Markt der Millionen
Zuerst macht er alle nervös, dann schlägt er zu«, argwöhnt der deutsche Ski-Sportwart Heinz Krecek. »Brundage läßt vor Sapporo noch eine Bombe hochgehen.«
Im Slalom zwischen Amateur-Paragraphen und Industrie-Werbung haben sich die alpinen Skiläufer unentrinnbar verhakelt. Ohne den Gratis-Nachschub der Ski-Ausrüster »können die Fahrer in Socken und Unterhosen den Hang hinunterrennen«, drohte der französische Bindungs-Lobbyist René Plancherel.
Beim ersten Weltcup-Rennen der Saison in St. Moritz versuchte der Schweizer Präsident des Internationalen Ski-Verbandes (FIS), Marc Hodler. die Firmen-Vertreter mit ihren herausfordernden Marken-Emblemen von der Piste abzudrängen. Als Läufer die Markenzeichen mit Heftpflaster überkleisterten, drohte die Industrie-Lobby mit Boykott.
Hodler mußte nachgeben. Der Ski-Service darf nun doch Firmen-Symbole und -Namen zeigen: acht und drei Zentimeter groß. Nun warten Skiläufer und ihre Verbände, wann Brundage, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), seine Bombe zündet und sie vom Olympia aussperrt.
»Falls der Mißbrauch nicht ausgemerzt wird«, schwor Brundage, müßte der Skisport »aus dem olympischen Programm verschwinden«.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Entwicklung zuerst im alpinen Skisport alle Illusionen vom Amateur-Athleten fortgeschwemmt. Ski-Produzenten nutzten als erste die Werbewirkung erfolgreicher Stars auf dem expandierenden Markt der Millionen. Durch Scheinbeschäftigung, Darlehen und Barprämien banden sie die besten Läufer.
Die Zuwachsraten der Wintersport-Industrie stiegen schneller als in der Auto-Branche. Mindestens 50 Millionen Freizeitläufer statteten sich aus. sieben Millionen allein in der Bundesrepublik. Deshalb mühten sich Bindungshersteller und Brillenfabrikanten. Ski-Modisten und Stiefelfertiger um die werbeträchtigen Stars. Das blieb dem Amateur-Papst Brundage nicht verborgen. Er forderte entschieden, die Scheinamateure -- Shamateurs -- auszuschließen.
Firmen und Verbände tüftelten dagegen eine sportjuristisch kaum anfechtbare Lösung aus. Firmen bildeten Pools, die dann mit den nationalen Ski-Verbänden Verträge schlossen. Das Abkommen verbürgte nur Pool-Mitgliedern das Recht, die Nationalmannschaft wie Hoflieferanten auszurüsten. Dafür zahlte jede Mitglied-Firma dem Ski-Verband einen Einstand.
So durften die bundesdeutschen Skiläufer in diesem Jahr ihre Ski aus dem Angebot von sechs Pool-Produzenten auswählen. Die Ski-Fabriken zahlten dem Deutschen Ski-Verband (DSV) dafür je 25 000 Mark. Der österreichische Branchen-Riese Fischer erfüllte den Kontrakt, obwohl kein bundesdeutscher Spitzenfahrer seine Ski anschnallte. Welchen Anteil die Stars vom Gemeinschaft-Konto über den Verband oder zusätzlich von einzelnen Fabriken einstecken, vermögen Brundages Amateur-Schnüffler nicht zu kontrollieren.
Fünf Bindungsfirmen, zwei Skistock-Produzenten und zehn Schuhfabrikanten brachten ihre Erzeugnisse in den Pool für die bundesdeutschen Pisten-Athleten ein. Mit 10 000 Mark ist sogar die Saftmarke Hohes C dabei. Ford-Wagen transportieren die deutschen Angehörigen des internationalen Ski-Zirkus.
Nur den Bogner-Renndreß hat der Verband, wenngleich preisgünstig, gekauft. Insgesamt kassierte der DSV von den Zubehörfirmen ungefähr 400 000 Mark, im gleichen Wert erhält die Nationalmannschaft außerdem Gratis-Ausrüstungen. Mehr als 250 000 Mark investierte allein die auch im DSV-Pool vertretene Bindungsfirma Geze im alpinen Rennsport.
Die Gemeinschaftslösung beschwor neue Zwischenfälle herauf. Der österreichische Weltcupsieger Karl Schranz setzte für sich Skistiefel und -stöcke von Herstellern durch, die nicht dem Pool angehörten. Als sein weniger erfolgreicher Mannschaftsgefährte Reinhard Tritscher die poolfremde Bindung der französischen Firma Salomon benutzen wollte, mußte er den Namen übertünchen. Nach dem Zwischenfall stürzte Tritscher im Rennen.
Außer Geld und Gerät liefern die Firmen vollständigen Pisten-Service. Die Abgesandten der Ski-Hersteller schleifen auf Anforderung die Kanten, Experten stellen den Stars die Bindung ein und kontrollieren sie vor dem Start. Die Schweizer steckten Service-Leute schon offiziell in die Uniform ihrer National-Equipe.
Wachs-Fachleute der Firmen Holmenkoll und Toko bieten ihre Erfahrungen an. Dextro Energen stellt Kraftnahrung bereit. Am vorletzten Wochenende drängten sich beim Abfahrtsrennen in St. Moritz sogar uniformierte Stuyvesant-Vertreter und Nestle-Repräsentanten in metallblauen Overalls vor Fernseh- und Photokameras.
Am letzten Montag, einen Tag nach dem Rennen, trompeteten Inserate schon die »Rossignol-Erfolgsmeldung": »Von den ersten vier fuhren drei auf Rossignol-Erfolgsski.« Künftige Kunden erfuhren:,, Dieses Modell ist auch in den Sportgeschäften erhältlich. Anzeigen werben für Ski und Bindungen, mit denen »die Nationalmannschaft ausgerüstet« worden sei. Ein Unternehmer stellte im Bild die Schweizer Ski-Mannschaft vor, die seinen Nierenwärmer Termarin trägt, ein anderer posaunte, die deutsche Olympia-Equipe sei mit Unterkleidung emella alpin ausgerüstet.
Angesichts der wandernden Ski-Artikel-Messe erkennt IOC-Präsident Brundage den Renn-Mannequins zu Recht ihren Amateur-Status ab, wie er ihn versteht. Aber Ski-Boß Hodler kündigte schon einen Olympia-Boykott an. Auch Langläufer und Skispringer sollen nicht starten, falls Abfahrt- und Slalom-Stars vom Olympia 1972 ausgeschlossen würden. Hodler plant für den Ernstfall kurzfristig Weltmeisterschaften in Skandinavien oder Frankreich.
Sollte Brundage die Ski-Stars wirklich aussperren, könnten sich die bislang erfolglosen Ostblock-Läufer die Medaillen teilen. Doch Olympische Winterspiele wären ohne die bekannten Ski-Idole außerhalb des Ostblocks finanziell untragbar. Die attraktiven Skirennen gehören zu den wichtigsten Einnahmequellen. Skilose Winterspiele sind den TV-Stationen keine Millionen wert.
Olympia-Präsident Brundage verhehlte freilich nie, daß er wie Baron Pierre de Coubertin, der die Olympischen Spiele wieder eingeführt hatte, laut Hodler, »am liebsten die gesamten Winterspiele abschaffen« möchte.