Sportpolitik Koalition des Schweigens
Sportpolitische Probleme pflegt der Präsident des Deutschen Sportbundes (DSB) mit Vorliebe im legeren Trainingsanzug auszusitzen. Wenn die Erklärungsnot jedoch besonders groß ist, bedient sich Hans Hansen, 67, gern bewährter Rezepte der Vergangenheit.
Dann dementiert Hansen, der in der Endphase des Waterkantgate der letzten CDU-Regierung Schleswig-Holsteins als Regierungssprecher diente, alle Vorwürfe ganz fix und formal korrekt - aber eben auch knapp an der ganzen Wahrheit vorbei.
Als der Spitzenorganisation des Sports in der vorletzten Woche vorgeworfen wurde, auf dem rechten Auge blind zu sein, war es wieder mal soweit. Im DSB, ließ Hansen vollmundig erklären, gebe es »keine Koalition des Schweigens gegenüber Geschichtsverfälschungen oder anderen Tendenzen des Rechtsradikalismus«. Die Oberen des Verbandes, deren Vorgänger ähnlich wie viele Kirchenfürsten in der Nazi-Zeit bereitwillig Handlangerdienste leisteten, hätten sich schließlich »konsequent um die Aufarbeitung der Geschichte bemüht«, und die so erarbeitete Grundposition werde »konsequent verfolgt«.
Die verbale Entschiedenheit hat gute Gründe. Der deutsche Sport, ohnehin gebeutelt von Identitäts-, Finanz- und Dopingkrisen, kann es sich nicht leisten, Sponsoren und Politiker aufs neue zu verschrecken. Doch so leicht wird die Debatte um die Bewußtseinstrübungen der meist konservativen Sportverwalter nicht zu beenden sein - zu offensichtlich übt sich in Hansens Funktionärsreich die rechte Basis in Verdrängung.
Ausgelöst hat die neue Diskussion der Paderborner Sportwissenschaftler Günter Hagedorn, der angesichts »erschreckender Formen rechtsradikaler Gewalt« in einem offenen Brief einen sechs Jahre zurückliegenden Vorgang publik machte.
1987 hatte der Frankfurter Professor Rainer Ballreich, 62, einer der führenden deutschen Biomechaniker und ehrenamtlicher Mitarbeiter in DSB-Gremien, bei DSB-Tagungen die »Auschwitz-Lüge« offen vertreten. Hagedorn und der Ministerialbeamte Peter Busse aus dem für den Sport zuständigen Bonner Innenministerium informierten ihre Vorgesetzten im DSB und in Bonn und verlangten konkrete Schritte.
Es dauerte aber fünf Jahre, ehe Ballreich seine letzte ehrenamtliche Funktion in einem Sportgremium aufgeben mußte. Eine öffentliche Distanzierung von der »infamen Geschichtsverfälschung« (Hagedorn) blieb aus. Um zu verhindern, daß der »schändliche Vorgang durch Schweigen erledigt« wird, ging der Paderborner Wissenschaftler vor kurzem in die Offensive.
Mit einer Hinhaltetaktik wie im Fall Ballreich versucht auch der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) ein selbstgeschaffenes Rechts-Problem auszusitzen.
Mitte der achtziger Jahre wurden die Schlagzeilen über den maroden Verband zunehmend negativ. Da glaubten die DLV-Funktionäre, die Kritiker mit einem neugeschaffenen Journalistenpreis gnädiger stimmen zu können. Schnell einigten sie sich auf einen für den Ehrentitel geeigneten Namen. Zur Erinnerung an den früheren Chefredakteur des Fachblatts Leichtathletik wurde der »Heinz-Cavalier-Preis« ausgelobt.
Daß bei der Namensgebung dem damaligen DLV-Präsidenten August Kirsch schlicht das Geschichtsgedächtnis versagt hat, mag niemand glauben. Dem Kölner Professor, während dessen Regentschaft auf Reisen zu später Stunde auch schon mal deutschnationale Lieder angestimmt wurden, war die braune Vergangenheit Cavaliers durchaus bekannt. Als Hauptschriftleiter des NS-Organs Der Leichtathlet hatte Cavalier aus seinem Nazi-Fanatismus kein Hehl gemacht. Der Sport, versicherte Cavalier seinem Führer, wolle »ein wertvoller Helfer in der totalen Kriegsführung sein«; Hitlers Beutezüge waren für ihn ein »Krieg des Fair play«. Selbst das Massensterben auf dem Schlachtfeld machte für Cavalier noch Sinn: »Leben, Kämpfen und Sterben« der Sportler bestätige »die Wahrheit des Wortes, daß es fürs Vaterland ist, wenn wir zu spielen scheinen«.
Dem Berliner Journalisten hat die glühende Propaganda auch im demokratischen Deutschland nie geschadet. Denn im DLV sammelten sich Funktionäre, die schon im Nazi-Reich Karriere gemacht hatten. Ehrenvorsitzender wurde Karl Ritter von Halt, der 1944 zum letzten Reichssportführer bestimmt worden war und 1936 die von Hitler propagandistisch mißbrauchten Olympischen Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen organisiert hatte.
Auch die Neuzeit des deutschen Rechtsradikalismus hat die Leichtathletikfunktionäre nicht sensibilisiert. Aufforderungen, den Namen des Preises zu ändern, wurden ignoriert. Selbst als sich zwei Kandidaten mit dem ausdrücklichen Hinweis auf Cavaliers völkische Heldenverehrung weigerten, die Auszeichnung anzunehmen, blieb das ohne Konsequenzen.
Die Verbandsherren fanden schließlich immer wieder Journalisten, darunter den ehemaligen Ressortleiter der Süddeutschen Zeitung, Ludwig Koppenwallner, und ARD-Moderator Gerd Mehl, die sich am Namen nicht störten - oder aber, wie ein Geehrter es zugibt, sich »nicht leisten konnten, den Preis abzulehnen«.
So hielt es auch der amtierende Präsident Helmut Meyer nicht für nötig, sich mit dem DLV-Geschichtsverständnis zu befassen. Der Heidelberger Sportpädagoge Professor Gerhard Treutlein, der ihn eindringlich auf Cavaliers NS-Propaganda hinwies, bekam auf seinen Brief nicht einmal eine Antwort. _(* Sportjournalisten Heinz Vogel und ) _(Ludwig Koppenwallner auf dem ) _(DLV-Verbandstag 1987 in Bad Mergentheim. )
Namensgeber Cavalier (1961) »Leben, Kämpfen und Sterben«
Cavalier-Preisträger* »Ablehnung konnte ich mir nicht leisten«
Ehemaliger DLV-Präsident Kirsch Braune Vergangenheit ignoriert
* Sportjournalisten Heinz Vogel und Ludwig Koppenwallner auf demDLV-Verbandstag 1987 in Bad Mergentheim.