Lysander extra - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 27 / 49

Lysander extra

• aus DER SPIEGEL 28/1949
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Otto Schmidt, Deutschlands vierzehnfacher Jockey-Champion, hatte die Reisetasche schon gepackt, als Ravensbergs Trainer Joseph Kuhr in Berlin-Hoppegarten, Akazienstraße 4, fernmündlich Engagement zusicherte. Karlshorsts Kommandantura erteilte für »großer Reitersmann« Ausreiseerlaubnis. Bis zum 27. Juli.

In Spexard bei Gütersloh nahm der lange Kuhr Otto in beide Trainerarme. Dem geheimnisvollen Schlußgalopp des Ravensberger Derby-Teams »Schütze«, »Treiber« und »Geweihter« wohnten nur ein paar Eingeweihte bei. Otto Schmidt entschied sich für »Geweihter«, als den besten Steher, der ihn am Derby-Sonntag um die 2400-Meter-Bahn in Hamburg-Horn tragen wird. Auf »Schütze« ist Lommetzsch, auf »Treiber« Zehmisch im Sattel. Alles alte Hoppegartener.

Hamburg fiebert auf das Wiedersehen mit »Otto-Otto«. Hier hat er 1916 auf Arthur v. Weinbergs »Amorino« die Derby-Sensation geliefert. Lehrling Otto Schmidt hatte die weiß-blau-gestreifte Seidenbluse anziehen müssen. Weinbergs Stalljockey Korb hatte Krach gehabt. 238:10 zahlte der Toto für den Lehrlingssieg im Deutschen Derby.

Damals wurden die »Otto-Otto«-Rufe auf allen deutschen Bahnen populär. Neunzehn Jahre ritt Otto Schmidt für Frankfurts Herren A. u C. v. Weinberg; später für Graditz und Ebbesloh. Neuerdings trägt er die rote Jacke des Leipziger Kunsthändlers Karl-Heinz Wieland zum Erfolg.

»Otto-Otto« riefen am 19. Juni 1949 auch Saale-Halles begeisterte Turffreunde. Sie erlebten Otto Schmidts 2100. Siegesritt auf »Pfeil« Lisa Hermann, Generalsekretärin des Hallischen Rennvereins, atmete erleichtert. Sechs Rennen lang hatte sie auf einen »Otto«-Sieg gewartet. Der kam erst im letzten Rennen des Tages. Sie hatte schon den Blumenstrauß mit goldener »2100« besorgt.

Mit dieser Siegerzahl steht Otto Schmidt einsam an Deutschlands Rennreiterspitze.

Wenn »Otto-Otto« mit 53 Jahren zum 80. Deutschen Derby am Sonntag in den Sattel steigt, wird er einige Kilo Blei einstecken müssen. 58 Kilo schleppen die Hengste im Derby, 56S Kilo die Stuten. Otto wiegt 52 Kilo, wie vor zehn Jahren.

»Aber es wird schwer sein, die Oppenheimschen Stuten zu schlagen«, meinte Ravensberg-Trainer Joseph Kuhr. Die alten Schlenderhaner Farben (rot, blaue Aermel, schwarze Kappe) tragen »Asterblüte« und »Aubergine« an den Horner Derbystart. »Asterblüte« trägt alle Hoffnungen Westdeutschlands. Bei den Buchmachern ist die Stute bereits auf 40:10 heruntergewettet.

Schwerster Gegner »Asterblütes« sind nicht die Hengste, sondern die Hitze. 1948 verlor Schlenderhans Wunderstute »Aralia« ebenfalls gegen die Hitze. Erst im Herbst konnte sie sich rehabilitieren, denn der Herbst ist die Zeit der Stuten.

Hannovers Derby-Hoffnung, Erdöl-Pauls »Standard«, wurde vom Kampf um die 75000 DM (50000 DM dem Sieger, 12000 DM dem Zweiten, 7000 DM dem Dritten, 4000 DM dem Vierten und 2000 DM dem Fünften) gestrichen. Der Hengst hat Schienbeinschmerzen. In der Aufzucht glich er »Oleander«, der kurz nach der Geburt getötet werden sollte.

