Eiskunstlauf Kartell auf dem Eis
Über hundert Firmen schrieb Ronny Winkler auf der Suche nach einem Sponsor an. Doch selbst als Deutscher Meister stieß der Chemnitzer bei keiner Firma auf Interesse. Als er zuletzt nicht einmal die Miete für sein Apartment im Oberstdorfer Leistungszentrum aufbringen konnte, erklärte er seine Karriere für beendet.
Die Wettkampfgarderobe für sich und seine Partnerin, rechnet Eistänzer Hendryk Schamberger, 28, vor, habe 5000 Mark gekostet. Für die Komposition und die Aufnahme der Begleitmusik mußte er eigens ins Studio: »Das alles«, klagt der Essener, »hat ein Heidengeld gekostet.«
Winkler, 25, begann in diesem Jahr eine Lehre als Industriekaufmann; Schamberger hat sich dem Medizinstudium verschrieben - wieder einmal schieden zwei Sportler im Groll.
Der Frust am Karriereende ist um so größer, weil die beiden wissen, daß es dem deutschen Eiskunstlauf keineswegs am Geld fehlt. Das Veranstalten von Welt- und Europameisterschaften, von Schaulauf-Meetings und Silvester-Galas ist ein durchaus lukratives Geschäft. Nur sehen die Leistungssportler von den Erträgen kaum etwas.
Die Überschüsse schöpft eine Funktionärsclique ab, die von Kritikern - so hat es das Münchner Landgericht für Rechtens erklärt - als »diktatorisch geführtes Machtkartell mit mafiosen Strukturen« bezeichnet werden darf.
In einem eigens eingerichteten Verein bunkert die Deutsche Eislauf-Union (DEU) Geldbeträge in Millionenhöhe: Ursprünglich wurde das »Organisations-komitee Eiskunstlauf München e. V.« (Okem) gegründet, um die Weltmeisterschaft 1991 in der bayerischen Metropole zu veranstalten, zu vermarkten und die Gewinne an der Steuer vorbeizuschleusen.
Das Vorhaben klappte vorzüglich. Schon bald verstand sich Okem als universeller Eiskunstlauf-Veranstalter in Deutschland. Ob die Europameisterschaft 1995 in Dortmund oder etwa die jährliche Nebelhorn-Trophy in Oberstdorf anstanden - der DEU-Ableger war stets dabei.
Der Verein hatte bald Geld und Macht, und ein geschlossener Kreis von 18 Mitgliedern gewährleistete Exklusivität. In
diesem Zirkel konnten besonders Hermann Schiechtl, 72, und Peter Krick, 52, ungehindert wirken. DEU-Sportdirektor Krick gefällt sich in der Rolle des unternehmerischen Hardliners. »Wer Geld verdienen will, muß auch hart arbeiten«, tönt der ehemalige Eisläufer, und »wer nicht kooperieren will, der fliegt raus«.
Vor allem verstehen es die Strippenzieher des deutschen Eiskunstlaufs, ihre eigenen Pfründen zu sichern. So ließ sich Krick von der DEU ein sechsstelliges Darlehen für sein Haus am Starnberger See auszahlen, das mit bescheidenen drei Prozent verzinst und über »Mehrarbeitszuschläge« getilgt wurde. Dem DEU-Ehrenpräsidenten Schiechtl und seiner Frau Erika, einer einflußreichen Preisrichterin, lag mehr am Reisen: Die Rentner düsten nach Neuseeland, Südafrika und China, mal auf Rechnung der DEU, mal auf Kosten der lokalen Veranstalter oder des internationalen Verbandes.
Wurde die notorische Verschwendungssucht der Funktionäre in früheren Zeiten mit Blick in die leere Kasse von den Verbandsmitgliedern schon mal angemahnt, so ist seit fünf Jahren Ruh'': Mittel sind reichlich vorhanden. »Unser Geldbeschaffungsinstitut« nennen DEU-Insider die Okem.
»Nach und nach haben die sich den Verein nach ihrem Geschmack zurechtgezimmert«, kritisiert der Dortmunder Rechtsanwalt Volker Waldeck die Okem-Funktionäre. Als ehema-liger DEU-Schatzmeister hatte er den Verein 1989 mitgegründet. Inzwischen distanziert sich Waldeck von seiner Idee, da die Okem ein »unkontrolliertes Eigenleben« führe: Niemand könne mehr genau nachvollziehen, woher die Gelder kommen und wofür sie ausgegeben würden.
Offiziell gab die Okem zum Jahresabschluß 1995 ein Vermögen von 1,5 Millionen Mark an. Dazu kam eine Eurogeld-Anlage von 553 393,68 Dollar und ein US-Dollarkonto. Allein die EM spülte 830 000 Mark Gewinn in die Kasse.
