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Fußball Lust vergeht

In der italienischen Liga, bislang als Schlaraffenland gepriesen, bleiben die Zuschauer weg.
• aus DER SPIEGEL 3/1990
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Reise zum Auswärtsspiel endete für die Anhänger des FC Bologna schon auf den Eisenbahngleisen kurz vor Florenz. Fanatische Fans des florentinischen Klubs AC hatten den Zug gestoppt und Brandflaschen in die Waggons geworfen. Mit schweren Verletzungen wurden Dutzende Bologneser ins Krankenhaus eingeliefert. Ein 14jähriger lag tagelang im Koma.

Schwer bewaffnet begehrte wenig später eine Horde Fans Einlaß ins Stadion von Hellas Verona. Sie wollten das Spiel gegen den SSC Neapel auf ihre Weise begleiten. Polizisten verhinderten im letzten Moment eine Katastrophe, sie stellten neun Molotowcocktails sicher.

Zweimal endete die Randale der »teppisti«, der Hooligans italienischer Prägung, zuletzt tödlich. Vor dem Spiel von Ascoli Calcio gegen Inter Mailand trampelten neofaschistische Inter-Anhänger den wehrlos am Boden liegenden Ascoli-Fan Nazzareno Filippini zu Tode. Monate später, beim Heimspiel gegen AS Rom, verfolgte eine Gruppe der als besonders rabiat bekannten Inter-Gefolgschaft den 17jährigen Antonio de Falchi - auf der Flucht starb er an Herzversagen.

So geht es zu in einer Liga, die weltweit immer noch als das letzte Schlaraffenland einer siechen Branche gefeiert wird. Was vermeintlich den englischen »Bestien« (The Sun), den rechtsradikalen Fans aus Holland oder auch der »Borussen-Front« in Dortmund vorbehalten war, hat nun auch die italienischen Arenen erfaßt, die bislang als Hort fröhlicher Fußball-Feste galten.

Die brutale Welle der Gewalt schwappt ausgerechnet im Jahr der Weltmeisterschaft in die heimischen Stadien. Verängstigt bleiben die Zuschauer weg. Ernüchtert klagt Antonio Di Pollina, Experte der auflagenstarken La Repubblica, Italiens Fußball sei »krank« und brauche »umgehend Hilfe«.

Auch die bislang sorglosen Vereins-Patrone sind inzwischen beunruhigt. Die Gewalt, sagt Arrigo Sacchi, Manager des Europapokalsiegers AC Mailand, sei ein »besorgniserregendes Problem«; er habe seine Tochter schon »gebeten, dem Stadion fernzubleiben«.

Aufgeschreckt durch den wachsenden Zuschauerschwund, gab der italienische Fußball-Verband eine Zuschauer-Umfrage in Auftrag. 46,6 Prozent der Befragten nannten die »Gefahr von Zwischenfällen« als Grund für ihr Fernbleiben. Die Bilanz der Gewalt gibt ihnen recht: Allein in den letzten drei Jahren wurden bei Ausschreitungen im Stadion zwei Tote, 1226 Verletzte, 600 Festnahmen sowie 1200 Anzeigen registriert.

Italiens Fußball-Funktionäre beginnen deshalb jetzt mit der Ursachenforschung, an der sich die Kollegen aus der Bundesliga schon seit langem erfolglos versuchen. Während vor vier Jahren noch durchschnittlich 38 871 Tifosi in die Stadien kamen, sank der Zuschauerschnitt letztes Jahr unter 30 000.

Der Trend hält an. Nach den Spielen der Hinrunde fehlten der mit rund 110 Millionen Mark verschuldeten Liga im Vergleich zum Vorjahr schon wieder 513 000 Anhänger. Die Klubs beklagen schon jetzt ein Defizit von rund acht Millionen Mark bei den Zuschauer-Einnahmen.

Betroffen sind mittlerweile auch die Spitzenvereine. Nicht einmal mehr ausländische Fußball-Artisten garantieren noch volle Ränge. So verlor der SSC Neapel, der Klub des knubbeligen argentinischen Ballzauberers Diego Maradona, in den letzten zwei Jahren 20 000 Besucher pro Spiel. In der Provinz sieht es inzwischen genauso traurig aus: Das Spiel Cremonese gegen Meister Inter Mailand wollten am vorvergangenen Sonntag nur 18 000 Zuschauer sehen.

Viele der bislang treuen Anhänger wurden auch durch rigorose Preistreiberei der Vereine vergrault. Ähnlich wie in der Bundesliga ist die soziale Kluft zwischen Akteuren und Zuschauern jetzt auch in Italien zum trennenden Graben geworden.

Zwar hat die italienische Regierung die Besteuerung der Eintrittskarten vor drei Jahren von 51 auf 4 Prozent gesenkt, um dem Volk das Spektakel zu erhalten. Statt die Preise zu reduzieren, verlangten die Vereinspräsidenten für ihre Tickets jedoch jedes Jahr mehr. So kostet die teuerste Jahreskarte in Cremona in dieser Saison 1800 Mark, im Jahr zuvor waren die Spiele noch für 1050 Mark zu sehen.

Zudem vermittelt das Live-Erlebnis nun auch in den italienischen Stadien nur noch ein zweifelhaftes Vergnügen. »Das Match«, moniert Michele Tigani, Pressechef des Verbandes, sei leider »kein Spektakel mehr«, das Gekicke mithin vornehmlich »taktisch geprägt«. Professionelle Kritiker wie etwa Candido Cannavo von der täglich erscheinenden Gazzetta dello Sport finden schon lange, in Italien werde »der schlimmste Fußball der letzten 20 Jahre gespielt«.

Die enttäuschten italienischen Fans reagieren inzwischen wie die deutschen: Sie bleiben zu Hause und lassen sich die wenigen Höhepunkte vom Fernsehen präsentieren. Anders als in der Bundesrepublik müssen sie keine Angst haben, etwas zu verpassen.

Gesendet wird, was die Rechte hergeben. Allein sonntags berichten sechs TV-Anstalten mit insgesamt 18 Sendungen umfassend über »calcio«, auch wenn dabei, wie der Deutsche Jürgen Klinsmann von Inter Mailand findet, »größtenteils nur geschwätzt wird«. Fußball-Talkshows, moderiert von nationalen Idolen wie Walter Zenga oder Gianluca Vialli, flimmern noch unter der Woche über den Bildschirm.

Das Überangebot - 1500 Stunden Fußball im Fernsehen pro Jahr, 200 davon allein live - hat laut Udine-Manager Marino Mariottini dazu beigetragen, »daß unsere Stadien leer werden«. Sein Kollege Paolo Borea von Sampdoria Genua glaubt deshalb, »die wöchentliche TV-Orgie« müsse »dramatisch reduziert werden«.

In ihrem Kampf gegen die Gewalt jedoch können die Profiklubs noch vom Fernsehen profitieren. Als Dino Viola, Präsident des AS Rom, eine Live-Übertragung des Lokalderbys gegen Lazio Rom aus Furcht vor Ausschreitungen genehmigte, machte der Patron dabei 250 000 Mark Verlust. Das Stadion war nur zu zwei Dritteln gefüllt.

Die angekündigte Randale allerdings blieb aus. »Könnte sein«, vermutete ein irritierter Carabiniero, »daß den Schlägern die Lust vergeht, wenn das unmittelbare Publikum fehlt.«

So könnte im vermeintlichen Paradies die Schreckensvision deutscher Klub-Manager womöglich noch eher Wirklichkeit werden als in der Bundesliga: Fußball wird vor laufenden Kameras gespielt - aber die Stadion-Ränge sind leer.

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