Lauter Eigentore
Niemand kann mehr bezweifeln, daß
im bundesdeutschen Damenhockey wahre Amateure am Werke sind. Wie die Nationalspielerinnen ihren Bundestrainer verstießen und der Verband es fertig brachte, nun ohne Nationalmannschaft dazustehen, entkräftete jeden Verdacht auf profihaftes Management.
Das Zentrum des Erdbebens, das Mannschaft, Trainer und Funktionäre durchschüttelte, orteten Experten in Moskau: Dort findet 1980 zum erstenmal ein olympisches Turnier für Hockey-Damen statt.
Als Weltmeister von 1976 und Vizeweltmeister von 1978, zudem in 20 aufeinanderfolgenden Spielen unbesiegt, galten die bundesdeutschen Hockey-Twens als Favoriten. Dann riß die Erfolgskette plötzlich ab; drei Niederlagen versetzten die Spielerinnen in Torschuß-Panik.
»Die Mannschaft harte kein Vertrauen mehr«, und fand in Bundestrainer Werner Nowak rasch den Sündenbock. Er habe »von außen keine Hilfe mehr« geboten, »wenn etwas im Spiel schiefläuft«. Stunden vor dem Abflug zur Weltmeisterschaft in Vancouver rebellierten die Spielerinnen: »Entweder er geht, oder wir fahren nicht«, entschieden sie mit 14:1 Stimmen. Nowak verzichtete auf die Damen-Partie.
Nicht ganz ohne Grund waren die Spielerinnen durch ihren Leistungsabfall in eine Nervenkrise geraten: Einerseits hängen die drei Medaillen bei nur sechs teilnehmenden Equipen in Moskau niedrig. Andererseits hielten die Funktionäre die Teilnahme-Bedingungen in obskurem Dunkel.
Denn im Damen-Hockey arbeiten zwei Weltorganisationen etwa so zusammen wie Atomkraft-Befürworter und -Gegner in der Bonner Kanzlerpartei. Der eine Verband (FIH) betreut Mitglieder beiderlei Geschlechts in mehr als 80 Ländern, der andere (IFW-HA), in dem anglophile Damen das Wort führen, schart ausschließlich Spielerinnen in 35 Ländern um sich.
Eine Kommission aus Funktionären beider Organisationen soll auf Grund aller Ergebnisse seit 1976 die fünf teilnahmeberechtigten Mannschaften neben dem Kollektiv des Gastgebers UdSSR benennen. Die Deutschen, Mitglied beider Verbände und Teilnehmer ihrer getrennten Weltmeisterschaften, bangten nun, daß die Auswahl-Jury ein 18:0 Englands gegen Fidschi höher bewerten könnte als ihr 1:0 gegen Großbritannien.
»Hat sich Alice Schwarzer schon gemeldet?«, forschte ZDF-Moderator Karl Senne im Sport-Studio die Wortführerinnen der Hockey-Damen nach dem Trainer-Abschuß aus. Doch Emanzipationsstreben unbotmäßiger Spielerinnen gegen einen harschen Trainer hatte nur am Rande mitgespielt.
Bei allen psychologischen Fehlern, die Trainer Nowak unterlaufen sein mögen, hatten die Hockey-Twens doch ihren Leistungsabfall wesentlich mitverschuldet. Der Bundestrainer hatte jeder Nationalspielerin Pläne zur Konditionsarbeit nach Hause mitgegeben. Nowak: »Sie müssen sich an das Weltniveau anpassen.«
Einige räumten ein, daß sie ihre Hausaufgaben nicht erfüllt haben. Funktionstests in Köln bescheinigten mehreren Olympia-Kandidatinnen nachlassende Ausdauer- und Schnellkraftwerte.
Viele Spielerinnen trainieren im Klubbetrieb nur zweimal wöchentlich. Eine Damen-Bundesliga gründet der Verband erst nach den Olympischen Spielen in Moskau. Internationale Erfolge verführten die Nationalspielerinnen zu ungenügendem Trainingsaufwand. So rückten andere Länder auf. Holland überflügelte die Deutschen.
