Schach Kampf gegen die Bobos
Seit 41 Jahren spiele er nun schon »fanatisch Schach«, sagt Bessel Kok, 48, ohne allerdings mehr als »gerade ein guter Kaffeehausspieler geworden zu sein«. In Wahrheit wohl nicht einmal das, wie der Belgier holländischer Abstammung selbstironisch anmerkt: »Gut« beziehe sich doch »hauptsächlich auf das Kaffeehaus«.
Weit ausgeprägter als auf dem Brett ist Koks Talent, die besten Vertreter des königlichen Spiels zusammenzubringen, zu umsorgen und ihren Sport zu vermarkten. Seit Kok vor nunmehr fünf Jahren mit der Vermarktung begann, »ist Schach nicht mehr das, was es einmal war« (International Herald Tribune).
Der »Intuition und Initiative« des gelernten Wirtschaftswissenschaftlers ist es zuzuschreiben, daß Turniere, die zuvor fast unter Ausschluß der Öffentlichkeit veranstaltet wurden, nun Tausende von Zuschauern anlocken. Vor den Kameras der neuerdings interessierten Fernsehstationen kämpfen Großmeister um hochdotierte Pokale. Und was aus dem Tennis- oder Fußballbetrieb nicht mehr wegzudenken ist, hat sich auch beim Schach durchgesetzt: Dollarmächtige Sponsoren, die sich von der intellektuellen Aura dieses Spiels eine Aufbesserung ihres Images erhoffen, »stehen manchmal Schlange, um Turniere zu veranstalten« (Kok).
Der Belgier sieht sich als »Beweger«, seit er 1985 »eine Art Revolution anfackelte«. Damals stand er als Chef der Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunications (Swift) vor dem Problem, daß »wir eigentlich kein Profil hatten«. Die zwölf Jahre zuvor von Kok und zwei Kollegen gegründete Firma ist darauf spezialisiert, per Computernetzwerk den weltweiten Geldverkehr zwischen den Banken zu garantieren.
Zwar nutzen mittlerweile 2600 Kreditinstitute in 70 Ländern die Computer der Swift-Zentrale in Brüssel als Knotenpunkt für die Überweisungen ihrer Kunden. Jährlich 300 Millionen Dollar kassiert die Firma für diese elektronische Dienstleistung. »Doch trotz dieses großen Erfolges«, sagt Kok, »waren wir weitgehend unbekannt: Die Leute wußten nicht, ob wir Rennautos oder Sportkleidung fabrizierten.«
Um dem abzuhelfen und »gleichzeitig unseren 1000 Angestellten eine Unternehmenskultur, eine Corporate Identity, zu verschaffen«, bediente sich Kok eines PR-Vehikels, das bis dahin bei der Imagepflege von Firmen kaum gebräuchlich war: »Ich wollte Schach zum Motto von Swift machen.«
Beraten von Hollands Großmeister Jan Timman, ging der Wirtschaftswissenschaftler sogleich in die vollen. Der Sieger des ersten von ihm ausgerichteten Turniers, Anatolij Karpow, strich als Prämie nicht nur die seinerzeit noch unübliche Summe von 20 000 Dollar ein. Der Russe pries den Newcomer auch, »nie unter besseren Bedingungen gespielt« zu haben.
Wie hoch dieses Lob einzuschätzen war, erfuhr der Jungveranstalter im November 1986, als er zu Verhandlungen mit arabischen Banken in Dubai weilte - und da gleichzeitig die Schacholympiade für Nationalteams stattfand. Frustriert von den unablässigen Pressionen, die ihnen der übermächtige Weltschachverband Fide auferlegte, gründeten die versammelten Großmeister auf Betreiben des neuen Champions Garri Kasparow eine Art Gewerkschaft und trugen Kok die Geschäftsführung an.
