neue Trainer Friedel Rausch bestimmte ihn gleich zum Kapitän. In der Pfalz kam alles wieder ins Lot.

Bayern-Coach Erich Ribbeck, ein Mann mit ausgeprägtem Harmoniebedürfnis, trennte sich von vier aufmüpfigen Spielern (Effenberg, Strunz, Bender, Laudrup). Allmers Lehrsatz, daß »vakante Positionen auch nach psychologischen Kriterien zu besetzen« sind, wurde von Ribbeck in die Praxis umgesetzt.

Mit pflegeleichten Profis wie Markus Schupp, der »stolz« ist, das Bayern-Trikot zu tragen, strebten die Münchner scheinbar ungefährdet der Meisterschaft entgegen - bis Querelen um den Italien-Rückkehrer Lothar Matthäus für einen erneuten Bruch sorgten.

Stuttgarts Daum dagegen verordnete seinem VfB, den er als »zu brav« empfand, eine Gewaltkur. Er holte mit Axel Kruse und Thomas Berthold gleich zwei in der Bundesliga umstrittene Akteure, »damit bei uns wieder Feuer unterm Dach ist«.

Und wie. Berthold wurde im ersten Spiel vom Platz gestellt, Kruse hat nach einem Amoklauf gegen den Schiedsrichter vorläufiges Berufsverbot.

Der schwierige Profi gilt als Risiko. Andererseits sind leicht zu führende Typen auch leicht zufrieden - und mithin nicht so erfolgsbesessen. Deshalb halten viele Trainer die sprunghaften Charaktere für unverzichtbar.

Toppmöller verweist auf ihre »Individualität und Kreativität«, Finke schätzt ihre Fähigkeit, »das total Überraschende zu tun«. Daß derartige Spieler oft »absolut labil« sind und »mental mal völlig wegfliegen können«, nimmt Finke gern in Kauf.

Bremens Trainer Otto Rehhagel verteidigte ehedem die Verpflichtung des eigenwilligen Manfred Burgsmüller mit den Worten: »Wer mir keine Probleme macht, macht auch dem Gegenspieler keine.« Doch der erfolgreichste Bundesliga-Trainer der letzten Jahre vertraut dabei den Zähmungskräften seiner Profitruppe. Den dauerhaften Betriebsfrieden bei Werder führt Rehhagel auf seine beiden praktizierenden Christen Wynton Rufer und Rune Bratseth zurück: »Sie neigen eher dazu, zu verzeihen.«

»Wenn die Balance aus Individualisten und Mannschaftsspielern nicht stimmt, gibt es kein Kollektiv«, weiß Hitzfeld. Drei Einzelkönner seien »das Maximum und das Optimum« - ein Stürmer, ein Mittelfeldspieler und der Libero.

»Verantwortungsträger« nennt der Stuttgarter Daum solche Gütefußballer: »Hast du einen von denen, ist das normal. Hast du zwei, sei glücklich. Hast du drei, wirst du Meister.«

Selten hat ein Trainer die Möglichkeit, sich wie Karlsruhes Schäfer eine Mannschaft über Jahre hinweg zusammenzubauen. 1991 holte er Ex-Nationalspieler Wolfgang Rolff und musterte dafür die alte Leitfigur Michael Harforth aus: »Harforth wälzte, sobald die 30 Punkte für den Klassenerhalt sicher schienen, die Urlaubskataloge. Rolff ist ein 40-Punkte-Spieler.«

Im vorigen Jahr ergänzte Schäfer die Elf durch zwei Individualisten: den russischen Dribbler Sergej Kirjakow und den Münchner Manfred Bender. Der vormalige Bayern-Profi lebte den KSC-Kickern ein beim Rekordmeister erworbenes Selbstbewußtsein und Anspruchsdenken vor, das im gemütlichen Baden als glatte Unverschämtheit empfunden wurde. »Benders Arroganz weckte in der Mannschaft Aggressionen«, so Schäfer, »die uns geholfen haben, den Uefa-Pokal zu erreichen.«

Schon lange sind sich Sportpsychologen wie Allmer sicher, daß »moderate Konflikte« in einer Gemeinschaft oft leistungsfördernder sind als die vielbeschworene »gute Stimmung«. Ein beliebtes Reizmittel ist verschärfter Konkurrenzdruck. Wenn Spieler »gedanklich Platz genommen haben«, sagt Finke, sei es an der Zeit, »neue Impulse zu setzen«.

Auch Ottmar Hitzfeld glaubte, in Dortmund durch personelle Verstärkungen »neue Motivation« zu schaffen: »Wenn ich erkenne, daß nach drei gewonnenen Spielen jemand aus Selbstzufriedenheit nachläßt, muß man ihn austauschen - bevor man verliert.«

Doch mitunter läuft der Ball aller Theorie zuwider. Bei Michael Rummenigge, einem der Garanten früherer Erfolgsserien, schlug der Druck in Frust um. Hitzfeld wußte, daß sein ehemaliger Mittelfeldregisseur sich nicht widerspruchslos auf die Reservebank setzen werde, und ließ ihn nach Japan ziehen. Ohne Rummenigge verloren die Borussen zuletzt sogar gegen den Abstiegskandidaten VfB Leipzig.

»Für den Erfolg«, doziert der momentan glücklose Coach unverdrossen, »ist es notwendig, sich von einem guten Fußballer auch mal zu trennen.« Y

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