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Sport Kunstfehler

Über Jahrzehnte verklärten Hollands Fußballer ihre Niederlagen und pflegten den Glauben an die eigene Erhabenheit. Nun soll eine postideologische Ära Titel bringen. Von Klaus Brinkbäumer
• aus DER SPIEGEL 24/2008
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Und alles begann in Hiltrup. Diese Mythen und Legenden, die Verschwörungsgeschichten und Verklärungen, diese ganze niederländische Selbstzerstörung, die Marco van Basten an diesem Sonntag in Rotterdam mit ruhigem Blick »Gequatsche« nennt, das alles fing in einem weiß gekachelten Schwimmbecken in Hiltrup an.

Hiltrup ist nicht so bekannt. Es gibt eine Marktallee dort und das Eiscafé Martini, Hiltrup hat den Dortmund-Ems-Kanal, die Polizeiführungsakademie, das Waldhotel Krautkrämer und den Sportplatz Hiltrup-Ost, der heute erstaunlicherweise Glasurit-Arena heißt. Kein Mensch jenseits des Münsterlands kennt Hiltrup.

Aber Cruyff und die Holländer verbrachten die WM '74 in Hiltrup. Im Waldhotel Krautkrämer. Es ist 34 Jahre her, Cruyff hatte lange Haare und guckte stolz. Siebenjährige Hiltruper Jungs verbrachten jenen verregneten Sommer '74 vor dem Waldhotel und auf dem Sportplatz Hiltrup-Ost, wo sie die Trainingsbälle aus dem Wäldchen fischten, und auf Wiesen, wo sie Hollands Siege nachspielten. Die Nummer 14 nannten sie »König Johan«, und der trug nur zwei Streifen auf dem Trikot und nicht drei, weil er auch ein Rebell war.

Johan Cruyff sagte scharfe Sachen: »Wenn ich gewollt hätte, dass Sie's verstehen, hätte ich's besser erklärt«, so redete Johan Cruyff. Er schrieb auf dem Parkplatz Autogramme: raumgreifend, schnell, er schrieb, wie er spielte. Für Hiltruper Jungs war es nicht einfach, im Sommer '74 für Deutschland zu sein, denn Holland in Hiltrup, das war eine Verheißung. Cruyff, Neeskens, Rep, Rensenbrink waren die Besten der Welt, und leider wussten sie es.

»Total Football« hieß ihr Versprechen. Die Kinder von '74 verstanden es nicht, Erwachsene von heute können es nachlesen: Der britische Fußballerklärer David Winner erzählt, dass die Niederlande bis 1965 ein mittelmäßiges Land mit miesem Fußball waren, dann kamen Rock'n'Roll und die Drogen und die Freiheit, und Amsterdam wurde die Hauptstadt von Humor und Leichtigkeit*. Das war die Saat.

Es folgten Cruyff und Rinus ("Die Sphinx") Michels. Der Spieler und sein Trainer. Cruyff und Michels ernteten nicht, sie säten noch ein wenig nach. Für die Ernte war immer noch Zeit. Dachten sie.

Fußball wurde ein anderes Spiel Anfang der Siebziger. Bis dahin hatten alle Mannschaften mit festen Positionen gespielt, jeder Mann an seinem Platz, Ajax Amsterdam und die holländische Nationalmannschaft erfanden das Spiel neu. Total

Football, »totaalvoetbal«, das bedeutete permanente Offensive, Schnelligkeit und Kreativität, Total Football war eine Idee, holländisches Denken, denn die Idee baute auf dem Gedanken auf, dass Räume flexible Größen seien. Architektonischer Fußball oder: die Erschaffung von Raum.

