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FUSSBALL Kölscher Prinz

Lukas Podolski gilt als Entdeckung der Saison - nun pokern Manager und Berater um den Karriereplan des Stürmertalents aus Köln.
Von Jörg Kramer
• aus DER SPIEGEL 7/2004
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Nachwuchsstürmer Lukas Podolski, 18, hat bislang weder den Führerschein ("Ich bin erst die Bögen am Lernen") noch eine Freundin: »Wenn ich eine finde, dann find ich eine.« Aber die Zahl derer, die ständig nur sein Bestes wollen und dabei für ihn Entscheidungen treffen, die er nicht versteht, nimmt bereits täglich zu wie bei einem ausgewachsenen Hollywood-Star.

Mitte vergangener Woche beispielsweise erschien der im polnischen Gliwice (Gleiwitz) geborenen Fußballbegabung mit deutschem Pass und kölschem Idiom so manches rätselhaft. Die Zeitungen schwärm-ten noch von seinem dritten Treffer im sechsten Bundesliga-Spiel für den 1. FC Köln, da erfuhr er so nebenbei, dass der Verein seinen Musterungstermin beim Kreiswehrersatzamt in seinem Namen kurzfristig abgesagt habe. Dabei hatte Lukas Podolski erwartet, bald als Zivildienstleistender in die Vereinsgeschäftsstelle einzurücken, wo er jetzt schon ein Büro-Praktikum absolviert.

Mittwochmorgen konnte der irritierte Torjäger dann in der Zeitung lesen, dass ihn der Verbandstrainer Erich Rutemöller bei Teamchef Rudi Völler für die Nationalelf empfehlen werde - der Lukas sei »einer wie Englands Superstar Michael Owen«. Dabei hatte »Poldi« Podolski, vom Boulevardblatt »Express« zu »Prinz Poldi« geadelt, neulich erst gelernt, es sei seiner Karriere abträglich, wenn man ihn zu früh zum Retter des deutschen Fußballs erklärte.

Und schließlich beobachtete das vermeintliche Wunderkind mit erstaunlicher Gelassenheit, wie sein Berater Konstantin ("Kon") Schramm zusammen mit dessen Chef, dem bekannten Spieleragenten Norbert Pflippen, Kölns Manager Andreas Rettig zu Vertragsgesprächen aufsuchte. Dabei scheint Podolski, der schon als 16-Jähriger bei einem Jugendspiel von Schramm entdeckt wurde, gar keinen Handlungsbedarf zu sehen: »Ich fühl mich wohl hier und bin mit allem zufrieden.«

Der Fall Podolski ist ein Musterbeispiel für jenes Stadium einer sich anbahnenden Erfolgsstory, in der die Einflüsterer sich in Position bringen - in der Hoffnung, ein Stück vom Karrieregewinn abzubekommen. Dazu gehört immer auch der Arbeitgeber. Doch ebenso, sagt Club-Manager Rettig, jene konkurrierenden Spielerberater, »die so einem Jungen einreden: Wenn du bei mir unter Vertrag bist, holen wir noch mehr raus«.

Das Geschäft mit dem heranwachsenden Star ist außerdem exemplarisch für die Bundesliga des Nach-Kirch-Zeitalters. Denn bisher galt seit dem Bosman-Urteil des Europäischen Gerichtshofs, das Ablösegelder beim Club-Wechsel von vertragsfreien Spielern 1995 in den Orkus der Fußballgeschichte katapultierte, für Vereine die Faustregel: je länger die Laufzeit eines Kontrakts, desto besser die Chance, durch einen vorzeitigen Verkauf des Spielers reich zu werden. Langfristige Verträge jedoch ließen sich die Profis mit einem Aufschlag beim Gehalt abringen. Jetzt, in Zeiten schwindender TV-Einnahmen, steht solchen Deals der Sparzwang entgegen: Die Spielergehälter müssen sinken.

Podolski, dessen Vater in der ersten polnischen Fußball-Liga kickte und dessen Mutter Handball-Nationalspielerin war, ist inklusive Option bis 2007 an den Club gebunden. Im Dezember, nach den ersten Toren, gewährte der 1. FC seinem »Juwel« (Präsident Albert Caspers), das bis dahin 800 Euro verdiente, eine Gehaltserhöhung auf etwa 3000 Euro. Manager Rettig nennt das eine »vertrauensbildende Maßnahme«.

Rettig steckt in einem Dilemma. Einerseits will er den U-19-Nationalspieler über 2007 hinaus in Köln halten, andererseits mag er die Bundesliga-Entdeckung der Saison »nicht mit Gold behängen«. Der Club hat in der vergangenen Zweitliga-Spielzeit begonnen, Personalkosten zu sparen.

Doch genauso gilt, dass Lukas Podolski der Trumpf des 1. FC Köln im Abstiegskampf ist - und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Vor drei Monaten spielte der 1,80 Meter große Stürmer noch in der A-Jugendmannschaft - bis der Trainer der Profis geschasst und durch den Schweizer Marcel Koller ersetzt wurde. Der ehemalige Coach von Grasshopper Zürich erkundigte sich bei Manager Rettig nach Talenten im Jugend- oder Amateurbereich. Er bekam das Video eines Junioren-Länderspiels mit Podolski in die Hand gedrückt. Einen Tag später spionierte Koller auf Trainingsplatz 7 des Vereinsgeländes am Geißbockheim, wo die A-Jugend übt. Es war der Beginn von Podolskis Bundesliga-Laufbahn.

Koller ist selbst erstaunt ("ein kleines Wunder auf zwei Beinen") über den Fan polnischer HipHop-Musik, der vor dem Tor so abgebrüht und konzentriert agiert wie ein langjähriger Berufsfußballer. Auch körperlich ist Podolski weit entwickelt, dazu schnell und technisch versiert.

Längst hat Manager Rettig den identitätsstiftenden Effekt von Podolski-Toren erkannt. Der neue FC-Held wohnt seit 16 Jahren mit den Eltern in Bergheim bei Köln, spielt seit 7 Jahren im Verein und lässt sich von der Buchhalterin der Club-Gastronomie zum Training fahren. »Poldi« spricht zu Hause mit den Eltern Polnisch und draußen die Sprache der Fans. Im ersten TV-Interview hat er gleich zweimal »Scheiße« gesagt.

So einer dürfte nach dem Geschmack fröhlicher Romantiker für immer beim Club am Rhein bleiben. »Mein Traumverein«, sagt jedoch Kölns Fußballprinz, »ist der FC Barcelona.« JÖRG KRAMER

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