RUMÄNIEN Medaille plus Auto
Mihaela Loghin nahm die vier Kilo schwere Eisenkugel wie eine Puderdose in die Hand. Dann krümmte sich die Walküre aus Bukarest, ihr Körper ruhte für einen Augenblick auf einem Bein, schnellte nach vorn, der Arm schleuderte das Eisen 21 Meter weit. »Besser ist in Los Angeles bestimmt niemand«, sagte die rumänische Athletin zufrieden nach getaner Schwerarbeit.
Sie dürfte recht behalten. Nur sieben Kugelstoßerinnen haben 1984 eine noch größere Weite geschafft. Aber sie stammen aus der UdSSR, DDR und CSSR, Ländern, die das amerikanische Olympia boykottieren.
Die Rumänen, als einziges Ostblockland mit 127 Athleten im kapitalistischen Feindesland vertreten, nutzen nun die für sie besonders günstige Lage. Ihre Olympia-Teilnehmer sind vor allem stark in Sportarten, die gewöhnlich von Russen und Ostdeutschen, Tschechoslowaken und Bulgaren, Polen und Kubanern dominiert werden.
»Dem rumänischen Olympiaschatz werden wir 28 bis 32 Medaillen hinzufügen«, schrieb die Zeitung der Parteijugend »Scinteia Tineretului« voller Zuversicht, »davon 6 bis 8 goldene.«
Doch nichts schreiben Rumäniens Zeitungen über den Boykott, der seit dem 8. Mai die Weltpresse beschäftigt. Kein rumänischer Athlet erwähnt Rivalen aus der UdSSR oder DDR. Dafür arbeiten die besten Sportler des Landes so viel und so hart wie nie zuvor.
Die Handballer trainieren statt bisher fünfmal bis zu elfmal in der Woche. »Unser Ziel ist allein das olympische Gold«, erklärte Mannschaftskapitän Nicolae Munteanu. Nationaltrainer Nicolae Nedef trimmte seine Goldsucher im verdoppelten Übungsprogramm hauptsächlich auf »die Schwerpunkte Kondition und Schnelligkeit«.
Das landesweite Muskelspannen hatte in den letzten Wochen bereits erstaunliche Auswirkungen. Weitspringerin Anisoara Cusmir, die mit 7,43 Metern den Weltrekord hält, plant als für sie »erreichbare Weite 7,70 Meter« ein. Das schafften 1984 in der Bundesrepublik nur acht männliche Kollegen.
Läuferin Maricicia Puica mühte sich erfolgreich, über 1500 und 3000 Meter Jahresweltbestleistungen zu erzielen. Über die 3000-Meter-Distanz verfehlte sie zwar zunächst die Bestzeit, doch über 1500 Meter rannte sie in 3:57,22 Minuten auf Anhieb an die Weltspitze. Beim neuerlichen Versuch kurz darauf reichte es dann auch auf der längeren Strecke: 8:33,57 Minuten.
»Jetzt habe ich gegen Mary Decker sogar in deren Heimat eine Chance«, sagte die Puica hernach mit gestärktem Selbstbewußtsein.
Auf der 800-Meter-Strecke liegen derzeit zwei Rumäninnen vorn: Fita Lovin und Doina Melinte. Etwa 12 andere Läuferinnen, die ihnen bei der Medaillenvergabe hätten gefährlich werden können, sind wegen des Boykotts in Los Angeles nicht am Start.
Während der bundesdeutsche »NOK-Report«, das Organ des Nationalen Olympischen Komitees, den Rumänen sogar zutraut, nach den USA und vor der Bundesrepublik den zweiten Platz in der Nationenwertung zu belegen, räumen sich Ceaucescus Außenseiter bestenfalls Aussichten auf den dritten Rang ein. Es wäre immerhin noch ein gewaltiger Satz nach vorn. Beim Olympia 1972 in München waren die Rumänen im Medaillenspiegel erst an dreizehnter Stelle aufgetaucht.
Vor vier Jahren beim Olympia in Moskau, wo Amerikaner und Bundesdeutsche die Spiele boykottierten, verbesserten sich die Rumänen gegen die sozialistische Konkurrenz nur auf Rang acht. Jetzt ist das Medaillensammeln leichter.
Komplimente von der Art, Rumänien habe mit der Olympiazusage »einen heroischen Akt« vollbracht, wie sie amerikanische Reporter unlängst dem Sprecher des Nationalen Olympischen Komitees von Rumänien, Haralambie Alexa, machten, wiegelte der Bukarester Funktionär ab. »Ich kann nicht einsehen«, sagte er, »warum unsere Teilnahme heroisch sein soll, nur weil wir die olympische Bewegung und ihre Prinzipien respektieren.«
Doch daheim fühlen sich die Schwejk-Typen vom Schwarzen Meer durchaus wie Revolutionäre. Staats- und Parteichef Ceaucescu hatte sich vier Wochen nach dem Olympia-Boykott der Sowjets auch bei einem Moskau-Besuch nicht zur Absage bewegen lassen. Er bestand auf Souveränität, die auch IOC-Vizepräsident Alexandru Siperco deutlich machte. Er erklärte: »Wir haben immer an Olympischen Spielen teilgenommen, und wir werden auch in Zukunft immer dabeisein.«
Den Turnerinnen wie Ecaterina Szabo oder Simona Pauca, einigen Gewichthebern, Ringern, Boxern und vor allem den traditionsgemäß erfolgreichen Kanufahrern kann olympisches Edelmetall nur noch entgehen, wenn sie krank werden. Der Lohn, der den sozialistischen Olympioniken winkt, ist von kapitalistischem Zuschnitt: ein Auto (Marke Dacia) und eine Wohnung.
Die einzigen Ostblock-Sportler, die den Sowjet-Führern nicht parierten, sind in den USA besonders willkommene Gäste. Auch zeigen sich die Amerikaner gern behilflich. So entsenden sie ein Transportflugzeug nach Bukarest, das die Ruderboote und Kanus der Boykottbrecher abholt. Für die TV-Übertragungen soll den Rumänen ein eigener Satellit geliefert werden.
Die frühere Turn-Olympiasiegerin Nadia Comaneci, längst vom aktiven Sport zurückgetreten, erhielt von den Veranstaltern eine Einladung als Ehrengast. Doch in diesem Fall steht die Zusage aus Bukarest noch aus. Man wolle zuerst, teilte die rumänische Olympiaführung dazu mit, Nadias studentische Leistungen einer eingehenden Überprüfung unterziehen.
Die Turnkönigin des vergangenen Jahrzehnts, Nadia Comaneci, gilt bei Rumäniens Olympiafunktionären als fluchtverdächtig. Ihr früherer Trainer hatte sich in die USA abgesetzt. Die Nachfolgerin der Comaneci ist längst gefunden: Ecaterina Szabo. »Eine Spitzenturnerin muß in allen vier Disziplinen stark sein«, sagt sie. »Aber am liebsten ist mir die Kür am Boden.« Möglicherweise holt die Szabo alle vier Goldmedaillen, denn nur von der Riege der UdSSR drohte Gefahr.
Sportliche Außenseiter schicken die Rumänen nicht nach Los Angeles. Obwohl die Volleyballerinnen von den Organisatoren zweimal gebeten worden sind, das durch den Boykott gelichtete Teinehmerfeld aufzufüllen, bleiben sie zu Hause. Ihre Medaillenchancen sind gleich Null.