»Ich glaube nicht, daß wir unseren Vorsprung bis Moskau einbüßen werden«, versicherte Hollands Nationaltrainer Huib Timmermans, dessen Mannschaft die Deutschen schon sechsmal in Reihenfolge besiegt hat. »Wir trainieren im Damenhockey am konsequentesten.« Er holt seine Nationalmannschaft zweimal wöchentlich zum gemeinsamen Training. Übungsspiele tragen die Holländerinnen gegen männliche Junioren aus.
Eine spielentscheidende Möglichkeit bieten im Hockey sogenannte Strafecken: Der Ball wird -- ähnlich einem
* Corinna Lingnau im viertel-Finale Beten Kanada (2:0)..
Eckstoß im Fußball -- von der Torauslinie geschlagen; die Gegenspielerinnen müssen den Schlag abwarten. Am Schußkreis stoppt eine Spielerin den Ball mit der Hand, eine zweite feuert ihn dann auf das Tor ab. Allerdings bedarf es unablässigen Trainings, damit innerhalb von etwa zwei Sekunden der Ball präzise vorgelegt, sauber getoppt, hart und gezielt ins Tor befördert werden
kann. Erfolgreiche Nationalmannschaften
erzielen auf vier bis fünf Strafecken ein Tor. Die Deutschen verzeichneten zuletzt bei der Weltmeisterschaft in Vancouver nur eine Erfolgsquote von vier Prozent.
Dennoch schlugen sich die Deutschen unter ihrer neuen Bundestrainerin Greta Blunck, einer früheren Weltklasse-Spielerin aus Hamburg, ins WM-Finale durch (1:4 gegen Holland) und sicherten sich die Olympia-Teilnahme. Verbandspräsident Jürg Schäfer überreichte jeder Vizeweitmeisterin drei rote Rosen. Aber dann folgten lauter Eigentore.
Der Verbands-Donner blieb zunächst aus. Erst acht Wochen nach dem Aufstand ließ es das DHB-Präsidium blitzen: Es setzte die Spielführern Christel Behr und ihre Vertretern Margit Müller ab und stellte sie auch für den nächsten Lehrgang der Nationalmannschaft ins Abseits. Der Trainersturz sei »Erpressung« gewesen und habe dem Verband »ideellen und materiellen Schaden« zugefügt.
Nun solidarisierten sich die Spielerinnen mit ihren gewählten Vertreterinnen und wollen streiken, solange es bei der Sperre bleibt. »lch bin unglaublich stolz auf diese Mannschaft«, freute sich Christel Behr, daß alle »wie Pech und Schwefel zusammenhalten«. Die neue Bundestrainerin Greta Blunck beschwor ihren Präsidenten, sich »mit allen Beteiligten an einen Tisch zu setzen
Bleibt der materielle Schaden: Der DHB muß Nowaks Vertrag bis Ende 1979 erfüllen und die neue Bundestrainerin besolden. Die Kassenlücke beträgt etwa 20 000 Mark. Die Spielerinnen haben intern schon darüber gesprochen, sich daran zu beteiligen. Sie erhalten von der Sporthilfe monatlich 200 Mark, aber nach den WM-Erfolgen gab es je 1800 Mark Verdienstausfall. Mit Tagegeldern während der WM ergab das für Spielerinnen, die regelmäßig seit 1978 in der Nationalmannschaft gespielt haben, insgesamt ungefähr je 7700 Mark.
»Wir wollen reinen Tisch machen«, versprach DHIB-Präsident Schäfer für das Vorstandstreffen am Donnerstag dieser Woche in Köln. Nationalspielerin Gudrun Neumann meldete »die Mannschaft kompromißbereit« -- unter einer Bedingung: »Wenn der DHB von den persönlichen Strafen gegenüber zwei Spielerinnen absieht.«