Meeresrauschen für den König - DER SPIEGEL
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SKISPRINGEN Meeresrauschen für den König

Zunächst war Adam Malysz der Konkurrenz ein Rätsel, jetzt akzeptiert sie den Überflieger als die Perfektion ihrer Sportart. Polen feiert den scheuen Weltmeister wie einen Nationalhelden, die Vermarkter der Vierschanzentournee vermissen Star-Appeal.
• aus DER SPIEGEL 1/2002
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Die Mission unterlag strengster Geheimhaltung. Acht Wissenschaftler - Spezialisten für Biomechanik, Aerodynamik und Messplatztechnik - reisten wochenlang dem Tross der Skispringer-Elite hinterher. Unauffällig mischten sie sich, mit acht Videokameras bewaffnet, an den verschiedenen Schanzen dieser Welt unters Publikum.

Es galt, die Technik eines Mannes auszukundschaften, der seinen Konkurrenten ein Rätsel war. Auf den Meter genau verteilten sich die Späher einer traditionsreichen Ski-Nation über den Hang, um von jeder Flugphase Aufnahmen aus rechtem Winkel zu erhalten. Das ist nach den Regeln des internationalen Verbandes zwar verboten, aber man muss halt was riskieren, wenn man einem Phänomen auf die Spur kommen will: dem Phänomen Adam Malysz.

Wie aus dem Nichts hatte sich der zerbrechlich wirkende Pole im vergangenen Winter an die Weltspitze katapultiert. Die Dominanz, mit der er die Vierschanzentournee gewann, zermürbte seine Gegner. Locker holte er sich den Gesamt-Weltcup, dazu Gold bei den Weltmeisterschaften von der Normalschanze. Und auch in der laufenden Saison besitzt Malysz, 24, die Lufthoheit: Von den ersten neun Springen hat er sechs gewonnen, und für die Vierschanzentournee, die am Sonntag in Oberstdorf beginnt, ist er Favorit Nummer eins.

Deutsche, jahrelang vom Erfolg verwöhnt, Österreicher, Finnen und Norweger, sie alle haben sich inzwischen mit der Führungsrolle des schmächtigen Überfliegers abgefunden. Denn das Puzzle, das die Sportwissenschaftler im Frühjahr aus den Videobändern und den daraus abgeleiteten Computeranalysen zusammengefügt haben, zeigt ein für die Rivalen ernüchterndes Bild: Malysz steht für die Perfektion einer Sportart.

Der Trumpf des gelernten Dachdeckers liegt im Absprung. Keiner wuchtet sich so kraftvoll vom Schanzentisch wie er. Weil Malysz den Oberkörper dabei kaum aufrichtet und extrem schnell in die Vorlage kippt, wird er vom Luftstrom getragen, als stütze ihn eine unsichtbare Hand.

Einmal in Position, segelt der 1,69 Meter große und 52 Kilogramm leichte Athlet wie eine Feder ins Tal. Nach gut der Hälfte eines Sprungs steht er noch bis zu anderthalb Meter höher in der Luft als etwa Martin Schmitt, der länger ist und schwerer. Für den deutschen Cheftrainer Reinhard Heß bewegt sich der Beste der Branche jenseits der Grenze des menschlich Machbaren: Er sei »wirklich außerirdisch«.

Sobald der Flugartist Boden unter den Füßen spürt, ist jedoch nichts mehr an ihm übernatürlich oder geheimnisvoll. Unter Kollegen gilt er als nervtötender Langweiler. Eher aus Verlegenheit platzierte ihn der Skisprung-Sender RTL in einer Anzeigenkampagne neben Mädchenschwarm Schmitt. Dass der dröge Pole dem populären Schwarzwälder den Rang abgelaufen hat, kommt den Marketingmanagern des Kommerzkanals so gelegen wie Sturm oder dichter Nebel.

