Mann im Kind - DER SPIEGEL
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Mann im Kind

Die Meistertrainer im deutschen Fußball zahlen Lehrgeld. Jahrelang kauften sie lieber routinierte Spieler, statt junge Talente zu fördern. International sanken die Bundeskicker in die Mittelmäßigkeit ab. *
• aus DER SPIEGEL 47/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Früher schlugen sie den Ball 50 Meter weit und rissen jede Abwehr auf«, berichtete der ungarische Schiedsrichter Karoly Palotai. »Jetzt schieben sie den Ball nur noch fünf Meter weit, und am liebsten nach hinten.«

Als Palotai letzten Mittwoch im Hamburger Volksparkstadion das Spiel zwischen Deutschland und Nordirland abpfiff, hatten die Deutschen 0:1 verloren. Der Europameister mußte bis zum letzten Qualifikationsspiel gegen den Fußballzwerg Albanien warten, ob er sich überhaupt für die Endrunde um die Europameisterschaft 1984 in Frankreich qualifiziert.

»Ich weiß nicht, wovor unsere Jungs Angst hatten«, fragte der frühere Nationalstürmer Uwe Seeler. »Wir hätten noch eine Stunde spielen können und trotzdem kein Tor geschossen«, mutmaßte der abgetretene deutsche Superstar Franz Beckenbauer.

Nicht nur bei der Nationalmannschaft stockt das Spiel. Im Europacup schieden fünf von sechs Bundesligaklubs schon in den ersten beiden Runden aus - so mies war es seit 1960 nie gewesen. Bundestrainer Jupp Derwall wiegelte ab: »Der deutsche Fußball liegt nicht am Boden.« Sein Wiener Kollege Max Merkel antwortete: »Richtig, er liegt schon drunter.«

Die Misere hatte sich längst abgezeichnet. Jahrelang drückten sich die Trainer der meisten Bundesligaklubs davor, rechtzeitig ihre Mannschaften zu verjüngen.

Statt auf Technik drillten sie ihre Athleten bevorzugt auf Tempo und Kampfkraft. Junge Spieler verschwanden in den Amateurmannschaften der großen Klubs, meist für immer.

Von jungen Spielern in der »Männerklasse Bundesliga« hielt auch der jugoslawische Trainer Branko Zebec von Eintracht Frankfurt wenig. »Ich kann nur fertige Spieler gebrauchen«, begründete Zebec, der schon mit Bayern München und dem Hamburger SV Deutscher Meister geworden war.

Doch die mit rund sechs Millionen Mark Verbindlichkeiten belastete Eintracht mußte vor der Saison 1983/84 ihre letzten Stars wie den österreichischen Libero Bruno Pezzey und den südkoreanischen Stürmer Bum Kun Tscha verkaufen. Perfektionist Zebec sichtete nun endlich den Eintracht-Nachwuchs, der unter dem Jugendtrainer Klaus Mank dreimal die Deutsche Jugendmeisterschaft gewonnen hatte.

Doch bald zweifelte der Jugendtrainer am Cheftrainer. Zebec brachte dauernd die Namen der Spieler durcheinander, wählte für Einsätze in der Bundesliga nicht immer die Besten aus. Anfangs »hat er geglüht«, wenn ihm ein Jungmann gefiel, berichtet Mank. Versagte der Knabe aber im Männerspiel, wollte ihn Zebec »nicht mehr sehen«.

An Armin Kraaz, 18, hielt Zebec länger fest. Beim 0:0 im Heimspiel gegen Werder Bremen hatte Kraaz dreimal für seinen bereits überwundenen Torwart auf der Linie den Ball weggeschlagen. Im nächsten Auswärtsspiel schoß Kraaz ein Eigentor, die Eintracht verlor 3:4. Im Heimspiel gegen Waldhof Mannheim versagte der Teen, weil er sich »nervös und unsicher« fühlte. Doch Zebec wechselte ihn nicht aus, um »ein solch großes Talent nicht zu opfern«. Zebec: »Schande härtet auch ab.«

Im Rückblick schätzte es Jugendtrainer Mank »als die größte Scheiße« ein, daß die Eintracht dreimal Jugendmeister gewesen ist. Mank: »Der Verein, der sparen mußte, setzte auf die Jugend, aber Zebec war außerstande, die Jungen richtig einzubauen und zu führen.«

Da traf es sich gut, daß einige Tage später beim 1. FC Kaiserslautern Trainer Dietrich Weise seinen Rücktritt erklärte. Weise hatte fünf Jahre lang die Jugendnationalmannschaft trainiert und war mit ihr Europa- und Weltmeister geworden. Nach Kaiserslautern war er gegangen, weil dort die Verjüngung der Mannschaft notwendig erschien. Spezialist Weise scheiterte an den alten Spielern, die um ihre Fleischtöpfe fürchteten.

