Kapital auf der Bank
Weit über eine Million Arbeitslose schlagen sich in der Bundesrepublik mit Arbeitslosengeld durch. Nur in einer Branche verdienen teure Spezialisten, für die es keine Arbeit gibt, sechsstellige Jahresgehälter -- in der Fußball-Bundesliga.
Bei den betroffenen Ersatzspielern zieht das passive Bankdrücken allerdings wie bei vielen Arbeitslosen Depressionen, Selbstzweifel und Aggressionen gegen Kollegen, Trainer und Management nach sich.
»Nur noch unter Zeugen« mag der Bayern-Stürmer Karl Del''Haye mit Manager Uli Hoeneß sprechen, seit der Verein den 1,3-Millionen-Mark-Star abschieben will. Vom Fall des Nationalspielers Del''Haye reicht der Bogen bis zum Nationaltorwart Rudi Kargus, der vom Arbeitsamt Alu bezog, als ihn sein HSV nicht mehr wollte.
Das aufwendige Dauerdrama mit den Reservisten hatte 1967 begonnen, als der Weltverband Fifa die Regeln änderte und bis zu zwei Ersatzspieler pro Mannschaft und Spiel gestattete.
Die neue Regel veränderte Strategie und Taktik des Spieles: Mit frischen Spielern auf ihrer Ersatzbank wappneten sich die Trainer für alle Möglichkeiten. Am Ende einer Bundesliga-Saison, wenn Stammspieler durch Verletzungen oder Formschwankungen ausfallen, entscheidet die Qualität der Ersatzspieler sogar über den Jahreserfolg des Klubs.
Gerät eine Mannschaft in Rückstand, schickt der Trainer einen zusätzlichen Stürmer in den Kampf. Der Bundestrainer hielt oft den Frankurter Jürgen Grabowski als letzten Trumpf zurück und entschied mit ihm mehrere Länderspiele. Bayern München setzte auf den Stürmer Norbert Janzon, der mehrmals in der zweiten Halbzeit einsprang und entscheidende Tore erzielte.
Bei schweren Auswärtsspielen, bei denen die Mannschaft gegen ein fanatisches Publikum und womöglich einen berüchtigten Heimschiedsrichter ankämpfen muß, tauscht der Trainer sensible Stars gegen nervlich robuste Reservisten aus. Durch Tore in Auswärtsspielen erkämpfte sich der Stuttgarter Dieter ("Schwabenpfeil") Hoeneß beim Meister Bayern München einen Stammplatz.
Oft hatte er zuvor als Reservist zugesehen. Der ungarische Trainer Pal Csernai verlangte von dem ungelenken, aber kopfballstarken Hünen, zu rennen und auf die Flügel auszuweichen.
»Er ist leider kein Stammspieler geworden«, qualifizierte Csernai den Millionen-Einkauf Del''Haye ab. Er hatte ihm dazu keine Chance eingeräumt, sondern den Nationalstürmer aus Mönchengladbach nur gelegentlich kurz vor Spielschluß eingesetzt.
Für Csernai ist Del''Haye »ein Fremdkörper in der Mannschaft": Er dribbelt am wirkungsvollsten als Rechtsaußen am rechten Flügel. Doch die Bayern spielen seit Jahren ohne spezialisierte Flügelflitzer. In den freien Raum stoßen statt dessen Verteidiger oder Mittelfeldspieler hinein. Sie spielen eine Doppelrolle: Außenstürmer, wenn die eigene, Abwehrspieler, sobald die gegnerische Mannschaft stürmt.
Zu Beginn dieser Saison verlangte Bayern-Manager Uli Hoeneß, Ersatzspieler Del''Haye möge sich einen anderen Klub suchen, in München habe er keine Chance mehr. Doch Del''Haye ließ sich weder nach Nürnberg noch nach Düsseldorf abschieben, obwohl Bayern die Differenz zu seinem garantierten Jahresgehalt von 300 000 Mark zuschießen wollte. »Ich bin auch ein Trotzkopf«, winkte Del''Haye ab. Er will seinen erst 1983 auslaufenden Vertrag erfüllen, falls er keinen ihm genehmen Klub findet.
Der 1. FC Köln übertrifft die Münchner fast. Trainer Hennes Weisweiler hatte schon den Nationalspieler Bernhard Cullmann auf die Bank abgedrängt, während Bundestrainer Helmut Schön ihm weiter vertraute.
Auch Nationalstürmer Dieter Müller paßte nicht mehr in die Kölner Equipe, als er zu einem Tormuffel geworden war. Er wanderte nach Stuttgart ab. Dafür kaufte der 1. FC Köln die Nationalstürmer Klaus Fischer für 1,2 Millionen Mark und Klaus Allofs für 2,5 Millionen Mark. Dabei verfügten die Kölner noch über eine Sturmspitze, den britischen Mittelstürmer Tony Woodcock.
In der neuen Saison behinderten sich die drei im gegnerischen Torraum gegenseitig. Nun zeichnet sich ein Fall Allofs schon ab: In zwei Spielen hintereinander nahm Trainer Rinus Michels ihn »aus taktischen Zwängen und wegen mangelnder Leistung« heraus.
Am heftigsten schwelt die Rivalität zwischen den Torwächtern. Sie sind am meisten verletzungsgefährdet. Deshalb befindet sich unter den fünf zugelassenen Reservisten auf der Bank auf jeden Fall ein zweiter Torwart. Er bekommt aber erst eine Chance, wenn seinem Rivalen im Tor grobe Fehler unterlaufen oder ein Gegner ihn außer Gefecht setzt. Darauf muß der Konkurrent auf der Bank warten. So belauern sich die nahezu gleichwertigen Walter Junghans und Manfred Müller bei den Bayern.
Der frühere HSV-Nationaltorwart Kargus hatte bei Vertragsverhandlungen zu hoch gepokert. Statt ihm einen günstigeren Vertrag anzubieten, setzte ihn der Klub 1980 für 1,5 Millionen Mark auf die Transferliste. Kargus, S.202 von den Fans in »Rudi Ratlos« umbenannt, kassierte von Juli bis Oktober wöchentlich 457,20 Mark Alu, bis der HSV ihn für 700 000 Mark an den notleidenden 1. FC Nürnberg abgab. Nun besolden die Hamburger »zwei gleichwertige« Torhüter, wie Trainer Ernst Happel über Ulrich Stein und Hans-Josef Koitka urteilte.
Inzwischen haben die Klubs einen Ausweg für überzählige Reservespieler entdeckt: Sie verleihen sie an andere Vereine und sparen das Gehalt. 1980 gaben die Bundesligaklubs schon elf Leihspieler vorübergehend ab.
Jüngst verlieh der HSV seinen Linksaußen Werner Dreßel für 300 000 Mark Leihgebühr an den stürmerarmen 1. FC Nürnberg. Sein erstes Spiel im neuen Trikot bestritt Dreßel gegen seinen alten Klub, den HSV -ohne Torerfolg.
S.200Röber, Junghans, Del''Haye.*