Kritik an seinem Drang zum Hamstern begegnet Schiechtl mit vollmundigen Erklärungen über seine Leistungen für den deutschen Eiskunstlauf. Jährlich gibt die Okem der DEU 200 000 Mark ab, Almosen erhielten zuletzt auch 20 Sportler, denen mittels »Patenschaften« 250 bis 600 Mark monatlich überwiesen wurden.
Mit seiner finanziellen Allmacht sei die Okem de facto »der Geschäftsherr des deutschen Eiskunstlaufs«, meint der Dortmunder Sportrechtler Norbert Hiedl. Das Gebilde stehe juristisch auf wackligen Füßen, denn durch den Besitz jeglicher Rechte, mit denen im Eiskunstlauf Geld zu erwirtschaften ist, sei die als gemeinnütziger Verein agierende Okem praktisch »ein Profitcenter des Verbandes«.
Einer von Abgaben geplagten Öffentlichkeit ist zudem nur schwer zu vermitteln, warum die DEU jährlich rund 1,3 Millionen Mark Zuschuß aus dem Bundeshaushalt erhalten kann, der Tochterverein aber Millionen hortet.
Wegen dieser brisanten Konstellation kommt dem Verband der plötzliche Rücktritt seines Vizepräsidenten Robert Heusinger sehr ungelegen. Der Oberstaatsanwalt, in Nürnberg zuständig für Betrug, Steuerhinterziehung, Untreue und Mord ("Ich bin also gerüstet"), war erst im Juli ins Amt gewählt worden. Bei der im November fälligen außerordentlichen Mitgliederversammlung muß die DEU-Führung nun lästige Fragen zur Okem-Connection befürchten.
Für das Image der DEU hat das fatale Folgen. Kaum ist die Empörung über ihre unrühmliche Rolle in den Fällen von Kindesmißhandlungen am Stuttgarter Olympiastützpunkt (SPIEGEL 49/1995) halbwegs verstummt, gerät der Verband nun wegen seiner Finanzpolitik ins Zwielicht.
An der Basis rumort es bereits gewaltig. Etliche Athleten und deren Trainer fühlen sich wie Leibeigene behandelt. Sie erleben, wie die vordergründig so farbig glitzernde Schlittschuhwelt zunehmend frustrierte Aussteiger produziert - während die Funktionäre, so ein Kritiker, ihrer »Selbstbedienungsmentalität« frönen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, sagt die Dortmunder Trainerin Christina Henke-Mades, »zahlen die Sportler immens drauf«, die meisten stünden beim Karriereende »vor dem Nichts«.
Die Eistanz-Fachfrau will sich »nicht länger ducken": Sie weigert sich, einen ihr von der DEU angebotenen Vertrag zu unterschreiben, der sie mit einem Stundensatz von umgerechnet 35 Mark abspeist - abzüglich aller Kosten und Sozialabgaben, womit ihr weniger bleibe »als einer Putzfrau«.
Von den »unerträglichen Seilschaften« der Funktionäre fühlt sich auch Norbert Schramm an die Wand gedrückt. Der ehemalige Europameister hatte mit seiner Agentur kleinere Galas veranstaltet. Doch die eifersüchtige DEU, sagt Schramm, hätte den Auftritt deutscher Athleten blockiert. Zudem seien Hallenbetreiber unter Druck gesetzt worden, »nicht mit mir zusammenzuarbeiten«.
Neuerdings führt der Verband auch in den Weihnachtstagen eine Veranstaltungsreihe durch - zu jener Zeit, in der sich Schramms Eisshows gerade etabliert hatten: »Damit ist mir gänzlich das Wasser abgegraben worden.« Die DEU bestreitet Schramms Vorwürfe.
Das Kartell hat die Zukunft längst abgesichert: Im Juli unterzeichneten DEU und Okem einen Vertrag, der dem Ver- ein alle Vermarktungs- und Veranstaltungsrechte bis ins Jahr 2000 garantiert. »Das Monopol wird zementiert«, sagt Schramm, »der Markt ist kaputt.«
Schramm, der sich wohl endgültig aus dem Eiskunstlaufgeschäft zurückziehen wird, ist indes kein Einzelfall. Mit seiner Kungelpolitik hat die DEU einen kompletten Landesverband vertrieben.
Anfang des Jahres trat der Eissport-Verband Schleswig-Holstein aus der DEU aus. Dessen Vorsitzende Gertrud Schreiner mochte nicht länger ertragen, wie sich »Sportfunktionäre kaufen lassen und wie Hauptamtliche sich in einem Machtradius bewegen, der ihnen nicht zukommt«.
* Mandy Wötzel und Ingo Steuer zum Abschlußder Europameisterschaft 1995.