Mach den Michael - DER SPIEGEL
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BASKETBALL Mach den Michael

Superstar Michael Jordan wird 1998 aufhören. Die von Skandalen geplagte US-Liga glaubt, einen Nachfolger gefunden zu haben: Grant Hill, ein Idol für alle Schichten.
• aus DER SPIEGEL 51/1997
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es gibt zwei Arenen, in denen amerikanische Basketballer zu Helden werden. Grant Hill hat sich in diesem Jahr beide erobert.

Im Great Western Forum von Los Angeles begann seine Show, als sich Shaquille O'Neal, egozentrischer Center der L. A. Lakers, vor dem Spiel weigerte, Hill die Hand zu geben. Diese Provokation, meint Grant Hill, »zündete etwas in mir«, und »aus der Sporthalle wurde meine Bühne«. Der Abend endete, als Hill 34 Punkte, 15 Rebounds und 14 Vorlagen gesammelt und das Spiel gegen die Lakers quasi allein gewonnen hatte.

Im Madison Square Garden von New York passierte es im November. Die New York Knicks führten ein paar Minuten vor Schluß mit neun Punkten Vorsprung, aber dann habe er, so nennt Hill diesen Rausch, »den Michael Jordan gemacht«. Hill klaute sich den Ball an der Mittellinie, dribbelte durch die gesamte Abwehr und kam per Dunking zum Punktgewinn. Er allein kippte mit seinen 34 Punkten das Spiel; und so etwas, befand die »New York Times« nach dem 94:86-Sieg von Hills Detroit Pistons, hatte im Madison Square Garden bis dahin nur einer gewagt: »In dieser Nacht war Hill Jordan.«

Und so scheint es, als habe die National Basketball Association (NBA) ihr brennendstes Personalproblem gelöst: Grant Hill, 25, der 2,05 Meter große Spielmacher der Pistons, gilt als jener Mann, der die Liga in der Zeit nach Jordan weltweit im Gespräch halten soll. Denn Hill ist fast schon so gut wie Jordan, vor allem aber ist er der wohlerzogene Sohn reicher Leute und damit so etwas wie der Lieblingsschwarze eines überwiegend weißen Publikums.

Einen neuen Superstar braucht die NBA, weil Jordan, 34, der populärste Sportler aller Zeiten, langsam Lust und Form verliert und am Ende der Saison vermutlich aufhören wird. Und bislang fiel David Stern, dem Generalmanager der NBA, die Suche nach einem Nachfolger schwer.

Denn Jahr für Jahr kamen lediglich Spieler nach oben, die zwar Verträge über 120 Millionen Dollar für sieben Spielzeiten aushandelten, aber immer noch keine Manieren haben. O'Neal beispielsweise verprügelt gern Gegenspieler und macht in seiner Freizeit krude Musik; Dennis Rodman (Chicago Bulls) schreibt Bestseller, in denen er der Jugend predigt, sie solle ein Leben mit viel Sex und wenig Schlaf führen; und Anfernee Hardaway (Orlando Magic) inszenierte eine Spielerrevolte, um seinen strengen Trainer loszuwerden.

Noch schlimmer treibt es derzeit Scottie Pippen. Der war jahrelang Jordans treuer Helfer bei den Bulls, hoch begabt und brav und langweilig. Doch zu Saisonbeginn verbot ihm der weiße Manager der Bulls, Jerry Krause, die Teilnahme an einem Wohltätigkeitsspiel, und seitdem glaubt Pippen, er wäre ein Opfer aller Rassisten Chicagos. Obwohl sein Vertrag noch bis zum Ende der Saison läuft, drohte er, nie wieder für die Bulls spielen - denn mit einer Jahresgage von 2,7 Millionen Dollar sei er sowieso unterbezahlt.

Die wahre Geschichte ist allerdings die, daß der damals verletzte Pippen 1991 einen Siebenjahresvertrag zu seiner Absicherung wünschte. Bulls-Präsident Jerry Reinstorf warnte ihn seinerzeit vor einem Fehler: »Die Gehälter werden steigen. Aber wenn wir jetzt unterschreiben, werden wir niemals nachverhandeln.« »Let's do it«, sagte Pippen und unterschrieb.

Der Fall Pippen zeigt, wie ein eitler Superstar einen Club ruinieren kann: Rund 50 Millionen Dollar hat Reinstorf ausgegeben, um den Chicago Bulls den sechsten Titel im achten Jahr zu ermöglichen; er hätte auch den im kommenden Jahr ohnehin fälligen Neuaufbau sofort beginnen und damit viel Geld sparen können. Das Problem ist, daß Pippen nun im Seidensakko auf der Bank sitzt, während das Team Nacht für Nacht beweist, wie mittelmäßig es ohne ihn ist.

