Müde Suppenhühner - DER SPIEGEL
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Galopp Müde Suppenhühner

Die erste Sportbranche der DDR ist pleite. Die ostdeutschen Vollblüter werden an französische Roßschlachter verramscht.
• aus DER SPIEGEL 30/1990
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Conrad war ein Erfolgstyp, zumindest in der DDR. 150mal ging er an den Start, 12 Siege hat er sich erkämpft. Doch jetzt haben sie Conrad ein »F« in das braune Fell seines Hinterteils einrasiert. Der Buchstabe steht für Frankreich. Dort wartet schon der Schlachter auf Conrad.

Der elfjährige Galopper aus dem Gestüt Görlsdorf wurde ausgemustert, obwohl er, wie seine Pflegerin Barbara Hessmann versichert, »noch völlig gesund ist«. Das gelte auch für die neun anderen Vollblüter im Stall 12 der Rennbahn in Berlin-Hoppegarten, die für den Transport nach Frankreich bestimmt sind: »Man müßte nur ein bißchen Geduld mit ihnen haben.«

Doch für Sentimentalitäten ist im VEB Vollblutrennbahnen, dem einstigen Monopolbetrieb für Galopprennsport in der DDR, kein Platz mehr. Conrad kann nur überleben, »wenn ein Käufer den Schlachtpreis von 1500 Mark überbietet«, sagt lapidar VEB-Direktor Arthur Boehlke, der seit der letzten Woche als Konkursverwalter ("Wieder so eine Sache, die wir nie gelernt haben") die Auflösung des VEB betreibt.

Die Galopper sind die ersten DDR-Sportler, die nach der Einführung der D-Mark in die Pleite laufen. Boehlke muß alle 700 Pferde des einstigen sozialistischen Pferdezentrums loswerden, weil er sie nicht mehr ernähren kann. 220 Galopper sind bereits verkauft, 130 hofft man noch lukrativ vermarkten zu können. Der Rest geht zum Roßschlachter in den Westen.

Das Personal wird arbeitslos. Am 1. August erhalten alle Reiter, Pfleger und Trainer zum letztenmal Gehalt vom Volkseigenen Betrieb, über 300 der 485 Angestellten hatten bereits vorher ihre Kündigungsschreiben bekommen.

Bei den Galoppern hielt die Hoffnung auf eine gesamtdeutsche Zukunft keine drei Monate. Noch am 31. März, zur Saisoneröffnung, schien Hoppegarten, die europäische Turf-Metropole in den Goldenen Zwanzigern, ein glanzvolles Comeback zu erleben. 45 000 Besucher sorgten beim ersten deutsch-deutschen Renntag am Wett-Totalisator für einen Rekordumsatz von 1,148 Millionen Mark.

Doch die abgetakelte Derbybahn hatte sich für das gesellschaftliche Großereignis das letzte Mal herausgeputzt. Nachdem der alte Adel und die neuen Geldfürsten wieder abgereist waren, verfielen die Rennställe und Tribünen weiter. »Die haben uns nur für unsere Arbeit auf die Schulter geklopft«, sagt Eva-Maria Leistner, dann sei die westdeutsche Turf-Prominenz wieder in ihre Hotelsuiten zurückgefahren. Da hätten alle gewußt, so die langjährige Trainerin, daß »wir mit dem Schlamassel allein bleiben«.

Die Trainer haben zwar jetzt die Möglichkeit, die Pferde in Eigenregie weiterzubetreuen. Doch die Galopp-Profis wissen selbst am besten, daß mit den Vierbeinern kein Staat mehr zu machen ist. In der DDR waren die Galopper nicht gezüchtet worden, sie wurden, wie Buchhalter Egon Albrecht sagt, »nach Plan produziert«. Für die Planerfüllung des »VEB Armblutrennbahnen« (Branchen-Spott) war im Landwirtschaftsministerium der Abteilungsleiter Geflügelproduktion zuständig.

Obwohl der SED-Staat den Turf mit immerhin 13 Millionen Mark jährlich subventionierte, war für »unsere müden Suppenhühner« (Albrecht) nie genügend Futter vorhanden. Die extremen Belastungen eines Rennens konnten die schlecht vorbereiteten Tiere, so der mehrmalige DDR-Championjockey Lutz Pyritz, »nur unter Schmerzen aushalten«. Das sei »eigentlich Tierquälerei« gewesen.

Das Interesse an dem lebenden Inventar von Hoppegarten ist deshalb gering. Käufer wie der DDR-Landwirt Norbert Köpcke, der zehn Galopper erstanden hat, oder der West-Berliner Fleischgroßhändler Manfred Krug, der in Hoppegarten acht Pferde von zwei Trainern betreuen läßt, bleiben die Ausnahme.

Investoren interessieren sich nur für die Anlage mit dem traditionsreichen Namen, zu der ein 440 Hektar großes Waldgebiet in günstiger Stadtrandlage im Osten von Berlin zählt. Selbst aus Kuweit und Neuseeland meldeten sich potentielle Käufer. Japaner wollen die Hoppegartener Rennbahn für 120 Millionen Mark modernisieren, dazu ein Hotel und ein Spielkasino bauen.

Und auch die Turf-Brüder aus dem Westen Deutschlands haben ihre Pläne mit der Traditionsbahn, zu deren Einweihung vor 122 Jahren Wilhelm I. und Kanzler Otto von Bismarck kamen. Nach dem Willen von Hans-Heinrich von Loeper, dem Generalsekretär des bundesdeutschen Direktoriums für Vollblutzucht und Rennen, soll aus Hoppegarten das Trainings- und Ausbildungszentrum des deutschen Galoppsports werden.

Auch ehemalige Hausherren, wie das Mönchengladbacher Gestüt Zoppenbroich, machen alte Ansprüche auf das Hoppegartener Gelände geltend. »Wir müssen aufpassen, daß wir nicht an die Wand gedrückt werden«, sagt Konkursverwalter Boehlke.

Für Eva-Maria Leistner, der nach fast 30 Jahren Arbeit in Hoppegarten zum 31. August gekündigt wurde, ist der Ausverkauf des DDR-Turfs längst perfekt. Die neuen Herren würden nur warten, so die Trainerin, bis alles »total abgewirtschaftet« sei, um dann »den ganzen Laden billig zu übernehmen«. o

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