Leichtathletik Keine Grenzen
»Nach Hause fahren wir nur nachts«, schilderte Weltrekordlerin Renate Stecher, 23, aus Jena, Abstecher zu ihrem Elternhaus in Süptitz, Kreis Torgau. »Sonst müßten wir zu viele Hände schütteln.«
Die Zurückhaltung entspricht der Rolle, die der Staat seinen erfolgreichen Sportlern zugewiesen hat: Renate Stecher, die Doppel-Olympiasiegerin von München, stellt musterhaft ein Produkt der DDR-Gesellschaft dar, den Teil eines Modell-Kollektivs.
Als erste Frau der Weit spurtete sie die 100 Meter in weniger als elf Sekunden; am vorletzten Wochenende verbesserte sie in Dresden die Sprint-Weltrekorde auf 10,8 Sekunden (100 Meter) und 22,1 Sekunden (200 Meter). Fachleute bemäkeln zwar, daß ihre handgestoppten Leistungen nur die langsameren, aber elektrisch präzise gemessenen Siegeszeiten vom Olympia in München wiederholt haben. Der Makel trifft allenfalls den Weltverband, der die Handmessung noch zuläßt.
Renate Stechers Anlauf zum Weltrekord hatte vor zehn Jahren im Schul-Sport begonnen. Beim republikweiten Sichtungswettbewerb, der Spartakiade, war sie auf gefallen. Nach offizieller Version gelangte sie dann zu einem Klub, dem ausschließlich Leistungssportler angehören. Sie zog den SC Motor Jena vor, weil sie »als Mädchen vom Dorf nicht in die Großstadt Leipzig wollte«.
Wahrscheinlich besuchte sie die erste Kinder- und Jugendsportschule (KJS) der DDR in Bad Blankenburg. »Als ich in Bad Blankenburg zu trainieren begann«, äußerte sie jedenfalls in einem Interview mit dem Ost-Berliner »Sportecho«. Eine Bestätigung fehlt Denn über das KJS-Netz, in dem die meisten Spitzensportler schon im Schulalter an die Weltklasse herangeführt werden, schweigt sich die offizielle DDR aus.
Zu den Staatsgeheimnissen zählen auch Renate Stechers Trainings-Pläne. Sowjetische Rekordler veröffentlichen ihre Programme unbefangen; sie sind ohnehin nicht zur Nachahmung für jedermann geeignet. Sie verriet nur: »Hier und da tragen wir Frauen gegen unsere Männer gemeinsame Startsprints aus.« Im Sport mußte die Pädagogik-Fernstudentin einen schwerwiegenden Nachteil ausgleichen:
»So delikat es ist, bei Frauen von Gewicht und Figur zu reden, hier muß es sein«, schrieb DDR-Fernsehreporter Heinz-Florian Oertel über der Athletin Körpergewicht von 70 Kilo bei 1,70 Meter Länge, die sie »beschleunigt wie ein PS-starker Generator«. Die früheren US-Weltrekordlerinnen Wilma Rudolph (1,81 Meter, 59 Kilo) und Wyomia Tyus (1,72 Meter, 61 Kilo) wogen erheblich weniger.
So glückte der erste internationale Erfolg, Staffelsieg und Silber bei den Europameisterschaften 1969, nach einer siebenjährigen Anlaufzeit. Anschließend beantragte Renate Stecher die SED-Mitgliedschaft. Interviewer verweist die Genossin Olympiasiegerin an ihren Ehegatten oder Trainer. Äußerstenfalls fachsimpelt die allzeit freundliche Athletin »nur über Sportliches«.
Ihr Programm bestimmt die Partei. Renate Stecher reist zu Jugend-Foren. »Auf dich kommt es an«, berichtete das »Sportecho« über ihren Auftritt vor Bergarbeitern. »Das vereint den unbekannten. Kumpel mit der weltbekannten Sprinterin.« Der fleißigsten Wettbewerbs-Brigade setzte sie eine Stecher-Goldmedaille als Preis für Mehr-Produktion aus.
An den Weltjugend-Festspielen in Ost-Berlin nimmt die Läuferin als Delegierte teil. Am kommenden Wochenende benötigt sie die DDR zu drei Europacup-Rennen. Dann stehen Starts bei den Studenten-Weltmeisterschaften in Moskau an. Den Haushalt hält ihr Ehemann in Schwung. Renate Stecher: »Einer muß ja aufräumen.«
»Für den menschlichen Fortschritt gibt es keine Grenzen«, verkündete sie flink und spurtete, auf ärztliche Verantwortung, trotz einer Blinddarmreizung. Der Staat belohnte sie mit »den Vaterländischen Verdienstorden in Silber und Gold. Sie sind mit jährlichen Renten in Höhe von 500 und 1000 Mark verbunden.
»Trinken Sie ruhig auf den Rekord«, ermunterte sie Journalisten nach ihrer Weltbestleistung. »Aber nicht zuviel.« Bis zur Olympiade 1976 in Montreal will der trotz Formel-Antworten sympathische Anti-Star die Rolle eines Aushängeschildes der Republik weiterspielen. Dann wünscht sich Renate Stecher »ein normales Familienleben«.