UNFÄLLE Narben auf der Seele
Am Tag, als der Nordische Kombinierer Marko Baacke vom Himmel fiel, blies ein kräftiger Wind rund um die Großschanze im finnischen Kuusamo. Baacke war an jenem Novembermorgen 2001 auf den mächtigen Turm gestiegen, um einen Trainingssprung ins Tal zu setzen.
Für einen wie ihn war das Alltag, selbst wenn es böig war. Er war Weltmeister. Er ging immer volles Risiko.
Baacke stieß sich in die Anlaufspur, glitt abwärts und schnellte wie ein Pfeil in die Luft. Im Flug erwischte ihn plötzlich ein Windstoß. Er verlor seine Körperspannung, die Ski begannen zu flattern. Bei Tempo 100 stürzte Baacke wie eine Puppe auf den Hang und überschlug sich.
Im Krankenhaus diagnostizierten die Ärzte innere Blutungen. Die linke Niere und die Milz waren geplatzt. Akute Lebensgefahr, Notoperation. Baackes Bauchdecke wurde vom Brust- bis zum Schambein geöffnet. Als er wieder zu sich kam, sagte er: »Das war''s. Nie wieder Sport.«
Fünf Wochen nach dem Unfall stand der 22-Jährige aus Ruhla in Thüringen dann doch wieder auf Skiern. Im Mai sprang er bereits von der Oberhofer Jugendschanze. Nachdem er sicher gelandet war, ballte er die Fäuste und weinte vor Glück.
»Die Gedanken an den Sturz verdränge ich total«, hatte er sich vorgenommen.
Baackes Umgang mit einem traumatischen Erlebnis ist typisch für Leistungssportler. Denn unter ihnen gilt die Faustregel: Je schneller man nach Unfällen das Comeback wagt, desto geringer ist die Gefahr, Selbstbewusstsein und Leistungsvermögen einzubüßen.
Nur so könne die Angst besiegt werden, sagen sich Formel-1-Piloten, die nach einem Crash wieder Vollgas geben; Skirennläufer, die nach einem Sturz wieder die Piste runterjagen; Skispringer, die nach einer Bruchlandung wieder durch die Luft segeln.
Unter Psychologen ist diese Brachialmethode in den Risikosportarten jedoch umstritten. Gehe die zügige Rückkehr nicht mit gezieltem Training und mentaler Betreuung einher, könne das bis zur »psychischen Instabilität« des Sportlers führen, warnt der Bielefelder Trauma-Forscher Werner Wilk. »Er ist dann nicht mehr arbeitsfähig.«
Die Praxis, Unfälle ins Unbewusste zu schieben, kritisiert Wilk als Anpassung an den »Zeitgeist": In der modernen Gesellschaft werde verlangt, »keine Schwächen« zu zeigen. Wer einen Sturz nicht verarbeite und seine Angst bloß ausblende, sagt der Essener Sportpsychologe Ulrich Kuhl, löse »eine funktionale Bremse« im Kopf. Anders ausgedrückt: Angst ist kein Zeichen von Feigheit, sondern auch im Sport oft ein wichtiger Schutzmechanismus.
Vordergründig scheint die Radikaltherapie manchem Athleten wie auf den Leib geschnitten. Der österreichische Skistar Hermann Maier, der nach einem schweren Verkehrsunfall derzeit gegen sein Karriereende kämpft, ist so einer. Er benutzte eine Schussfahrt als Heilmittel.
Beim olympischen Abfahrtslauf 1998 in Nagano katapultierte Maier nach einem Fahrfehler kopfüber von der Piste - ein Horror-Unfall, der das Schlimmste befürchten ließ. Der Havarist witzelte anschließend aber nur: »Habe die Ehre, war doch ein guter Flug.« Drei Tage später gewann Maier, der bei dem Sturz lediglich ein paar Prellungen erlitten hatte, die Goldmedaille im Super-G-Wettbewerb.
Doch wenn Sportler verunglücken, können Narben auf der Seele bleiben, die wieder aufreißen - Erinnerung kann krank machen.
1989 knallte der Ferrari von Formel-1-Pilot Gerhard Berger in Imola gegen eine Mauer und fing Feuer. Als er drei Wochen später, da waren gerade mal die Brandwunden an den Händen verheilt, erstmals wieder die feuerfeste Rennfahrer-Unterwäsche anzog, bekam er eine Gänsehaut. Trotzdem setzte sich der Österreicher in den Wagen.
Statt solche Beklemmungen vor dem Comeback zu unterdrücken, raten Psychologen, sie gezielt zu analysieren. Hilfreich sei es für den Athleten, die Unfallursache zu ergründen, um gegebenenfalls »aus den Fehlern zu lernen«, sagt Kuhl. Der Betroffene müsse das Gefühl bekommen, die Sache wieder im Griff zu haben. »Er muss wissen: Wie reagiere ich, wenn wieder eine Böe kommt? Sportler müssen Notfallsituationen professionell aufarbeiten, wie es Flugzeugpiloten tun«, erklärt Kuhl.
