FORMEL 1 Mit vollem Risiko
Der Stadtkurs ist 3,780 Kilometer lang. Seine schnellste Gerade erlaubt 320 km/h Spitzentempo. Seine 13 Kurven zwingen pro Umlauf zu 46 Schaltvorgängen. 82 Runden sind auf der holprigen, von Bordsteinen und Betonwänden begrenzten Asphaltpiste zu absolvieren. 3772 Gangwechsel zu bewältigen. Kuppeln, schalten, kuppeln, im Durchschnitt alle 1,9 Sekunden. Rennfahrers Alptraum - das ist der Grand Prix von Adelaide.
Der »sichere, aber mörderische Kurs« ("auto, motor und sport") in der australischen Provinzmetropole ist wie geschaffen für einen Endkampf auf Biegen und Brechen. Mit Titelverteidiger Alain Prost (McLaren-Porsche) sowie den beiden Teamgefährten Nigel Mansell und Nelson Piquet (Williams-Honda) haben am kommenden Wochenende gleich drei Fahrer noch Chancen, Formel-1-Weltmeister zu werden.
Im sechzehnten und letzten Rennen der Saison wird, so der dreimalige Weltmeister Niki Lauda, »mit vollem Risiko gefahren. Die erwarteten 200000 Zuschauer wissen, warum sie kommen: Ein Trio startet zum Finale infernale.
Gerechnet wird mit dem Schlimmsten. Denn selten zuvor prägte unversöhnlichere Feindschaft den Kampf um die Weltmeisterschaft. Allen voran bekriegen sich die Teamgefährten Mansell, 32, und Piquet, 34, die keine Stallregie kontrolliert. »Die Weltmeisterschaft«, so ihr Teamchef Patrick Head, »sollen die beiden im Rennen unter sich ausmachen.«
Branchenkenner wie Lauda geben Mansell die größten Chancen: »Nigel ist der kommende Weltmeister.« Tatsächlich führt Mansell mit 70 Punkten vor Prost (64) und Piquet (63). Doch der Brite, über den der brasilianische Teamkollege spottet, er sehe aus wie ein Mannequin des altehrwürdigen Londoner Kaufhauses Harrods, zeigt Nerven. Beim Grand Prix von Mexiko, dem vorletzten WM-Lauf, blieb Mansell am Start stehen und vergab die Chance, vorzeitig Weltmeister zu werden. Die für seinen fünften Platz fälligen zwei Punkte fielen dem Reglement zum Opfer. Fahrern, die schon elfmal in den Punkterängen lagen, werden danach bei weiteren Placierungen die schlechtesten Ergebnisse gestrichen.
Nelson Piquet, in Mexiko Vierter, ließ sich dagegen drei Punkte gutschreiben, er punktete erst zum zehntenmal.
Geplant war das Finale völlig anders und weniger furios. Piquet, 1981 und 1983 schon Weltmeister, wechselte zu Saisonbeginn von Brabham zu Williams-Honda. Das erstklassige Fahrergehalt für die vermeintliche Nummer 1 im Rennstall beträgt drei Millionen Dollar. Vergleichsweise bescheiden werden die Dienste Mansells honoriert - er kassiert 900000 Dollar.
Das hinderte ihn nicht daran, ohne Rücksicht auf die interne Hackordnung mit Vollgas den ungeliebten Konkurrenten abzuhängen. Mit fünf Saisonsiegen setzte sich Mansell an die Spitze des Formel-1-Feldes, worüber sich zuallererst sein Arbeitegeber Frank Williams wunderte: Er habe Mansell, so der Rennstallboß, als solide, zuverlässige Nummer 2 verpflichtet, die ab und zu ein Rennen gewinne. »Ich kann es kaum glauben, wie er nun die Konkurrenz niederbügelt.«
Auch Piquet war platt. Er fahre zwar schnell, sei aber wohl zu spät aufgewacht, beurteilt Niki Lauda die jetzt ziemlich aussichtslose Lage seines ehemaligen _(Weltmeister Alain Prost am 10. August in ) _(Ungarn. )
Teamgefährten. »Er ist eben ein bißchen ein fauler Hund. Der fährt gern Boot, liegt in der Sonne und liebt das Leben easy.«
Unverzeihlich war allerdings anderes. Von Lehrmeister Lauda lernte Piquet in der gemeinsamen Brabham-Zeit eine Grundregel der Formel 1, wonach es zuallererst gelte, den Gegner im eigenen Rennstall niederzumachen. Dann erst seien die anderen Konkurrenten an der Reihe. »Dein Teamkollege«, wie es Marc Surer einmal ausdrückte, »ist dein schlimmster Feind.« Der lebenslustige Piquet sei halt, so Lauda, »nicht auf der Hut gewesen«.
Erst als Mansell Führungsansprüche anmeldete, reagierte der zweimalige Weltmeister. »Es ist einfach lächerlich«, beschwerte sich der gutmütige Brite, »daß der dreimal soviel verdient, ich aber womöglich Weltmeister werde.« Pikiert antwortete Piquet, er werde nicht bezahlt, »um mit anderen Leuten zu diskutieren«.
Seit dem verbalen Schlagabtausch und Piquets Feststellung, »Mansell vergiftet die Stimmung im Team, er ist selbstsüchtig«, herrscht bei Williams-Honda Unfrieden. Die Kommunikation der beiden Piloten beschränkt sich auf ein unfreundliches »Hallo«, der Brite betont überdies, »mir ist es egal, ob mein Teamkollege nett zu mir ist oder mich haßt«.
Er kennt ohnehin seit Beginn seiner Karriere nur ein Ziel. »Ich will«, so sagte er einmal, »der Beste der Welt werden. Es ist mir dabei egal, ob es zwei, drei, fünf oder zehn Jahre dauert.«
Lange Zeit galt Mansell als Bruchpilot der Branche, der Schrott in Serie produzierte. Als er sich einmal selbst lobte - »Meine Spezialität sind Straßenkurse« -, konterte Keke Rosberg: »Ja, wegen deiner Unfälle.« McLaren-Chef Ron Dennis führte gar zum Amüsement anwesender Formel-1-Piloten 1984 auf seiner Weihnachtsparty einen Film vor, der nur einen Inhalt hatte: »Here comes Mansell ... crash.«
Unbeeindruckt vom Spott der Konkurrenz, aber auch von schweren Unfällen - Mansell drohte nach dem Bruch zweier Halswirbel 1977 ein Leben im Rollstuhl - hielt er zäh Kurs. Er habe, so Frank Williams, selten einen solchen »Kämpfer« und »Rackerer« erlebt.
Dem großen Ziel opferte Mansell zu Beginn seiner Laufbahn nicht nur die Aussicht auf einen gutdotierten Job als Computer-Ingenieur, sondern auch sein Einfamilienhaus. Ehefrau Rosanne reiste zudem jahrelang für »British Gas« durch Großbritannien, »um vor Publikum neue Kochgeräte vorzuführen«. Die Lebensversicherung war damals längst verpfändet.
Mansell reicht in Adelaide nun schon ein dritter Platz, um Weltmeister zu werden. Zum Showdown tritt er mit gewohnter Einstellung an: »Um erfolgreich zu sein, muß man sein Leben aufs Spiel setzen.«
Weltmeister Alain Prost am 10. August in Ungarn.