Kleiner Sieg für China - DER SPIEGEL
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OLYMPIA Kleiner Sieg für China

Zehn Monate vor Beginn der Sommerspiele ist die Bühne in Peking schon bereitet. 20 neue Sportstätten sind errichtet, 11 komplett renoviert. Linien werden gezogen, Spielfelder angelegt. Die Botschaft ist deutlich: Nichts wird 2008 dem Zufall überlassen. Von Ullrich Fichtner
• aus DER SPIEGEL 46/2007
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In Peking regnet es Funken, sie sprühen vom Stahlgeflecht des Olympiastadions, von den Rohbaustümpfen des Staatsfernsehens, von den Gerüsten im Turm 3 des China World Trade Center. Es regnet Funken im »Jade Garden«, an der »Beijing Riviera«, im »Capital Paradise«, wo sie die Wohnhochhäuser der Neureichen im Dutzend aus dem Boden stampfen. Funken springen von den Fassaden entlang der Ringstraßen, es wird geschweißt, gesägt, gebaut, es wird repariert, renoviert, retuschiert, es fliegen glühende Späne, es geht Goldregen nieder, jetzt schon, 270, 280 Tage vor Beginn der Olympischen Spiele.

Die Stadt putzt sich in den spiegelnden Fassaden der 31 Wettkampfstätten, die wie wahllos in den Stadtplan gewürfelt sind, in drei, vier Clustern liegen die Stadien, Arenen und Kampfbahnen im Norden und Westen und östlich des Zentrums, und wer sie alle besuchen, wer sie überhaupt finden will, braucht einen kundigen Fahrer und starke Nerven: Es geht durch eine gewucherte, verstopfte, überforderte Stadt, durch ein gewaltiges Siedlungsgebiet, das 16 800 Quadratkilometer misst.

Das ist die Kragenweite einer Metropolis, es ist 20-mal Berlin, ein Ballungsraum größer als das deutsche Wattenmeer, eine Stadt ohne scharfe Ränder, im Innern erschlossen durch aufgeständerte Autobahnen, mehrstöckige Expressways, gegliedert von fünf mehrspurigen Ringstraßen, die um den Mittelpunkt der Verbotenen Stadt, um das alte Herz Chinas, ihre schiefen weiten Kreise ziehen.

Wer sich aufmacht vom Platz des Himmlischen Friedens, Tiananmen, Richtung Westen, kommt bald nach Wukesong, dort steht eine wuchtige Halle wie aus türkisblauem Milchglas in einem weiträumig abgesperrten Baufeld.

Basketball werden sie hier spielen, im August 2008, bei den XXIX. Olympischen Sommerspielen der Neuzeit, es wird, als wäre nichts weiter, um Freiwürfe gehen, um technische Fouls, um vergebene Körbe in letzter Sekunde, aber die sportlichen Dramen werden verblassen, weil eigentlich dauernd

das große, ganze China auf dem Spielfeld steht: ein altes Reich. Ein neues Land, das zeigen will, wie fulminant es im 21. Jahrhundert angekommen ist.

Der Vorplatz des »Wukesong Indoor Stadium«, wo links die drei olympischen Baseballfelder zu erahnen sind, ist einschüchternd groß. Wanderarbeiter in Alltagskleidung bevölkern den Bauplatz, keiner trägt Helm, wie Bienen sind sie über den Boden her. Hinter den Sportanlagen recken sich Kräne über den Rohbauten einer neuen Bürostadt, dort flattern Transparente, weiß auf rot: »Feiert den 58. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China«.

Vor dem Bauzaun spielen alte Männer Dou Kongzhu, »den leeren Bambus schwingen«, sie lassen Kegel wie beim Jo-Jo auf Schnüren tanzen, elegante Akrobaten mit verwitterten Gesichtern, die Mao noch live im Radio hören konnten. Manche tragen Schiebermützen auf dem Kopf und am Leib hochgeknöpfte Kittel, sie halten kleine Drachen in der Luft, gebastelt aus zerschnittenen Einkaufstüten mit dem Aufdruck »Carrefour«. Sie stehen mit dem Rücken zur neuen Olympiahalle, das Alte und das Neue sind sich sehr nah, gegenüber sind die Fenster des Militärkrankenhauses 301 zu sehen, in dem Deng Xiaoping im Februar 1997 starb.

Es sind gewissermaßen seine Spiele, und wäre er noch am Leben, Deng, der Architekt des neuen China, wer weiß, vielleicht wäre dann auch der ursprüngliche Plan der Schweizer Baumeister Burckhardt + Partner Wirklichkeit geworden.

Sie wollten die Außenwand der Basketballhalle eigentlich mit Flüssigkristallbildschirmen so tapezieren, dass die komplette Fassade eine Leinwand für Live-Übertragungen aus dem Innern hätte sein können. Aber das Projekt wurde gestoppt, als vor drei Jahren noch einmal alle Projekte überdacht wurden, überdacht werden mussten, aus Kostengründen, aber gewiss auch aus einem diffusen Argwohn heraus gegen zu viel Westlichkeit, zu viel Transparenz.