Nationalspieler Hans-Peter Briegel urteilte über den geduldigen Weise: »Wir brauchen einen Trainer, der uns jede Woche in den Hintern tritt.« Weise übernahm die Frankfurter, als sie an letzter Stelle in der Bundesliga lagen. In den ersten beiden Spielen erreichte er zwar ein 0:0 gegen Bayern München und ein 0:0 in Nürnberg, dennoch entschuldigte er sich bei Reportern für den »Sicherheitsfußball, aber ich bin kein Zauberer, das ist keiner von uns Trainern«.

In bislang 20 Jahren Bundesliga hatten sich oft die Trainer mit der harten Hand behauptet. Kriegsnamen wie der »Eiserne Otto« über Otto Rehhagel, jetzt Werder Bremen, oder »Eisenbock« über Kuno Klötzer, der mit dem HSV Europacupsieger geworden war, oder »Sklaventreiber« über den Wiener Max Merkel verwandelten die Bundesliga in eine Folteranstalt, in der das Fegefeuer schon auf Erden züngelte.

Vom ersten Bundestrainer Sepp Herberger, der 1954 erstmals mit der deutschen Nationalmannschaft die Weltmeisterschaft gewonnen hatte, übernahmen die Schüler die »Herberger-Sichel«, womit erklärt werden sollte, was ein Verteidiger gegen einen Stürmer am besten tut: ihn über die wie Sicheln mähenden Füße stolpern zu lassen.

Der Herberger-Lehrsatz, vom »Kampf zum Spiel zu kommen«, gilt noch heute. Seit 30 Jahren drillen die meisten Trainer aber immer mehr den Kampf als das Spiel und bevorzugen die

sogenannten Klopper gegenüber den Technikern.

»Heute rennen doch schon die 14jährigen mit Bleiwesten stundenlang über den Platz«, rügt Merkel die Trainermethode, den Mann im Kind zu entdecken. »Sie werfen sich Medizinbälle zur Härtung auf den Bauch und stemmen täglich Gewichte, bis eine oder zwei Tonnen zur Decke gebracht worden sind.«

Wenn es dann zum Spiel kommt, bleiben die jungen Kraftmeier aber auf der Ersatzbank sitzen. So warnte Bayern Münchens Trainer Udo Lattek davor, den Stürmer Michael Rummenigge, 19, zu früh in der Nationalmannschaft, wo auch sein acht Jahre älterer Bruder Karl-Heinz spielt, »zu verheizen«.

Herberger hatte seinen besten Spieler Fritz Walter schon mit 19 Jahren in Länderspielen eingesetzt, später stellte er den Hamburger Uwe Seeler sogar mit 17 auf. Lattek hatte sich 1971 nicht gescheut, die Jungmannen Paul Breitner, 19, und Uli Hoeneß, 19, zu Stammspielern in der Bundesliga zu machen und sie gleichzeitig für die Nationalmannschaft zu empfehlen.

Brasiliens Stürmerstar Pele gehörte als 17jähriger bereits zur Weltmeisterequipe. Der frühe Einsatz im härtesten Wettbewerb des Fußballs knickte den Jüngling nicht um, wie viele damals befürchteten. Pele nahm noch an drei weiteren WM-Turnieren teil, wurde noch zweimal mit Brasilien Weltmeister. Auch der deutsche Superstar Franz Beckenbauer trat mit 19 schon in der Bundesliga und in der Nationalmannschaft auf. In der Bundesliga spielte er noch, als er bereits 36 Jahre alt war.

Die Ernährung ist heute vernünftiger als zu Walters Zeiten, die medizinische Betreuung und die Anzahl der Trainingseinheiten sind zumindest umfangreicher. »Wenn ich heute die Oberschenkel von Michael Rummenigge sehe, dick wie Elefantenbeine, dann wäre ich doch froh, für ihn einen Auslauf auf dem Fußballfeld zu finden«, sagte Merkel.

Trainer Lattek bei Bayern München setzt sich mit den Fehlern seines Vorgängers Pal Csernai auseinander. Der Ungar hatte wie Zebec in Frankfurt nur mit »bundesligaerprobten Profis« gearbeitet. »Die Bayern haben sich selten nach Talenten umgeguckt«, verrät der deutsche Trainer Helmut Johannsen, der 1967 mit Außenseiter Eintracht Braunschweig Meister geworden war und heute, im Rentenalter, in der Schweiz den kleinen Verein FC St. Gallen in die Spitzengruppe hievte.

