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BOYKOTT Kleine Schritte

Der Sportboykott gegen Südafrika bröckelt. Jetzt spielten Südafrikaner als offizielle Gäste in der Bundesrepublik Rugby. *
• aus DER SPIEGEL 41/1984
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

An drei Tischen im Heidelberger Prinzhotel frühstücken schwarze und weiße Rugbyspieler aus Südafrika gemeinsam: Ferien von der Apartheid.

Das Auswahlteam »The Barbarians«, aus allen Landesteilen stammend, hatte Gastgeber gefunden, obwohl die UN und das Internationale Olympische Komitee (IOC) allen Klubs und Sportlern Sperren androhen, die gegen Südafrikaner antreten. Der Deutsche Rugby-Verband organisierte die Tournee - mit ausdrücklicher Genehmigung des Deutschen Sportbundes (DSB).

In ihrem Nationalsport Rugby zählen die Südafrikaner zur Weltklasse. Die »Barbarians« gewannen locker die vier Spiele in Bonn, Wiedenbrück, Hannover und Heidelberg und erzielten dabei respektable 314:27 Punkte.

»Zwischenfälle«, sagt ein bulliger Angriffsspieler aus Kapstadt, »habe ich nirgendwo bemerkt.« Es gab keine. Ein halbes Tausend Rugbyfans beklatschte die spielerische Sondervorstellung. Anschließend feierten beide Mannschaften die dritte Halbzeit beim Bankett zu kühlen Getränken, schmetterten deutsches wie exotisches Liedgut und stampften dazu, bis das Klubhaus zitterte.

Südafrikanische Mannschaften waren zwar schon 1974 und 1977 in Süddeutschland aufgetreten, aber inoffiziell und ohne Öffentlichkeit. Dann vermittelte 1983 der südafrikanische Botschaftsrat David Jacobs, Rugbyfan und Mitglied des Bonner SC, eine Rugby-Reise der Bonner. Die Deutschen reisten unter dem neutralen Namen »Bonner 15« an, dennoch rügte sie der Verband.

Zum Gegenbesuch erschienen die »Barbarians«. DSB-Präsident Willi Weyer hatte diesmal »nichts einzuwenden«. Dem Team aus Südafrika gehörten 12 weiße und 13 farbige Spieler an, die auch gemeinsam im Hotel und gemischt in den Zimmern nächtigten, was vor wenigen Jahren noch nicht einmal in allen US-Profimannschaften selbstverständlich war.

»Warum sollen wir unsere Freunde in Südafrika, die gegen Apartheid sind, im Stich lassen«, begründete Weyer. Aus der leidvollen Erfahrung des Olympia-Boykotts von 1980 beklagt er es als »Heuchelei«, daß nur der Sport die Apartheid bestrafen solle. Denn kulturellen Austausch und Handel betreibt die ganze Welt mit Südafrika. Sogar die UdSSR vermarktet ihre Diamanten über de Beer. Die schwarzafrikanischen Staaten Angola und Mosambik schlossen Verträge mit dem Apartheid-Regime. Viele Staaten diskriminieren Gruppen aus politischen oder religiösen Gründen.

Dabei forderten Afrikas Staaten, kurz nachdem sie in den sechziger Jahren ihre Unabhängigkeit erlangt hatten, zu Recht, Südafrika auszuschließen. Aber die Feindschaft gegen das Rassisten-Regime erwies sich bis jetzt als einziger gemeinsamer Nenner, auf den sich alle anderen Afrikaner einigen können.

Schon 1964 suspendierte das IOC Südafrikas Olympia-Mannschaft. Die bedeutendsten Weltverbände schlossen sich dem Boykott an.

Damals herrschten die Rassengesetze auch im südafrikanischen Sport. Als die Briten 1968 mit einem farbigen Spieler in ihrem Kricket-Team anreisen wollten, hielt Südafrikas Ministerpräsident Balthazar Johannes Vorster das für »unannehmbar«. Südafrikas Sport fand sich nahezu isoliert. Resignierend wanderten südafrikanische Athleten aus: Der schwarze Sidney Maree lief Weltrekord für die USA, die weiße Zola Budd startete in Los Angeles für Großbritannien.

Deshalb löste eine neue Regierung in Pretoria den Sport aus der Apartheid-Politik heraus. Seit 1981 dürfen die Sportorganisationen des Landes selbständig handeln. Klubs und Verbände nehmen mittlerweile Angehörige aller Rassen auf, bilden gemischte Mannschaften nach dem Leistungsprinzip und tragen gemeinsame Meisterschaften aus.

Ein zweiter kleiner Gesetzesschritt billigte Farbigen gleiche Rechte in den Klubhäusern zu. »Das ist gut für die dritte Halbzeit«, erklärte ein farbiger »Barbarian« aus Kapstadt.

Aber der gesetzliche Freiraum im Sport reicht nicht über das Klubhaus hinaus. Nach der dritten Halbzeit müssen die Farbigen in ihre Gettos zurück. Der »Group Areas Act« verbietet ihnen, in weißen Vierteln zu wohnen.

Deshalb hält die UN daran fest, »keinen normalen Sport in einer abnormen

Gesellschaft« zu billigen. Doch der Boykott bröckelt, und Südafrikas Regierung hilft der internationalen Trendwende mit viel Geld nach. Sie schickte Mannschaften wie die »Barbarians« aus, sie subventionierte internationale Sportveranstaltungen im eigenen Lande. An einem Millionen-Dollar-Tennisturnier beteiligte sich auch CSSR-Star Ivan Lendl. Er wurde zwar gerügt, doch anschließend im Daviscup eingesetzt.

Frankreichs Präsident Francois Mitterrand verbot zwar noch eine Rugby-Tournee seiner Nationalmannschaft in Südafrika, aber Großbritannien spielte, und nun öffnete sich die Bundesrepublik. Sogar aus Sri Lanka reisten Kricket-Spieler ins Apartheid-Land. Sportler aus mehr als 20 Nationen traten in den letzten Jahren in etwa 50 Sportarten gegen Südafrikaner an. Kenias weißes IOC-Mitglied Reginald Alexander forderte jüngst zu Sportkontakten mit Südafrikas Sportlern auf.

Die »Barbarians« fielen in der Bundesrepublik nicht nur durch hochklassige Leistungen auf. Beim Training mit ihren hoffnungslos unterlegenen Gegnern demonstrierten sie Tricks, Technik und Taktik und leisteten, wie Delegationschef Harold Hawkins meinte, »eine Art umgekehrte Entwicklungshilfe«.

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