Kosmopolit im Mutterland - DER SPIEGEL
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FUSSBALL Kosmopolit im Mutterland

Die Not war groß, als England im Vorjahr erstmals einen Ausländer zum Trainer der Nationalelf berief. Am Samstag gegen Deutschland steht Sven-Göran Eriksson mächtig unter Druck: Ist der Schwede doch nicht der inspirierende Stratege?
Von Jörg Kramer
• aus DER SPIEGEL 35/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dem angeblich so kühlen Schweden wird eine unerschütterliche Gemütsruhe nachgesagt. Selten werden bei Sven-Göran Eriksson, 53, irgendwelche Gefühlsspannungen erkennbar. Neulich jedoch, während des Londoner Trainingslagers der von ihm betreuten englischen Fußballauswahl, machten Beobachter eine ungeheuerliche Entdeckung: Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn.

Das geschah, als ihm die Reporter wieder mal eine Falle stellen wollten. Schon bei seiner ersten Pressekonferenz in England nach seiner Berufung zum Nationaltrainer vor neun Monaten hatten sie ihn mit Prüfungsfragen wie der nach dem Namen des linken Verteidigers vom FC Sunderland genervt. Jetzt sollte er aus dem Stegreif Einzelheiten von Englands gloriosem 4:1-Sieg gegen die Niederlande bei der Europameisterschaft 1996 memorieren.

Eriksson musste passen. Bei dem Hype, der um »sein gelehrtes Wesen« gemacht werde, hätte man mehr erwartet, nörgelte anderntags der »Daily Express« und warnte den Kosmopoliten auf der Bank des Fußball-Mutterlandes: Für manchen Nationalcoach seien schon »Maulwurfshügel zu Bergen« angewachsen.

An mangelnden Geschichtskenntnissen wird Eriksson nicht scheitern. Selbstverständlich erinnere er sich an jenen Knüller von vor fünf Jahren, verriet er eine Woche später am Sitz des englischen Verbandes FA am Londoner Soho Square. »Nur ist es nicht mein Job, von der Vergangenheit zu träumen.«

Sein Job ist es, das Team mit den drei Löwen auf dem Shirt zur Weltmeisterschaft nach Japan und Südkorea zu führen. Das kann ohne umständliche Ausscheidungsspiele nur durch einen Sieg am kommenden Samstag in der Qualifikationspartie gegen Deutschland in München gelingen. Als »Endziel« seiner Mission sähe Verbandsgeschäftsführer Adam Crozier gern, dass Eriksson England 2006 den Weltmeistertitel beschafft.

Freunden des englischen Fußballs ihre rückwärts gewandte Sehnsucht auszutreiben hat er sich abgewöhnt, wie er überhaupt jedes anfänglich aufschimmernde Sendungsbewusstsein verlor. Aber Eriksson muss ja nicht gleich ständig den Geist früherer Erfolge beschwören wie sein bedauernswerter Vorgänger Kevin Keegan. Dem war - in Ermangelung genauerer Fachkenntnisse - zuweilen nichts anderes eingefallen als die Empfehlung, seine Stürmer sollten in den Strafraum »Bomben werfen«.

Zur Einstimmung hat Eriksson, sonst ein Freund psychologischer Publikationen und tibetischer Dichtkunst, ein englisches Buch über den »zweitwichtigsten Job im Lande« gelesen. Für Autor Niall Edworthy, der in erster Linie alle Pressekampagnen gegen Englands Teammanager seit 1946 beschreibt, ist die Position die »definitiv schwierigste«.

So war seinerzeit der bedauernswerte Bobby Robson über Nacht im Amt ergraut.

Sein Nachfolger Graham Taylor wurde als »die Rübe« karikiert, der sperrige Glenn Hoddle richtiggehend von der Bank gejagt.

Auch Eriksson, als Trainer mit zwei europäischen Titeln sowie einer italienischen Meisterschaft mit Lazio Rom und drei portugiesischen Championaten mit Benfica Lissabon dekoriert, hat wahrlich keinen Bonus. Der Mann mit der randlosen Designerbrille, nach Croziers Beobachtung »ein Intellektueller«, ist der erste Ausländer auf dem Posten. Für Traditionalisten im Land der Fußball-Erfinder klang die Jobvergabe wie die Nachricht, ein Glühwurm wolle die Sterne das Funkeln lehren.