Doch da ist nichts zu machen. Malysz ist sämtliche Aufregung um seine Person peinlich. »Ich will kein Star sein«, sagt er, »will mich nicht verändern.« Sondern immer der bescheidene Junge ohne Schulabschluss bleiben. All die Leute, die ihm wie jüngst beim Weltcup in Titisee-Neustadt gierig Stifte an den Hals hielten und ein Autogramm verlangten, bediente er zwar geduldig. Gleichwohl versteht er sie nicht: »Andere springen doch auch sehr gut.«

Knalleffekte, die im Showgeschäft Sport zuweilen mit Charisma verwechselt werden, sind dem Mann mit dem Oberlippenbart völlig fremd. Wegen der hohen Telefonkosten schickt er seiner Frau aus dem Ausland nur SMS. Er hört Volksmusik und geht oft mit »Karat« spazieren, seinem Boxer. Zum Frühstück isst er ein mit Banane belegtes Brötchen. Abends schlappt er gemütlich durchs Hotel, schnappt sich Lederschürze, Schmelzeisen, Bürste und pflegt seine Ski.

Ein Habitus, der Malysz in seiner Heimat beinahe in den Stand eines Heiligen versetzt hat. Gerade wegen seiner Einfachheit ist er in Polen eine Identifikationsfigur: endlich ein Ostler, der es den arroganten Westlern zeigt. Denn zum ersten Mal seit dem dritten Platz bei der Fußball-WM 1982 hat das Land einen Sporthelden, der international für Schlagzeilen sorgt.

Sein Bekanntheitsgrad beträgt sagenhafte 92 Prozent. Das Volk belohnt seinen Erlöser mit ihm gewidmeten Liedern, Sonderbriefmarken und einer 330 Kilo schweren Statue aus Schokolade.

Als Malysz im Januar, umnebelt vom Freudenfeuer mitgereister Fans, beim Skifliegen im tschechischen Harrachov zum Sieg sprang, saßen 15 Millionen Polen vor dem Fernsehgerät. Das Parlament in Warschau legte schon mal eine »technische Unterbrechung ein«, damit die Abgeordneten dem Champ bei der Arbeit zugucken konnten. Und Staatspräsident Aleksander Kwasniewski drängt es bei jeder Gelegenheit in seine Nähe.

Besonders bizarre Blüten treibt die Verehrung in Wisla, einem Städtchen in den Schlesischen Beskiden, dem toten Winkel Polens. Vor dem Haus in der Kopydlo-Straße 15, wo Malysz im schlichten Dachgeschoss wohnt, spucken Busse pausenlos Schaulustige aus. Sie klauben Steine aus der Auffahrt und fotografieren seine Frau Izabela. Groupies schicken ihm Unterhöschen aus Spitze: »To Adam, Skijumper, Poland.«

Der Mann, der aus dieser Hysterie Kapital schlägt, sitzt betont locker in seinem Bürosessel und zieht genüsslich an einer Marlboro. Jacek Kisielewski, 44, verkauft hauptberuflich Autopolitur, ist Vorsitzender des Stadtrats, und wenn er über Malysz redet, bekommt er leuchtende Augen. »Adam ist eine Marke, so wie Coca-Cola oder Mercedes«, sagt er und bläst Rauch aus der Nase.

Kisielewski leitet jene Offensive, die auch in Polen »Merchandising« heißt. 20 Produkte werden seit Anfang Dezember in den 8000 Filialen der polnischen Post verkauft: Kaffeetassen, Mützen, T-Shirts. Bis nach Kanada werden die Devotionalien verschickt. »Der Bursche weiß gar nicht, wie viel er für sein Land tut«, sagt Kisielewski.

Einer der Profiteure heißt Jan Poloczek. Seit drei Jahren ist er Bürgermeister. In seinem Wohnzimmer hängt am Kamin ein Malysz-Porträt. »Dank Adam geht es bei uns aufwärts«, sagt er. Ewig hat Wisla auf eine direkte Zugverbindung in die Hauptstadt gewartet - seit Juni gibt es sie täglich.