Die Holländer tauschten die Positionen. Sie fächerten sich auf, wenn sie den Ball hatten, und vergrößerten das Spielfeld; wenn die anderen den Ball hatten, zogen die Holländer sich zusammen und nahmen dem Gegner den Platz weg. Wie verwegen: Tore zu schießen war eine Möglichkeit, aber nicht der Sinn - das Ziel des Spiels war seine Schönheit, es war das erste Mal, dass Fußball eine Kunstform wurde. Gab es je ein holländischeres Team als jenes von 1974? Niederländer leben ja so: Raum verknappen, Raum gewinnen, nur so wächst ein Land unter dem Meeresspiegel.

Allen anderen waren sie ein paar Jahre voraus, sie hätten die WM 1974 und noch viel mehr gewinnen müssen. Sie siegten 4:1 gegen Bulgarien, 4:0 gegen Argentinien, 2:0 gegen die DDR und 2:0 gegen Brasilien, sie schossen im Finale gegen die Deutschen nach 120 Sekunden das 1:0, sie spielten die Deutschen 20 Minuten lang wund und wirr, und dann verloren sie.

Es lag, das sagten die Holländer hinterher, an »Bild«. Es lag am Schiedsrichter und an Bernd Hölzenbeins Schwalbe vor dem 1:1, es lag an Gott, den Deutschen, an Pech und der Welt, und auf gar keinen Fall lag es an ihnen, den Holländern.

»Bild« hatte damals von einer »Nacktparty« im Pool des Waldhotels geschrieben, Hiltruper Mädchen sollen bei Cruyff und den anderen gewesen sein; Hollands Mythen wollen es so, dass Cruyff vor dem Finale nicht schlafen konnte, weil die ganze Nacht lang seine Gattin Danny am Telefon war. Die Mythen besagen, dass »Bild« Holland auch gleich die WM 1978 versaute, weil Cruyff wegen Danny zurücktreten musste und Holland 1978 zwar wieder ins Endspiel kam, aber wieder verlor und mit Cruyff natürlich gewonnen hätte.

Die Legende will es so, dass Holland eigentlich immer besser ist als die anderen, aber die anderen spielen Panzerfußball oder gewinnen im Elfmeterschießen, oder sie treten die großartigen Holländer kaputt oder kaufen den Schiedsrichter. Es tritt bei der EM in Österreich und der Schweiz keine zweite Nationalmannschaft an, die in ihrer Vergangenheit Niederlagen so umgedeutet hätte zu Beweisen wahrer Überlegenheit. Schizophren? Manisch?

War es heilsam, dass die Holländer wenigstens 1988, wenigstens einmal ja doch Europameister wurden?

Es sah nicht so aus, damals, als Ronald Koeman sich mit Olaf Thons Trikot den Hintern rieb und das halbe Land xenophob zu grölen begann. Heilsam war, dass dann wieder verpasste Weltmeisterschaften kamen und irgendwann die Erkenntnis, dass die Holländer mit ihrer Überlegenheitstheorie auf den Rest der Welt eher komisch wirkten.

Marco van Basten, Held von 1988 und Trainer von 2008, ist kein Mann der Worte, er spricht nicht von einer Taktik der Zukunft und sowieso nicht von Fußball als Kunst, er will keine Geschichten erzählen auf dem Platz und nicht mal ein Nationalgefühl ausdrücken. Er will Spiele gewinnen, ein 1:0 tut's auch.

Als der Mittelstürmer van Basten wegen seiner vielen Verletzungen viel zu früh aufhören musste, musste man sich um ihn sorgen: so traurig sein Blick, so leer. Heute ist Marco von Basten braungebrannt, er steht immer ganz gerade am Spielfeldrand, die Haare kurz rasiert, er redet ganz leise und lächelt dazu. Marco van Basten ist kein Schwärmer, er ist auch kein Narziss wie Cruyff und war nie ein Egomane wie der alte Kamerad Ruud Gullit: »Guter Fußball ist erfolgreicher Fußball«, das ist das romantischste Van-Basten-Zitat, das man nach 45 Minuten im Diktiergerät hat.