Ein Beispiel dafür, wie die Rückkehr auf die Sportbühne konsequent vorbereitet werden kann, ist der Skirennfahrer Max Rauffer. Der Bayer brach sich im Dezember 1997 bei einem Sturz in Beaver Creek (Colorado) den ersten und zweiten Halswirbel, schrammte knapp an einer Querschnittslähmung vorbei. Rauffer bat den Münchner Sportpsychologen Dieter Hackfort, ihm »beim Verdrängen« zu helfen.
Hackfort antwortete: »Warum beim Verdrängen? Ich helfe dir beim Verarbeiten.«
Er fand heraus, dass Rauffer zuvor die Erinnerung an eine Serie kleinerer Stürze unterdrückt hatte. Inzwischen sagt der fünfmalige Deutsche Meister: »Ich fahre jetzt ruhiger und kontrollierter. Ich habe gemerkt, dass ich gar nicht so aggressiv fahren muss, um schnell zu sein.«
Motorische Imitationsübungen helfen dem Athleten, seine Selbstsicherheit zurückzugewinnen. Und der Sportler soll vor dem inneren Auge immer wieder den perfekten Bewegungsablauf abspulen, rät der Leipziger Psychologe Rolf Frester, der zehn Jahre lang Skisprung-Olympiasieger Jens Weißflog betreute: »Das fördert das positive Denken.«
Manchmal hilft es, den traumatisierten Athleten »umzuorientieren«. 1983, nach einem schlimmen Sturz im tschechischen Harrachov, mochte Weißflog auf keine Schanze mehr gehen, stets geriet er in Panik. Frester schickte ihn zum Klettern in die Berge. »Der Blick vom Felsgrat in die Tiefe brachte mir den Mut zurück«, sagt Weißflog.
Der Kombinierer Marko Baacke möchte gar nicht wissen, welche unsichtbaren Spuren sein Sturz bei ihm womöglich hinterlassen hat. Fachmännische Hilfe lehnte
er ab: »Wenn ich eins nicht abkann: Psychologen und so.«
Baacke will die schlimmen Erinnerungen ohne Spezialisten bewältigen. Er gilt als Typ, »der einen enormen Drang nach vorne hat«, sagt Ludwig Geiger, Mannschaftsarzt der Nordischen Kombinierer. Noch im Klinikum Großhadern trainierte er heimlich seine Beine: Er lief durchs Treppenhaus, bis die Muskeln streikten. Während der dreiwöchigen Rehabilitation am Chiemsee büxte er zweimal aus - zum Langlaufen nach Reit im Winkl. Anfang März startete er bei einem Rennen über 25 Kilometer, ohne ärztliche Zustimmung.
Um sich wieder ans Skispringen heranzutasten, glitt Baacke anfangs den Auslauf der Schanze in Oberhof hinunter. Vor dem ersten Sprung, gesteht er, »krabbelten in meinem Bauch mehr als tausend Ameisen«.
Inzwischen hat Baacke schon wieder über 300 Sprünge absolviert, Medien feiern ihn wahlweise als »medizinisches Wunder« oder »Stehaufmännchen«. Beim Weltcup-Auftakt vor gut einer Woche in Kuusamo fehlte er dennoch. Bundestrainer Hermann Weinbuch wollte nicht, dass sein Schützling ausgerechnet auf jener Schanze wieder ins internationale Geschehen eingreift, die ihn fast umgebracht hätte.
Der Wunsch der Athleten nach rascher Rückkehr ist verständlich. Immer wieder produziert der Kopf eines traumatisierten Sportlers die Bilder des Unfalls. Ein Ausweg scheint das schnelle Eintauchen in die Welt der positiven Erfahrungen zu sein.
So war es wohl auch beim finnischen Formel-1-Fahrer Mikka Häkkinen. Er raste 1995 in Adelaide beim Training mit 170 Stundenkilometern in die Leitplanken, weil ein Reifen seines Rennwagens geplatzt war. Ein Notarzt rettete ihm mit einem Luftröhrenschnitt das Leben. Als Häkkinen am nächsten Tag aus dem künstlichen Koma aufgewacht war, fragte er, wann er wieder fahren könne. Drei Monate später saß er trotz Lähmungserscheinungen in der linken Gesichtshälfte bei Tests im französischen Le Castellet im Auto.
Häkkinen sagt, ihm habe geholfen, dass er den Unfall nicht selbst verschuldet hatte. Er konnte sich sagen: Ich habe nichts falsch gemacht. »Unfälle, die quasi Schicksal sind, können leichter verarbeitet werden«, meint Psychologe Frester.
Windböen sind so etwas wie Schicksal. Aber hilft das Marko Baacke?
»Er kämpft noch schwer«, sagt Bundestrainer Weinbuch. Und: »Ich weiß nicht, was in ihm vorgeht, wenn er erneut einen richtig schweren Sturz hat.«
MAIK GROßEKATHÖFER
* Nach seinem Unfall am 10. November 1995 im australischenAdelaide.