RADRENNEN Lehrgeld zahlen
Im Mai, wenn es in Italien am schönsten ist, will eine Hundertschaft südländischer Rad-Profis zehn Russen Beine machen. Die Ostblock-Truppe, bisher nur gegen Amateure erfolgreich, soll beim »Giro d'Italia« zeigen, ob sie mit Berufsradfahrern mithalten kann.
Beim 64. »Giro«, neben der »Tour de France« das härteste Etappenrennen, geht es diesmal in 23 Tagen über 3879 Kilometer und 18 Bergpässe.
»Eigentlich«, sagt Guiseppe Saronni, einer der Favoriten, »will ich mich als Profi nicht mit Amateuren herumschlagen müssen«, andererseits legt der Mailänder Giro-Organisator Vincenzo Torriani gerade darauf großen Wert: Impresario Torriani hofft, daß die »offene Konfrontation« dem Rennen zu ganz neuem Reiz verhilft.
Zwischen Triest und Kalabrien soll eine alte Streitfrage geklärt werden: Sind die Ostblock-»Amateure«, deren Lebensinhalt in Wahrheit das Strampeln ist, so schnell und ausgebufft wie ihre westlichen Kollegen, die ganz offiziell vom Radfahren leben?
Außer dem »Giro« sind von der »Union Cycliste Internationale« in diesem Jahr weitere neun Berufsrennen in Frankreich, Japan, Luxemburg und England für Radamateure freigegeben worden.
Zumindest beim Profirennen von Bordeaux nach Paris kommen die Amateure den Veranstaltern als Nothilfe gelegen: Das Rennen über 581,7 Kilometer, teils im Windschatten hinter Motorrädern, dauert etwa 14 Stunden und beginnt um 2.15 Uhr früh. Zuletzt nahmen nur noch 13 Profis diese Strapaze auf sich. Der Letzte traf eindreiviertel Stunden nach dem Sieger ein. Nun sollen Amateure das Feld auffüllen.
Umgekehrt dürfen Profis in diesem Jahr an neun Amateurrennen teilnehmen, darunter an den neuen Rundfahrten in Florida und Kalifornien. In der Bundesrepublik hat sich kein Veranstalter gefunden.
Die Radfahrer sind die Vorreiter eines neuen Trends: Längst ausgehöhlte Amateurbestimmungen sollen der Wirklichkeit angepaßt werden. Gemeinsame Wettkämpfe wären ein Schritt dahin.
Für das »Open«-Konzept bei Radrennen begeistern sich vor allem Ostblock-Radler und ihre Funktionäre. »Bei 'open' können die echt großes Geld verdienen«, erläuterte Werner Wenzel, 43, Geschäftsführer beim Bund Deutscher Radfahrer. Nur die DDR-Offiziellen mauern. »Die sind«, sagt West-Wenzel, »noch zu deutsch in ihrer Einstellung.«
Ob am Ende der Saison im leeren Ostblock-Beutel wirklich harte Devisen klimpern, ist indes fraglich. Erst werden die Staatsamateure mal Lehrgeld zahlen müssen.
Erfahrungsgemäß dauert es mindestens zwei Jahre, bevor ein ins Profilager gewechselter Radamateur das dort übliche Tempo halten und jene Tricks durchschauen kann, die über Sieg oder Niederlage entscheiden. Zwischen den zwei Klassen von Pedaleuren klaffen sportliche Welten. So bestimmt das Reglement:
* Amateurrennen dürfen höchstens über 170 Kilometer führen; Profis fahren oft 100 Kilometer mehr;
* statt maximal 1800 Kilometer, die das Amateurstatut für Etappenrennen festschreibt, nehmen die Profis dabei auch 4000 Kilometer unter den Reifen.
Selbst den besten Amateuren, etwa Sergej Suchorutschenkow aus der UdSSR, dem Olympiasieger von 1980, Sieger der »Tour de l'Avenir« in Frankreich und der »Friedensfahrt« zwischen Prag, Berlin und Warschau, traut Bernard Hinault, derzeit Nummer eins unten den Profis, wenig zu. »Gib mir mal den Soucho«, sagte Hinault, genannt der »Kannibale«, und holte tief Luft (acht Liter), »ich mach' Kleinholz aus diesem Russen.«