»Auch Fußballmannschaften müssen wachsen«, erklärt Johannsen. »Der Trainer muß Jungspielern über ihre Jugendsünden hinweghelfen.« Johannsen verlangt, daß die älteren Spieler sich um die jüngeren Kicker kümmern. »Man muß warten können, bis einer normal wird«, rät der Altmeister seinen Kollegen.

Die von Weise derzeit am »meisten geschätzten Kollegen in der Bundesliga« sind nicht Startrainer wie Lattek, sondern Rolf Schafstall vom VfL Bochum und Willibert Kremer von Fortuna Düsseldorf, die wie Eintracht Frankfurt hin und wieder junge Spieler oder Amateure einsetzten und trotzdem Erfolge erzielten. So besiegte Bochum Bayern München mit 3:1, und die Düsseldorfer gehören zur Spitzengruppe der Bundesliga.

Der Holländer Rinus Michels beim 1. FC Köln lehnte die Suche bei Amateurklassen und Jugendmannschaften ab: »Mit Lehrlingen kann ich nicht Meister werden.« Als seine überalterte Startruppe in Abstiegsgefahr geriet, stürzten die alten Spieler ihren Gönner.

Auch beim 1. FC Köln riskiert jetzt der Nachfolger von Rinus Michels häufiger den Einsatz junger Spieler. Solange Michels noch die Mannschaft aufstellte, durfte Uwe Haas, 19, nur gelegentlich mitspielen. Seit Johannes Löhr den Managerposten aufgab und anstelle von Michels als Trainer arbeitet, darf Haas sogar im Mittelfeld Regie führen.

Allerdings fehlt jungen Mannschaften meist die Stabilität, so daß sie nicht mehrere Spiele hintereinander unbesiegt überstehen können. So verlor der 1. FC Köln ein Heimspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern mit 1:4. Die einst unter ihrem Trainer Hennes Weisweiler als »Fohlenelf« gerühmte Mannschaft von Borussia Mönchengladbach benötigte fünf Bundesligajahre, um den ersten von insgesamt fünf deutschen Meistertiteln zu erringen.

Unter Weisweiler-Schüler Jupp Heynckes, früher Linksaußen der Fohlenelf, setzten die Borussen den Jugendstil fort. In der vergangenen Saison wäre die Mannschaft fast abgestiegen, aber jetzt kämpft sie um den Titel wieder mit.

Meist ist es die Angst der Trainer vor dem Rausschmiß, die sie vor der Verjüngung der Mannschaft zurückschrecken läßt. Aber auch beim Meister Hamburger SV wagt Trainer Ernst Happel den Einbau jüngerer Spieler; vergangene Saison war es Thomas von Heesen, 22, in dieser Spielzeit Michael Schröder, der zwar schon 24 Jahre alt ist, aber unter Happels Vorgänger Zebec nur in der Amateurmannschaft Verwendung fand. »In Deutschland fehlen die Cheftypen«, fand der Wiener Ernst Happel vom HSV heraus. »Der Jugend fehlen im Fußball die Idole, da gehen sie lieber in die Disco als zum Training.«

Nach 11 von 34 Spieltagen schieden schon fünf Trainer in der Bundesliga aus, soviel wie noch nie in der Anfangsphase der Saison. In allen Fällen gab das Problem der Mannschaftsverjüngung den Ausschlag.

Der Hamburger SV und Bayern München, deren Fans einen Meistertitel nach dem anderen verlangen, kauften in jedem Sommer für mehrere Millionen Mark Stars ein. Doch preiswerte und vor allem junge Kicker vor Ort übersahen sie. So stürmen Rudi Völler und Herbert Waas, vormals Spieler des TSV 1860 München, heute bei Werder Bremen (Völler) und Bayer Leverkusen (Waas). Der Hamburger Norbert Meier stellte sich beim HSV zum Probetraining vor - vergebens. Er kam bei Werder Bremen unter und ist heute ebenso Nationalspieler wie Völler und Waas.

In der Nationalmannschaft herrscht auch beim Bundestrainer Jupp Derwall im Umgang mit jungen Spielern Ratlosigkeit. »Mir fehlt die Zeit für intensives Training«, entschuldigt sich Derwall. Nordirlands Torschütze beim 1:0-Sieg über Deutschland letzte Woche in Hamburg war Norman Whiteside. Er ist 18 Jahre alt.

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