Hans Meyer, der deutsche Trainer, kennt den holländischen Fußball gut, er sagt, dass die Idee, immer schön, »mooi«, zu spielen, mit den sieglosen Jahrzehnten zur Ideologie versteinert sei. Ähnlich war's mit dem 4-3-3-System, einst moderne Lehre, nach all den Turnieren ohne Titel aber nur noch Dogma, talibanistische Taktik.

Die Welt ist holländischer geworden: Gute Nachwuchsschulen wie Amsterdams »Die Zukunft« haben heute alle, und alle verschieben ihre Spieler; die Eroberung des Raums ist längst Basis des Spiels.

Und Holland ist weltlich geworden. Es war eine Ahnung zu bekommen von van Bastens Holland, dem postideologischen Holland, Anfang Juni in Rotterdam beim Spiel gegen Wales.

Da stand natürlich Edwin van der Sar im Tor, frisiert wie von Mutti, kein Rock'n'Roller, nie gewesen, aber ein Gegentor fing er sich wieder nicht. Es verteidigten Figuren wie Joris Mathijsen, Dienstleistungsfußballer, wie sie früher verachtet wurden in niederländischen Arenen. Davor standen zwei defensive Mittelfeldspieler, sogenannte Sechser, wie überall im Weltfußball. Es stürmte Ruud van Nistelrooy, Pragmatiker wie van Basten, vor Monaten noch auf ewig zerstritten mit dem Trainer, pünktlich zum Turnier nun zurück. Was noch holländisch war an Holland, das waren die drei hinter van Nistelrooy, die Mittelfeldspieler Arjen Robben, Wesley Sneijder und Rafael van der Vaart, die ständig ihre Positionen tauschten, dribbelten und Freistöße über Mauern schnipselten. Dieses Trio soll Holland durch die Vorrundengruppe mit Italien, Frankreich und Rumänien tragen und weiter zum Titel.

Gegen Wales siegten sie 2:0. »Viva Colonia« lief vom Band, so laut, dass kein Fan mehr singen konnte. Es war schwer orange und ganz schön deutsch.

Wer sich ein wenig in Amsterdam und Rotterdam aufhält, um mit Holländern über Fußball zu sprechen, wer dann weiter fährt ins EM-Quartier in Lausanne, der trifft noch immer eine Menge Menschen, die sagen, dass der 7. Juli 1974 ein nationales Trauma ausgelöst habe. Es sei ein »lebendiger Schmerz, wie ein ungesühntes Verbrechen«, schrieb die Psychoanalytikerin Anna Enquist. Jeder, der damals schon denken und fühlen konnte, weiß heute noch, wo er war, als Holland die WM verlor. »Wie der 11. September«, sagen sie.

Sie sagen aber auch, es sei jetzt endlich mal gut mit den alten Geschichten. Sie geben es sogar zu: Der Elfmeter, mit dem Holland in Führung ging, war kein Elfmeter, weil Uli Hoeneß Johan Cruyff vor dem Strafraum foulte; der deutsche Elfmeter war eher berechtigt; Deutschland schoss drei Tore, Gerd Müllers zweiter Treffer wurde zu Unrecht wegen Abseits abgepfiffen - niemand stahl Holland den Sieg, Cruyff und seine Jungs verhagelten sich ihre Ernte selbst. Durch Hybris; sie wollten die Deutschen vorführen.

Nicht mal »Bild« hatte gelogen, Cruyff und Rob Rensenbrink und zwei Ersatzmänner hatten tatsächlich nackt gebadet, und Hiltruper Mädchen waren dabei gewesen. »Bild« hatte allerdings schon fünf Tage vor dem Endspiel darüber geschrieben, fair und klein, im Innern des Blattes.

Wahrheit taugt selten für Mythen. In Wahrheit war es eine Hiltruper Orgie: kein Verkehr, bloß Schwimmen ohne Badehose.

* David Winner: »Oranje brillant - Das neurotische Genie des holländischen Fußballs«. Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln; 368 Seiten, 7,95 Euro.

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