»Wir müssen seine Erfolge ausnutzen«, sagt Poloczek. Wisla ist vom Skisprung-Boom erfasst. Fast alle Kinder wollen beim Sportclub das Fliegen lernen, mehr als 100 üben schon. Nächstes Jahr möchte der Bürgermeister eine neue Schanze bauen, um mit einem international besetzten Springen mehr Touristen in die strukturschwache Stadt zu locken.

Spürt Malysz schon die Bürde der Verantwortung? »Ich tue nur mein Bestes«, sagt er. Das muss als Statement reichen. Malysz verschränkt die Arme vor der Brust.

Edi Federer, sein österreichischer Manager, findet diese Bodenständigkeit »suppa liab«. Federer, 48, ist einer jener grob geschnitzten Geschäftemacher mit offenem Hemdkragen und Dreitagebart, deren Lässigkeit anstrengt. Seit fünf Jahren vermarktet der ehemalige Skispringer das polnische Team, und zwei Tage vor der letzten Vierschanzentournee besorgte er Malysz den ersten Einzelvertrag. Er knallte ihm zwei Helme mit dem Logo des Softdrinks »Red Bull« auf den Tisch und rief: »Da, jetzt hast du einen Sponsor!«

Heute wirbt Malysz für Heizkessel, Fenster, Handys. In Fernsehspots preist er Tütensuppe an. Seine Ausrüstung ist verziert mit fünf Meter Werbung, die ihm viel Geld aufs Konto spült.

Allerdings soll Federer kräftig mitkassieren. Es heißt, er streiche über die Hälfte der Einnahmen ein. Federer findet den Vorwurf »primitiv«. Aber äußern darf ihn jeder: »Das macht uns interessant.«

Den Mann plagt viel mehr, dass er auf seinen Schützling aufpassen muss wie auf einen Pflegefall. Noch immer vergisst Malysz ab und zu, seine Sponsor-Kappe aufzusetzen, wenn er zur Siegerehrung gerufen wird. Zu Interviews muss Federer seinen Mandanten geradezu zwingen: »Geh halt hin und sag zwei lustige Sätze. Ist gleich vorbei und tut auch gar nicht weh.«

Bei der Pressekonferenz im Kursaal des »Neustädter Hofs« wirkt Malysz seltsam deplatziert. Während die deutsche Nachwuchshoffnung Stephan Hocke, 18, nach seinem dritten Platz munter in die Runde grinst, sieht der Schanzenkönig aus wie ein Eiszapfen: kalt und glatt. Am liebsten würde er sich hinter seinem Dolmetscher verstecken. Kaum vorstellbar, dass Malysz diesen Winter noch einen Medientermin auf Deutsch abhält, wie Federer sich es wünscht. Zwar hat er im Sommer zwei Monate Unterricht genommen, aber »total Angst, etwas falsch zu machen«, sagt sein Lehrer, der Radioreporter Sebastian Szczesny.

Es ist ein Bollwerk aus Vorsicht, das Malysz aufgebaut hat, um nicht wieder so ein Desaster zu erleben wie vor vier Jahren. Damals, auf einem ersten, kurzen Höhepunkt der Karriere, stürzte er böse ab.

Malysz war sechs, als er anfing mit dem Skispringen. Trainiert wurde er von Jan Szturc, seinem Onkel. Der sah schnell, dass der Junge besondere Fähigkeiten besaß: »Sein Fluggefühl war außergewöhnlich.« Beim ersten Sprung rutschte er zwar noch aus den zu großen Schuhen, aber als Zehnjähriger schaffte er schon 60 Meter. Mit 16 wurde er Jugendmeister in der Nordischen Kombination, und weil Skisprung-Olympiasieger Jens Weißflog sein Vorbild war, nannten seine Freunde ihn »Jens«.

