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TENNIS Jetzt oder nie

Der Deutsche Tennis-Bund beschäftigt drei Bundestrainer. Doch die Nationalspieler schätzen einen vierten am meisten: Aushilfstrainer Nicola Pilic.
• aus DER SPIEGEL 3/1983
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In der Kieler Ostsee-Halle schielten Deutschlands Tennisspieler nicht zur Trainerbank, sie suchten Rat auf der Tribüne.

Wenn sie beim Seitenwechsel die Schläger trocken rieben, hörten die Deutschen nicht auf ihren Cheftrainer Richard Schönborn am Spielfeldrand, sondern auf das, was ihnen ein Mann aus der zweiten Reihe flüsterte. Seine Tips stimmten. Die Deutschen siegten im Kings-Cup-Wettbewerb 3:0 gegen England.

Zum Spiel nach Moskau gegen die UdSSR fuhr Cheftrainer Schönborn, der aus der CSSR stammt, »aus Sicherheitsgründen« nicht mit. Nun saß der Mann von der Tribüne auf der Trainerbank, Nicola Pilic, 43, ein ehemaliger Tennisstar aus Jugoslawien. Er lebt vorwiegend davon, in Schweizer Kurorten Millionären und deren Familien das Tennis-Abc beizubringen. Für vier Wochen kam er in deutsche Dienste. Die Empfehlung gab der ehemalige Wimbledon-Finalist Wilhelm Bungert. Er hatte früher auch schon Pilic zum Trainer für sich bestellt.

»Bei Pilic fange ich langsam an zu begreifen, was ein Profi ist«, sagte der Münchner Hansjörg Schwaier, 18. »Mein schlimmster Schwachpunkt, der Volley, ist fast ausgerottet«, berichtete der Hamburger Michael Westphal, 17. Ersatzspieler Eric Jelen aus Neunkirchen im Saarland schwärmte: »Bei Pilic fühle ich mich nicht wie das fünfte Rad am Wagen.«

Auch in Moskau siegten die Deutschen mit 2:1, obwohl für die Bundesrepublik die jüngste Mannschaft aller Zeiten antrat. Mit dem Motto »wenig Worte, viel Arbeit« hatte Aushilfstrainer Pilic seit Ende Dezember bei einem Lehrgang in Norderstedt nahe Hamburg aus unsicheren Spielern eine »verschworene Gemeinschaft geschmiedet«, lobte Spieler Jelen. Pilic: »Unsere Geräte sind Schläger und Bälle, also möglichst keine Arbeit ohne Schläger und Bälle.«

An Unternehmungsgeist hatte es Pilic schon während seiner eigenen Profikarriere nicht gefehlt. Als der Amerikaner Lamar Hunt den ersten Tennis-Zirkus für Profis gründete, der mit fester Besetzung durch die Welt zog und eine Weltmeisterschaft ausspielte, gehörte Pilic ebenso zu den »hübschen acht« wie der australische Wimbledon-Sieger John Newcombe. Pilic: »Es gibt nichts, was ich nicht beherrsche.«

Einmal spielte Pilic lieber vertragsgemäß in Las Vegas um WM-Punkte als für sein Heimatland Jugoslawien im Daviscup. Daraufhin entzog ihm seine Geburtsstadt Split ein bereits zugewiesenes Baugrundstück. In Wimbledon streikten 73 Tennisspieler für Pilic, weil der jugoslawische Verband ihn auf Lebenszeit gesperrt hatte. Der eigenwillige Star spielte ungerührt weiter.

Nach den ersten Trainererfolgen mit den jungen Deutschen gab es im Deutschen Tennis-Bund (DTB) viele Funktionäre, die Pilic zum Cheftrainer ernennen wollten. Denn weder der amtierende Bundestrainer Schönborn noch seine beiden Kollegen genießen bei den Spielern besonderes Ansehen.

Auch bei den Damen hatte Schönborn, der viel von »Theorie und Wissenschaft im Tennis« hält, auf Dauer keine Anerkennung gefunden. »Es ist lächerlich, wenn ausgewachsene Spieler noch mit Holzkellen üben müssen«, kritisierte Spitzenspielerin Sylvia Hanika. Sie stieg als erste bei Schönborn aus.

Pilic lehnt es jedoch ab, beim DTB als Bundestrainer anzufangen. Der Sieg in Moskau war eigentlich sein letzter Auftrag gewesen. Auf Wunsch der Spieler bleibt der Jugoslawe bis zum Ende der Kings-Cup-Spiele Trainer der Bundesequipe. »Viel lieber würde ich einen Spieler wie Westphal bei seiner Profikarriere betreuen«, bot Pilic dem Jungstar aus Hamburg an. Ähnlich wie der argentinische Weltstar Guillermo Vilas mit seinem rumänischen Betreuer Ion Tiriac möchte der Jugoslawe Pilic mit Westphal von Turnier zu Turnier ziehen. Pilic: »Micha muß jetzt sofort alles lernen, was ihm noch fehlt.«

Auch Westphal fürchtet, daß die unter Pilic erarbeitete Hochform »nicht ewig anhalten kann«. Die Topleistung des Aushilfstrainers hat die ohnehin angekratzte Position des Cheftrainers Schönborn nahezu unhaltbar gemacht. Doch Pilic wartet die Entwicklung ab und läßt sich seit Jahren auf ein Nummernkonto in der Schweiz seine Gagen überweisen.

Die Bundesequipe spielt mindestens noch bis zum 23. Januar im Kings-Cup-Wettbewerb mit, im Falle der Qualifikation für die Endrunde in Schweden sogar bis Ende Januar. Danach will zumindest Westphal mit Pilic weiterarbeiten.

Zehn Spiele bestritt Westphal im Training gegen den jugoslawischen Aushilfstrainer. Als ein Reporter Pilic fragte, wie viele Spiele er gegen Westphal verloren habe, antwortete der Jugoslawe: »Keins.«

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