Kiwi Magic - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 52 / 88

Kiwi Magic

Ein Neuling aus Neuseeland segelte den mit Star-Wars-Technologie ausgerüsteten US-Favoriten in den ersten Qualifikationsrunden um den America's Cup davon - mit der einzigen Kunststoff-Jacht. *
• aus DER SPIEGEL 48/1986
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Fast im Schrittempo zog eine 150 Meter lange Autokarawane vier Monate lang durch Neuseeland. Ein Sattelschlepper in der Mitte des seltsamen Konvois transportierte einen Bootsrumpf. Der Zug bereitete die größte Herausforderung des Inselstaates vor, seit Sir Edmund Hillary 1953 mit dem Sherpa Tensing Norgay als erster den Mount Everest, den höchsten Gipfel der Welt, bezwungen hatte.

Zu Lande mobilisierte das Wagengeschwader die Neuseeländer zu einem See-Abenteuer und damit verknüpft dem bislang aufwendigsten nationalen Gemeinschafts-Unternehmen: einem Erfolg im America's Cup, dem prestigeträchtigsten Segelwettbewerb der Welt. Das Schau-Boot im Werbezug stellte die Jacht »New Zealand« dar, die den Traum von maritimen Glanztaten verwirklichen soll.

Die Seglerwelt draußen belächelte allerdings die kühnen Hoffnungen der Neuseeländer. Wie ihr Wappentier, der Kiwi, ein Vogel ohne Flügel, spotteten Experten, werde auch die »New Zealand« nicht vom Boden der Tatsachen abheben können.

Als Favoriten galten die Amerikaner, die den Pokal der englischen Queen Victoria 132 Jahre lang verteidigt hatten. Zwar verloren sie ihn erstmals 1983 an Australien. Aber mit Star-Wars-Technologie, High-Tech-Wissenschaftlern und dem leistungsfähigsten Computer der Welt bereiteten sie mehrere Jachten sorgfältig auf die Revanche vor.

»Denen zeigen wir's«, verhieß dagegen Chris Dickson, 25, Skipper des neuseeländischen Cup-Anwärters, ganz im Stile Hillarys, der den Everest-Triumph einst mit den Worten gemeldet hatte: »Dem haben wir's gezeigt.«

Vorerst hielt Dickson Wort. Mit 22 Siegen und 66 Punkten bei nur einer Niederlage führt das neue Wunderkind des Segelns« (so das US-Magazin »Newsweek") nach zwei Qualifikations-Serien. Die beiden US-Favoriten »America II« (zwei Niederlagen gegen Dickson) und Stars & Stripes« dümpeln als nächste im Kielwasser der Kiwis.

»Er verlangt Perfektion«, beschrieb Mitsegler Tony Rae den Arbeitsstil Dicksons, »und wenn er sie nicht kriegt, geht er dir an die Kehle.« Gegenüber den erfahrenen US-Seglern wie Dennis Conner von der »Stars & Stripes«, der den Cup 1980 verteidigte und 1983 verlor, besitzt der Neuseeländer als jüngster aller beteiligten Skipper erst zwei Jahre Erfahrung auf 12er-Jachten, die den America's Cup bestreiten.

»Ich sehe mir die alten Burschen an«, prahlte Dickson, »und denke: Das wird mörderisch für sie. Ich halte Jugend für einen Vorteil.« Sprüche wie diese trugen ihm den Spitznamen »McEnroe des Segelns« ein. Seit seinem achten Lebensjahr hatte er von seinem Vater Roy, der 1969 vor Kiel den Eintonner-Cup gewinnen half, Tricks und Taktik abgeguckt. Nach einem College-Jahr verstaute er seine Schulbücher endgültig. Seit zehn Jahren segelt Dickson nur noch.

Er siegte bei nationalen Jugend-Meisterschaften, segelte der Konkurrenz bei

der Kieler Woche im Zweimann-420er davon, vor Chicago bei einer Laser-Meisterschaft. Dazu sammelte er drei Jugend-Welttitel in der 420er Klasse. Allerdings mußte er sich fast jedesmal neue Mitsegler suchen; die meisten waren es leid, die häufigen Vorwürfe des blondschöpfigen Hitzkopfes einzustecken.

Nachdem das neuseeländische Cup-Syndikat Dickson als Crew-Kapitän bestimmt hatte, wählte er in zahlreichen Konditionstests und Qualifikationen an Bord unter den 70 Topseglern des Landes die elf Mitglieder der Kernbesatzung aus. Durchschnittsalter: 26 Jahre.

Dazu kommen 13 Ersatzleute auf einem Schwesterschiff. Ein drittes Team mit Arzt, Masseur, Versorgungsexperten, Meteorologen und einem Anwalt betreut die Segler an Land.

Als stärkster Trumpf der Neuseeländer hat sich ihr Schiff erwiesen: Die erste und einzige Kunststoff-Jacht beim America's Cup verdiente sich durch ihre Siege gegen sämtliche Konkurrenten respektvolle Namen wie »Kiwi Magic« oder »Plastic Fantastic«.