Viele Olympia-Neubauten haben jetzt mit Raumschiffen zu tun, mit fliegenden Untertassen, Ufos, Science-Fiction. Die Hallen abseits des »Olympischen Grüns«, häufig auf verwinkelten Universitätsarealen versteckt, sind mit diversen Leichtmetallen verkleidet oder sonst wie versiegelt, gern fensterlos, glatt, geschlossen. Es sind oft runde, oft kantenlose Bauten, die sich zum neuen chinesischen Nationaltheater in Pekings Zentrum, dem umstrittenen »Entenei« des Franzosen Paul Andreu, verhalten wie Satelliten zu einem Mutterschiff. Sie bieten nicht viel Widerstand. Sie zeigen wenig Gesicht.

Das trifft zu für die zwei Turnhallen im Tongzhou-Distrikt südöstlich des Zentrums, auf dem Campus der Pekinger University of Technology, Bauten wie zerfließende Golfbälle, in denen es um Badminton und Rhythmische Sportgymnastik gehen wird. Ein Ufo ist auch nordwestlich des Zentrums gelandet, auf dem Campus der Beihang-Universität, wo man den Gewichthebern eine lustige Halle aus Aluminium hingestellt hat.

Aber die gute Nachricht lautet - und um sie allein geht es -, dass Peking bereit ist. Die Spiele könnten beginnen, im Grunde schon übermorgen, denn die Hallen und Stadien sind gebaut, die Bühne ist bereitet.

Auf den Bauplätzen hängen Banderolen mit Sprüchen, die sagen: »Arbeitet hart, sichert das Gelingen des Baus«, dabei wird schon Parkett gefegt, es werden schon Linien gezogen, Spielfelder angelegt, Netze aufgerichtet, es wird bald Wasser eingelassen, wo es welches braucht, und es wird Munition eingelagert, wo es nötig ist für den sportlichen Wettkampf.

Beim Besuch der Tischtennishalle auf dem Campus der Universität von Peking dröhnen Lautsprecheransagen durch den Kuppelsaal, es wird zur Probe mehrfach Feueralarm gegeben, mit Durchsagen auf Chinesisch und Englisch. Weit im Westen, am olympischen Schießstand, einem kühnen Riegel vor dem Weichbild der Westberge, ist schon jeder Zutritt verboten, weil kein Körnchen Staub mehr hineingetragen werden soll.

Am alten »Capital Indoor Stadium«, 1968 erbaut, sind vor dem olympischen Volleyballturnier nur noch kosmetische Arbeiten zu erledigen, es geht, an fast allen Wettkampfstätten, nur noch um Kleinigkeiten, um ein bisschen Grün, um ein paar hübsche Steine. Die Botschaft heißt: Es ist vollbracht. Sie heißt: Wir hätten es auch im Jahr 2000 schon geschafft, für das im letzten Augenblick doch Sydney den Zuschlag erhielt. Aber jetzt, 2008, wird nichts mehr

dazwischenkommen, und nichts wird improvisiert sein, nichts wird sein wie beim hektischen Endspurt auf Athen 2004, alles wird sich anfühlen wie weitsichtig geplant. In den Katakomben der Ringerhalle kleben an den Türen bereits jetzt, 270, 280 Tage vor der großen Eröffnungsfeier, computergedruckte Zettel mit der Aufschrift: »Frische Blumen«, »Kampfrichter« und sogar: »Medaillen«. Nichts wird Zufall sein im Peking des Jahres 2008.

Um das große Werk zu stemmen, mussten Chinas Bauern in großer Zahl zu Arbeitern werden, Hunderttausende traten den langen Marsch in die Hauptstadt an. Vor dem neuen Velodrom des Architekturbüros Schürmann am Westrand der Stadt legen Männer und Frauen aus der Provinz Hebei und aus Sichuan letzte Hand an Wege und Rabatten, sie schaufeln Steine, sieben Tage die Woche, für 800 Yuan im Monat, 74 Euro, zum Ruhm der Nation. Die Bauern, sie bauen das neue Olympia in Fernost.

Sie bauen in Scharen den Platz um die Radrennbahn von Laoshan, die auch an ein Raumschiff erinnert, rund, futuristisch, dabei wie von einer Kirchenkuppel überwölbt.

Im Schatten des Velodroms, nur ein paar Meter von der großen Halle entfernt, niederdrückend nah, sind zwei kurze Wohnblöcke stehen geblieben, realsozialistische Quartiere, von denen der Putz blättert, sie sehen aus, als wären sie beim Abriss vergessen worden.