Der von den Schachgroßmeistern, »diesen wahnsinnigen Denkern«, begeisterte Bankfachmann stellte sich der neuen Grandmasters Association (GMA) als »Verhandlungsführer« zur Verfügung. Unter tatkräftiger Mithilfe des von ihm als »leidenschaftlicher Kämpfer« bewunderten Gewerkschaftspräsidenten Kasparow, aber auch dessen Stellvertretern Karpow und Timman, organisiert Kok seither vor allem einen Weltcup.
Der Reiz dieser insgesamt sechs Turniere, die jeweils in den Jahren zwischen den Weltmeisterschaften ausgetragen werden, ist enorm. 1,2 Millionen (Swift-)Dollar sind zu gewinnen, davon je 20 000 für die Sieger der einzelnen Turniere. Der Cup-Gewinner geht mit 100 000 Dollar vom Brett.
Da inzwischen eine Reihe europäischer Firmen, zumeist aus dem Geld- und Versicherungsgewerbe, die Koksche PR-Idee aufgegriffen haben und eigene * Bei einem Simultanturnier im Dezember 1989 in Palma de Mallorca. gutdotierte Schachwettkämpfe ausrichten, können so zumindest die Top-Profis ihren Lebensunterhalt verdienen. Außer den Großkopfeten Kasparow und Karpow, die sich in Millionenhöhen vorangearbeitet haben, sichern sich nach verläßlicher Schätzung des Swift-Chefs die ersten 50 der Weltrangliste ein Jahreseinkommen von 80 000 Dollar aufwärts.
Gleichwohl weiß der vom Schach faszinierte Kok inzwischen, daß die Großmeister »an weit mehr als nur an Geld interessiert sind«. Sie wollten darüber hinaus als Berufssportler respektiert werden und »kämpfen dafür, Schach als wahnsinnig interessante Kopfsportart weltweit zu verbreiten«.
Daß die GMA als Wegweiser für solche Ziele taugt, sei schon hinlänglich bewiesen. Nicht nur sind nahezu alle der etwa 270 Großmeister mittlerweile der Gewerkschaft gegen einen symbolischen Jahresbeitrag von 20 Dollar beigetreten. Sie zeigen sich auch, wie Kok es empfindet, »sehr viel selbstbewußter«. Statt wie einst gegen den selbstherrlichen Weltverband Fide »folgenlos zu grummeln« und letztlich zu resignieren, hätten sich die sensiblen Stars zu einer »kämpferischen Truppe« entwickelt.
So trotzte der GMA-Verhandlungschef der Fide das Zugeständnis ab, daß die Spielergewerkschaft erstmals mit rund acht Prozent an den Einnahmen der kommenden Weltmeisterschaft beteiligt wird. Damit nicht genug: Auf einer GMA-Tagung in Palma de Mallorca wurde Kok beauftragt, dem Verband die Veranstaltungsrechte der Weltmeisterschaft einschließlich des Kandidatenturniers, das voraussichtlich Karpow und Timman im März in Kuala Lumpur ausfechten werden, abzuhandeln.
Kaum eine andere Aufgabe, so sieht es aus, paßt dem Manager-Gelehrten, der seit drei Jahren an der Freien Universität Brüssel als ordentlicher Professor das Fach Unternehmenskultur unterrichtet, besser ins Konzept als diese Herausforderung.
Denn für Kok sind die Fide-Funktionäre nichts weiter als »Bobos« - niederländischer Slangausdruck für spießige Bürokraten -, deren arrogante Selbstsicherheit gebrochen werden müsse. Allein dann könne der Ruf der Großmeister, die von der Fide zu »kreativen, nur zum Schachspiel taugenden Idioten« abgestempelt worden seien, angemessen wiederhergestellt werden.
Gelingt ihm diese Imagekorrektur, will der schachversessene Bessel Kok seinen »GMA-Hut langsam absetzen« und die Führung an einen nicht mehr so aktiven Großmeister abtreten. Der Vorreiter: »Auch das Baby GMA muß schließlich erwachsen werden.« f