Derlei Nachhilfe hielt etwa das Blatt »Daily Mail« für eine »Erniedrigung": So habe England sein Geburtsrecht verhökert - und das an eine Nation von Skifahrern und Hammerwerfern, »die ihr halbes Leben in der Dunkelheit verbringen«.

Eriksson, schon fast sein halbes Leben lang Trainer, sollte dem mit Talenten gesegneten, aber taktisch rückständigen Team auf die Sprünge helfen. Doch als fünf Siegen in Folge kürzlich mit dem 0:2 gegen Holland die erste Niederlage unter seiner Obhut folgte, kamen schon Zweifel auf an seiner Eignung als Präzeptor der Nation. Hatte er den Debütanten Owen Hargreaves von Bayern München nicht auf ungewohnter Position ins Leere laufen lassen?

Dass der Schwede nun die Briten missionieren soll, halten Erikssons Wegbegleiter ohnehin für einen Witz der Fußballgeschichte. Als der frühere Verteidiger seinen heutigen Assistenten Tord Grip als Coach des Drittligaclubs Degerfors IF beerbte, ließ er so auffällig englisch kicken, dass ein Vereinsdirektor angesichts der hoch und weit auf die Flügel geprügelten Pässe vorschlug, die Platzmitte »zu vermieten«. Für Fußball werde sie ohnedies nicht genutzt.

Später beim IFK Göteborg bot Jungtrainer Eriksson nach anfänglichen Misserfolgen den Spielern seinen Rücktritt an - für den Fall, dass sie die propagierte Abkehr vom Kurzpass-Spiel nicht goutierten. Die Mannschaft lehnte ab, und Eriksson führte Göteborg 1982 zum Uefa-Pokaltriumph durch Endspielsiege gegen den Hamburger SV.

Erste Vorbilder waren die in Malmö und Halmstad arbeitenden englischen Kollegen Bob Houghton und Roy Hodgson. Eriksson schaute später auf Bildungsreisen beim Training des FC Liverpool und bei Ipswich Town zu. Die von ihm bevorzugte Spielart nannten sie bald »Svenglish«.

Als besonders innovativer Stratege gilt der stets gelassene Rotweinkenner allerdings noch heute nicht. Bloß einmal merkten wegen einer Neuerung Englands Kommentatoren auf: nach Erikssons Ankündigung, er werde seinen Spielern kurz vor und nach den Partien den Genuss von Alkohol nicht gestatten. Für Englands Kicker, hieß es, müsse das »ein Kulturschock« sein.

Eriksson ist mehr der Eklektiker unter den Trainern. Kein Zufall, dass er und sein Assistent pausenlos zu Ligaspielen fahren. Eriksson, der rund sechs Millionen Mark im Jahr verdient, sah 55 Partien allein von Januar bis Mai. Landsmann Grip ist als Scout auf der Insel so viel mit dem Auto unterwegs, dass der »Guardian« fürchtete, er löse noch »eine Benzinkrise« aus.

Die Zeit der »Flitterwochen«, wie die Engländer liebevoll die Phase der gegenseitigen Annäherung nannten, ist vorbei. Inzwischen, weiß der »Daily Telegraph«, hätten auch selbstzufriedene FA-Funktionäre erkannt, dass der neue Lehrer nicht »sofort den Alchimisten spielen« könne.

Eriksson ist weder der kreative Umstürzler noch der »Wandtafel-Technokrat«, als den ihn die Medien vorstellten. Er gewährt Führungsspielern wie David Beckham und Paul Scholes auf dem Rasen Prokura und akzeptiert deren Sonderstatus. Von Kapitän Beckham ließ er sich nach seiner Einstiegspartie sogar ein Autogramm für seine 14-jährige Tochter geben.

So wird Eriksson, Sohn eines Lastwagenfahrers und einer Krankenschwester aus dem nahe der norwegischen Grenze gelegenen Dorf Torsby, auch in England seinem Ruf als anpassungsfähiger Weltbürger gerecht. Schon bald, spotten skandinavische Freunde, die über sein aristokratisches Outfit nach 13 Jahren Italien staunten, werde er Melone tragen. Die britische Teammanager-Attitüde hat er sich längst angeeignet: Der Chef lässt seine Adjutanten auf dem Trainingsplatz die Befehle erteilen, er selbst schaut einfach zu.