Zwischen den Gebäuden führen zwei alte Damen einen Spitz spazieren. Sie sagen, dass es in der Gegend nun keinen Gemüsemarkt mehr gebe. Mehr fällt ihnen zu Olympia nicht ein. Ein Mädchen im Trainingsanzug erzählt, dass dort, wo nun die Halle stehe, einst Felder gewesen seien. Aber vielleicht, sagt sie, war da auch der Übungsplatz einer Fahrschule, sie erinnert sich nicht genau, der Baubeginn des Radstadions liegt schließlich drei Jahre zurück. Und drei Jahre, das ist im heutigen Peking eine sehr lange Spanne Zeit.

Die Beschleunigung ist überall mit Händen zu greifen. Allein die Autoflotte der Hauptstadt wächst täglich um tausend Fahrzeuge. Niemand zählt mehr die neuen Bäume im Wald der Hochhäuser, Hunderte sind im Bau, Hunderte geplant. Ausländer, die hier lange leben, reden nicht mehr von Entwicklung, sondern von Explosion. Die Stadt legte sich 1994 ihren dritten, 2001 ihren vierten, 2003 ihren fünften Autobahnring zu, jetzt wird am sechsten gebaut. Und all das hatte immer schon viel mit Sport zu tun, mit Sportpolitik auf Chinesisch.

Peking erlebte seinen ersten großen Modernisierungsschub der Nach-Mao-Ära vor den Asien-Spielen von 1990. Damals, ein Jahr nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens, präsentierte die Regierung neue Prachtbauten, die die Schande überglänzten, und es entstanden um die Wettkampfstätten neue Wohn- und Geschäftszentren. Die Asien-Spiele, sie waren schon das Präludium zur großen Fuge mit Namen Olympia.

Der stürmische Fortschritt seit 1990 ist nicht ohne Preis gekommen. Es heißt, das Durchschnittstempo auf den Straßen sei wegen dauernder Staus auf zwölf Kilometer pro Stunde gesunken. Man könnte bald zu Fuß gehen und schneller sein, aber dann bekäme man es mit der berüchtigten Pekinger Luft zu tun: schwanger mit Schwefeldioxid, mit Stickoxiden, Schwermetallen, Feinstäuben; die Werte sprechen den nationalen Richtlinien und jenen der Weltgesundheitsorganisation regelmäßig Hohn.

An schlechten Tagen, wenn es neblig ist, wenn die Kohleheizungen laufen, wenn womöglich noch Staubstürme in die Stadt drücken und die Luft trotzdem seltsam steht wie unter einer Glocke, ist die Verschmutzung auf der Zunge zu schmecken und im Rachen als leises Halsweh zu spüren.

Aber die Spiele werden im Sommer stattfinden, und die Autobesitzer werden millionenweise mit Fahrverboten belegt sein. Die Regierung will Fabriken vorübergehend schließen, sie wird alte Kraftwerke stilllegen, sie stellt schon jetzt in großem Stil von Kohle auf Gasversorgung um und hat sich dafür schon Lob bei der Unep abgeholt, dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen.

Und wenn alles nicht hilft oder nicht schnell genug wirkt, werden es die wissenschaftlichen Wettermacher der Regierung regnen lassen, oder sie werden Raketen in Wolken schießen, um sie zu vertreiben, sie werden alles tun, ohne Rücksicht, um sicherzustellen, dass die Luft über dem großen Sportfest von Peking wenigstens nicht dreckiger sein wird als die in Athen 2004 oder in Los Angeles 1984.

270, 280 Tage sind es noch bis zur Eröffnung am 8. 8. 2008. 20 neue Sportstätten sind errichtet, 11 komplett renoviert, und wer sich endlich auf dem vierten Stadtring dem »Olympischen Grün« nähert, hat bald, überwältigt, den eigentlichen Symbolbau der kommenden Spiele vor Augen, das Nationalstadion, genannt: Bird's Nest, Vogelnest.

Seitlich zieht sich der olympische Campus hin, zwei, drei Kilometer nach Norden, aufgereiht stehen das spektakuläre Schwimmstadion, die Olympiahalle, das Konferenz- und Medienzentrum, dahinter das läppische Olympische Dorf, die Tennisanlagen, ein Park noch mit Bäumchen und Teichen, so sieht Olympia im kommenden Jahr aus. Es werden Bilder geliefert gegen alte Klischees. Und jedes Bild ist, schon vor Beginn der Spiele, ein kleiner Sieg für China.

Kein Eindruck aber ist prächtiger, anrührender als der des großen Stadions selbst. Das verflochtene Nest aus Stahl ist ein stolzes Zeichen, ein Monumentalbau mit menschlichem Antlitz, ein genialer Wurf des Architekten-Duos Herzog & de Meuron sowie des Künstlers Ai Weiwei. Es ist, als wäre dieses Stadion ein erstes großes Geschenk Chinas an die Welt im 21. Jahrhundert. Nichts Materielles, nichts Käufliches, sondern: ein Stück Weltkultur, ein Original, made in China.

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