Bei dem oft schweren Wetter im Austragungs-Revier vor Fremantle, dem Hafen der westaustralischen Metropole Perth, tauchte die »New Zealand« mit Bug und Heck weniger tief in die Wellen ein als die Aluminium-Rümpfe ihrer Rivalen. US-Skipper Conner argwöhnte deshalb regelwidrig manipulierte Teile am Vor- und Achterschiff. Er protestierte, wurde jedoch mit 12:1 Stimmen abgeschmettert.

»Unsere Jacht ist unter Aufsicht des Lloyd-Registers gebaut und zweimal vermessen worden«, wehrte sich Team-Manager Michael Fay. »Glasfiber gehört die Zukunft«, verkündete Dickson. »Wir genießen den Vorteil schon heute.«

Die Neuseeländer verfügten nicht nur über die schnellste Jacht, sondern auch über das professionellste Allround-Management, erkannte die Konkurrenz verblüfft. Als Koordinator arbeitete der Multimillionär Fay, der mit Partner eine Investment- und Bankgesellschaft betreibt.

Nach Neuseelands Bewerbung 1984 hatte Fay mit fast preußischer Gründlichkeit eine nationale Unternehmung organisiert, insgesamt 15 Millionen Dollar zusammengetrommelt. Zum Bau der Cup-Jacht gewann er die drei erfolgreichsten neuseeländischen Boots-Designer, als ausführenden Bootsbauer den weltweit erfolgreichen Epiglass-Hersteller Healing Industries.

Fay warb Dutzende von Firmen als Sponsoren an, die Bank of New Zealand Air New Zealand und sogar die norwegische Reederei Jebsen Line. So wollte Schiffseigner Kristian Jebsen, wie er begründete, Norwegen »wenigstens einen kleinen Anteil« am Cup-Ruhm verschaffen. Die Lion-Brauerei sagte pro Dose verkauften Steinlager Bieres drei Cent zu. Der Umsatz kletterte alsbald um 20 Prozent.

Denn mittlerweile war die PR-Welle bis in den letzten Winkel des Landes geschwappt. Presse, Rundfunk und Fernsehen verbreiteten regelmäßig Informationen über die Cup-Kampagne. In jedem Ort, den seinerzeit die Autokarawane erreichte, traten Neuseeländer mit zehn Dollar Beitrag dem Förderklub bei.

Das Cup-Management brachte Anstecknadeln, Mützen und T-Shirts unter die Leute. Für die Betuchten veranstalteten sie Gala-Diners zum stolzen Preis von 500 Dollar. Der Cup-Song »Sailing Away« dröhnte täglich aus Rundfunkgeräten und Discos und eroberte schon nach einer Woche den Spitzenplatz in der Hitliste.

Das soll erst der Anfang gewesen sein. Handelsminister Mike Moore kündigte Neuseelands »größte Marketing-Offensive außerhalb der EG« an. Gemeinsam und staatlich gefördert wollen zahlreiche Unternehmen ihren und Neuseelands Export forcieren.

Ausstellungen in Perth sollen neuseeländische Produkte vorstellen, eine Neuseeland-Woche zugleich den Tourismus in Schwung bringen. Australische Kaufhäuser werden neuseeländische Spezialitäten anbieten. Nachkommen der Ureinwohner sollen vor Schaulustigen traditionelles Kunsthandwerk fertigen und zur Neuseeland-Visite anlocken.

Alles hängt freilich davon ab, daß Dicksons Crew auch die weiteren Qualifikationen siegreich besteht: Am 2. Dezember beginnt eine dritte Serie jeder gegen jeden. Dann zählt ein Sieg jedoch zwölf Punkte; in der ersten Runde gab es einen Punkt pro Erfolg, in der zweiten fünf Punkte.

Die vier punktbesten Jachten gelangen in zwei Halbfinals, in denen ein Boot vier Siege zum Vorstoß ins Qualifikations-Finale benötigt. Dann sind vom 13. Januar 1987 an abermals vier Siege im direkten Vergleich erforderlich, um am 31. Januar gegen Australiens Cup-Verteidiger antreten zu dürfen. Australien hofft auf eine Niederlage des Nachbarn. Denn nur wenn ein US-Boot gegen Australien um den Cup segelt, verwirklicht sich das Geschäft mit Hunderttausenden US-Touristen. Für den Fall wird sogar Präsident Ronald Reagan erwartet.

Doch die Stimmung bei den Kiwis ist zuversichtlich. Denn die bisher einzige Niederlage gegen Amerikas »Stars & Stripes« hatte Dickson in der zweiten Runde wettgemacht - mit knapp einer Minute Vorsprung.

In den einschlägigen Kneipen in Fremantle kursiert schon eine neue Seekarte: Sie zeigt den Hauraki-Golf vor Auckland, das Revier, das Neuseeland für eine mögliche Cup-Verteidigung 1991 vorgesehen hat.

Zur Ausgabe
Artikel 52 / 88