Was 1948 »Birkhahn« gelang, den Siegeslorbeer in die Ostzone zu tragen, soll diesmal »Lysander« vollbringen. »Ein 'Birkhahn' ist er aber nicht«, meint Otto Schmidt. »Wohl ein annehmbares Pferde. In Hoppegarten hat er alle seine Rennen sicher mit sechs bis acht Längen gewonnen. Er wird 'Asterblüte' das Leben schwer machen.«

»Lysander hat seine ihm bisher gestellten sieben Aufgaben in einer so netten Manier gelöst, daß ich berechtigte Hoffnung habe, daß er unsere Ostzone würdig im 80. Deutschen Derby vertreten wird«, schreibt sein Besitzer Alfred Krenz dem SPIEGEL.

Likörfabrikbesitzer Alfred Krenz (in Firma: Krenz & Fröhlich, Berlin O, Frankfurter Allee 242-243) nennt seine Schnäpse zu Ehren des bisher ungeschlagenen Hengstes »Lysander Extra« und »Lysander Gold«

Der Rennstallbesitzer Likörfabrikant und Handelsbeirat in Friedrich Ebert juniors Ost-Magistrat züchtet seit 1932 Vollblutpferde aus Passion. »Norbert«, ein Bruder der Wunderstute »Nereide« (Erlenhofzucht) gehörte ihm.

Wenn Alfred Krenz' »Lysander« Deutschlands 80. Derby für die Ostzone gewinnt, wären 50000 DM-West nach Hoppegarten zu transferieren. Der 48jährige ehemalige Amateurreiter hat bereits mit der Ostzonen-WIKO vereinbart daß im Goldwesten für den Gewinn zweijährige Zuchtpferde eingekauft werden sollen.

Denn die Ostzonen-Zweijährigen sind ein schlecht geratener Jahrgang. Der Mangel an guten Zuchtpferden in der Ostzone war bereits Anlaß für die Verordnung: alle fünfjährigen Vollblutstuten von den Rennbahnen schleunigst in die Ställe.

Auch in Alfred Krenz Stall fehlen die Zweijährigen; neben den Bahnpferden stehen nur fünf Jährlinge und drei Fohlen in Krenz' Hoppegartener Boxen.

Westdeutschlands Cracks reisen ständig, Hoppegartener Pferde kaum, »Lysander« reiste noch nie. Nach seinem letzten scharfen 1800-m-Schlußgalopp mit Bruno Radach im Sattel, der ihn auch in Hamburg reiten wird, ließ Alfred Krenz seinen Ostzonen-Crack in ein Pferdetransport-Spezialauto stecken und rund um Hoppegarten fahren. Um den Hengst an den langen Transport nach Hamburg zu gewöhnen.

Für »Lysanders« Derbysieg spricht seine Arbeit auf der idealen Trainingsbahn von Hoppegarten mit ihrem harten Geläuf, die gewichtsmäßig von den Turffachleuten mit einem Plus von mindestens vier Kilo gewertet wird. Westdeutschland hat keine Trainierbahn vom Range Hoppegartens.

Den gefährlichsten Gegner für »Lysander«, Schlenderhans Stutenperlen und das Ravensberger Derby-Team wird man in Hamburg jedoch nicht sehen. Aus »Sparsamkeitsgründen«. Stall Alpenlands dreijähriger »Montevideo« aus dem Christian Weberschen Nachlaß wurde von Treuhänder Graf von Spreti nicht für das Derby genannt.

»Dieses Versäumnis kostet Münchens Steuerzahler bare 50000 DM«, sagen München-Riems Turffreunde. Denn seit Property Control den vierbeinigen Vollblutbesitz abgab, sind Münchens Bürger Rennstallmitbesitzer.

Seit »Montevideo« am 26. Juni 9S Längen vor Graf Spretis »Autor« das Bayerische Zuchtrennen gewann, liegt die Akte »Gestütshöfe Isarland« beim Münchener Stadtrat jederzeit griffbereit. Denn Graf Spreti ist sich selber Konkurrent: als Mitbesitzer des Gestüts Waldfried und (in Personalunion) als Treuhänder des Gestüts »Alpenland«.

Als »Montevideo« in München billige 7500 DM über die Derby-Distanz von 2400 m zusammengaloppiert hatte, schüttelte Altmeister Arthur Schläfke nur den Kopf: »Ueber Autors Kölner Union-Rennen-Form gerechnet, würde es auf dem Horner Moor kein Pferd geben, das 'Montevideo' gefährlich werden könnte.«

Zur Ausgabe
Artikel 27 / 49

Mehr lesen über