Eriksson gehört der Generation zweckdienlich austauschbarer Spitzentrainer an. Anders als originelle Tüftler wie in den achtziger Jahren Arrigo Sacchi speisen diese distinguierten Herren, die an Industriemanager erinnern, ihre Autorität weniger mit Ideen. Ihr Charisma liegt in ihrer Erfahrung begründet - und in ihrem Ruf, immer irgendwie Erfolg zu haben. Wichtig ist, dass ihnen die umschwärmten Twens in kurzen Hosen nicht auf der Nase herumtanzen.

Vom englischen Verband wurde Eriksson verpflichtet, weil er den Umgang mit »Spielern, die viel Geld verdienen« gewohnt war, wie David Dein, Mitglied der Findungskommission, wissen ließ. Schon in seinem Buch »Über Fußball«, das Eriksson gemeinsam mit dem norwegischen Psychologen Willi Railo verfasste, erwähnte er die »Notwendigkeit, Spieler mit negativem Einfluss auszusondern«.

Wie Bayern Münchens Ottmar Hitzfeld konserviert er seinen Leumund als Respektsperson, indem er Nationalspieler kalt lächelnd aus seinen Ensembles heraus- und wieder hineinrotiert. Dem »Daily Telegraph« kam der Schwede vor wie das »Parademodell des modernen Generalobersten im Fußball«. Man muss nur ein paar Mal im Laufe der Trainerkarriere ordentlich durchgegriffen haben.

So geschah es in der Serie A, wo sie Eriksson bis zum Gewinn des ersehnten Scudetto mit Lazio Rom lange »Italiens erfolgreichsten Verlierer« nannten. Er war den Kritikern »zu nett«. Dann gab er Publikumsliebling Giuseppe Signori den Laufpass, und als sich der divenhafte Kroate Alen Boksic einmal vor Spielbeginn über ein zu enges Trikot beschwerte, orderte der Trainer ein Taxi. Das fuhr den Stürmer umgehend heim.

Das alles kann der passionierte Mandoline-Spieler mit immer gleicher Freundlichkeit erklären, jedem Satz folgt ein zahnweißes Lächeln. So muss es auch gewesen sein, als er in Rom den stadtbekannten Richter zum Essen einlud, um ihm zu eröffnen: Leider habe er ihm die Ehefrau ausgespannt.

Fortan dominierte die glamouröse Anwältin Nancy Dell''Olio in Italien die Klatschspalten. Mittlerweile weiß auch Englands Boulevard, warum Erikssons italienisch-amerikanische Freundin vor jedem Spiel ein Glas Champagner braucht: »Es beruhigt mich.«

In der neuen Wahlheimat, vertraute der Besitzer von Häusern in Schweden, Portugal, Italien und am Londoner Regent''s Park Landsleuten an, werde ihm aber zu viel im Privatleben recherchiert. So hätten die Reporter schon seine Mutter, seine Ex-Frau, den in Amerika studierenden Sohn, die bei der Mutter in Florenz lebende Tochter, die Ex-Schwiegermutter und den früheren Mathematiklehrer kontaktiert. »Ich muss meine Familie verteidigen.«

Für irgendwelche Attacken bietet deren Oberhaupt aber mangels deutlicher Worte oder Konturen kaum Angriffsflächen. Inzwischen haben die Kritiker sich daran gewöhnt, dass ein Skandinavier den Trainerstuhl Sir Alf Ramseys besetzt, Englands einzigem Teammanager, der einen Titel gewann. Wenn die Premier League Impulse von Vereinstrainern aus Frankreich und Italien erhält, kommt es auf einen Ausländer mehr oder weniger auch nicht an.

Und wird nicht das Rugby-Team von einem Neuseeländer angewiesen, das Kricket-Team von einem Coach aus Simbabwe? Und wenn British Airways von einem Australier geleitet werden kann, warum dann nicht die Nationalelf von einem Schweden? »Ich kann Recht haben oder Unrecht«, sagt Sven-Göran Eriksson in seiner unnachahmlich unverbindlichen Art, »nur die Zukunft kann das zeigen.«

Manchmal wünschte sich die Öffentlichkeit einen etwas konkreteren Standpunkt. Und so wurde dem Trainer vor dem Duell mit dem Erzrivalen Deutschland die obligatorische Frage gestellt: Das Wembley-Tor von 1966, durch das England mit Sir Alf die WM gewann, war es korrekt?

»Muss ich dazu eine Meinung haben?«, fragte Eriksson erschrocken zurück. Erwartungsgemäß hatte er keine. JÖRG KRAMER

* Beim 0:1 gegen Deutschland am 7. Oktober 2000 in London.

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