Mit 19 hatte Malysz drei Weltcup-Springen gewonnen und gehörte zu den Top Ten. Im Juni 1997 heiratete er, alles schien perfekt. Aber als vier Monate später seine Tochter Karolina geboren wurde, brach er unter der Last zusammen: »Plötzlich war ich für einen kleinen Menschen verantwortlich, dabei fühlte ich mich selber noch als Kind.«

Auf der Schanze funktionierte nichts mehr. Im Weltcup rutschte er auf Rang 75 ab. Er stand vor den Trümmern seines Sportlerlebens, wollte aufhören. Seine Frau hielt ihn davon ab.

Zum Baumeister seines Comebacks wurde ein Psychologe der Sporthochschule Krakau: Jan Blecharz, ein Herr mit Brille, der Sportschützen und Volleyballer betreut, diagnostizierte Konzentrationsschwächen und mangelndes Selbstbewusstsein: »Adam war total verunsichert.«

Fortan feilten unterschiedliche Fachkräfte an mentaler und körperlicher Stärke. Blecharz nahm Malysz die Angst vor Niederlagen: »Er hat dafür gesorgt, dass ich beim Springen nicht an Dummheiten denke.«

Gelungen ist ihm das mit den »Sieben Regeln für Malysz«. Die erste lautet: »Konzentriere dich auf deine eigenen Stärken.« Und die sechste: »Lerne, die Symptome von Druck zu erkennen, und wisse sie zu verhindern.«

Ist Malysz nervös, legt er darum eine Kassette mit Meeresrauschen oder Blätterrascheln in den Walkman. Auf dem Weg zur Schanze summt er Weihnachtslieder, um sich abzulenken. Ein Ritual, von dem sich inzwischen auch japanische Springer Erfolg versprechen: Sie ließen sich die Melodien von Journalisten auf Band singen.

Um die Fitness kümmerte sich Jerzy Zoladz, ein Professor für Physiologie von der Krakauer Sporthochschule. Der Muskelspezialist erstellte einen Trainingsplan, der sich an Größe, Gewicht und Muskelbau orientiert. Es komme darauf an, sagt er, die Kraft »bei verschiedenen Geschwindigkeiten und in verschiedenen Phasen richtig einzusetzen«. Früher war Malysz am Schanzentisch hektisch. Jetzt bleibt er selbst bei wechselnden Winden cool.

Eher durch einen Zufall als mit wissenschaftlicher Hilfe geriet Malysz an seine weichen Ski, die ihn seit einem Jahr so weit tragen und lange als Erfolgsfaktor gehandelt wurden: Das für ihn hergerichtete Paar entsprach nicht den Regeln, es war zu lang - was dem Polen im finnischen Kuopio prompt eine Disqualifikation einbrachte.

Weil Malysz bis zum nächsten Wettbewerb keine Zeit zum Testen hatte, nahm er in seiner Not jene Bretter, die am schnellsten verfügbar waren. Ein Glücksgriff, denn sie kommen seinem Sprungstil entgegen. Da sie extrem elastisch sind, kommt schneller Druck unter die Latten, der Auftrieb wird größer.

Die Konkurrenten, allen voran Martin Schmitt, zogen rasch nach, kamen aber mit den Schwingungen der Ski nicht zurecht und brachen ihre Versuche mit den flatternden Brettern wieder ab. »Bei Malysz passt eben alles: Psyche, Kraft, Technik und Material«, urteilt Dieter Thoma, Olympiasieger und früherer Weltmeister.

Und daher wird der Weitenjäger mit Erwartungen überfrachtet. Olympisches Gold in Salt Lake City ist quasi Pflicht. Ewa Malysz betet bereits für ihren Sohn: »Ich wünsche ihm die Medaille von Herzen.«

Ob er dann endgültig der Größte sein wird?

»Groß ist unter den Polen Papst Johannes Paul II.«, sagt der Protestant Adam Malysz. »Ich kann nur gut im Wind liegen.« MAIK GROSSEKATHÖFER

* Bei der Siegerehrung des Weltcup-Springens am 1. Dezember inTitisee-Neustadt.

Maik Grossekathöfer
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