Doch Mittelmaß ist nichts gegen jene Niederlagen mit 30 Punkten Abstand, die sich die Golden State Warriors einfangen, seit sie Latrell Sprewell verloren haben. Der war von seinem Trainer P. J. Carlesimo so lange beleidigt und angebrüllt worden, bis er seinen Chef würgte und mit Mord drohte, falls er nicht den Club wechseln dürfe. Er durfte nicht, aber dafür traf ihn die geballte Scheinheiligkeit der NBA: Sprewell verlor seinen Vertrag über 24 Millionen Dollar und private Sponsorenverträge, und er wurde für ein Jahr gesperrt.

Es sind wilde Zeiten im amerikanischen Basketball. Im kommenden Jahr könnte es wieder einmal zu einem Arbeitskampf zwischen Liga und Profis kommen; prophylaktisch zeigt die NBA darum, wie stark sie ist, indem sie all jene Jungs mit Geldstrafen überzieht, deren Sporthosen zu lang sind.

Und diese Kerle verdienen in einem Jahr mehr, als die Altstars der NBA in ihrer gesamten Karriere verdient haben; naturgemäß sagen die Alten, die jetzt als Fernsehkommentatoren arbeiten, früher sei alles besser gewesen. Damals nämlich gab es Wilt Chamberlain, Kareem Abdul-Jabbar, Larry Bird und Magic Johnson, und die waren noch gute Menschen und keine Rotzlöffel.

Grant Hill ist allerdings anders als seine Kollegen; er könne »unsere Liga in das nächste Jahrtausend führen«, sagt Stern. Hill spielte Klavier in David Lettermans »Late Night«-Show; er hat große, leuchtende Augen, grüßt Journalisten und gibt Kindern noch gern Autogramme. Eine »wilde Nacht«, sagt er, »das heißt für mich Video gucken und eine Pizza bestellen«.

Sein Vater, Calvin Hill, ist Yale-Absolvent und war einst Running Back im Footballteam der Dallas Cowboys; Mutter Janet, eine Rechtsanwältin, teilte im College ihr Apartment mit Hillary Rodham, der späteren Mrs. Clinton. Seine Eltern, erzählt Hill, hätten ihm beigebracht, alle Menschen zu respektieren, selbst Müllmänner - nach einer solchen Figur hatte Stern gesucht.

Es war nur lange Zeit so, daß der nette Grant Hill keine Lust hatte, ausgerechnet Michael Jordans Nachfolger zu werden. Denn Jordan führte die Chicago Bulls zwar zu bislang fünf Meisterschaften, aber er ist ein Despot. Als er den jungen Hill bei dessen erstem All-Star-Game traf, dem Vergleich zwischen Ost- und Westküste, sagte Jordan nur: »Du trägst die Bälle.«

Hill wollte kein Schwein sein, und er wurde in seinen ersten drei Jahren bei den Pistons auch als braver Bube reich: Er unterschrieb zunächst einen Achtjahresvertrag mit dem Club, der ihm 45 Millionen Dollar einbringt, und dann einen Ausrüstervertrag mit der italienischen Firma Fila über 80 Millionen. Das sei zwar alles »ganz prima« gewesen, so Hill, aber »seitdem passierte nichts mehr«. Die Pistons gewannen viele unwichtige Spiele, bloß in den Play-offs waren sie nie fies genug und schieden stets in der ersten Runde aus.

Geändert hat sich Hill angeblich während der Olympischen Spiele 1996. Mit dem Dream Team gewann er in Atlanta die Goldmedaille, und in dieser Truppe der Größenwahnsinnigen erkannte Hill seinen Wert: »Jeder dieser Spieler dachte, er wäre der beste Spieler der Welt. Ich weiß wenigstens, daß ich vier Mitspieler habe. Irgendwie bin ich wohl der reifste von allen.«

Von da an war es vorbei mit der Demut; all die anderen nennt »Sports Illustrated« nur noch »The Dreamers«; Hill hingegen heißt inzwischen »The Man«. Und so hat er beschlossen, nicht mehr ausschließlich freundlich, sondern lieber irgendwann Champion zu sein.

Sein Mannschaftskamerad Lindsey Hunter sagte ihm neulich: »Noch gibt es Michael Jordan, doch nach ihm bist du dran.« »Hör schon auf damit«, entgegnete Hill.

»Aber er weiß, daß es wahr ist«, meint Hunter, »er weiß es ganz genau.«

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