DFB-Trainerin Neid: Vom Erfolg verlassen
Nationaltrainerin Warum Neid bleibt
Am Ende ging es dann doch ganz schnell. Noch am Mittwochmorgen hatte Silvia Neid davon gesprochen, sie benötige mehrere Wochen des Nachdenkens über die Frage, ob sie weiter Bundestrainerin der Fußballfrauen sein möchte. Am Abend dann teilte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) offiziell mit, dass Neid ihren vor der WM bis 2016 verlängerten Vertrag erfüllen werde.
Neid wird demnach für den Neuanfang nach dem schwachen Abschneiden des deutschen Teams bei der Heim-WM verantwortlich sein. Die Europameisterschaft 2013 ist das nächste große Turnier, da die Mannschaft durch ihr WM-Ausscheiden im Viertelfinale auch die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2012 verpasste. Die Kritik an der Bundestrainerin wird nach der überraschend schnellen Entscheidung des DFB allerdings nicht sofort verstummen.
Ist es gut, dass Neid Bundestrainerin bleibt?
Die Heim-WM war der erste schwere Rückschlag in Neids Trainerkarriere: Davor führte sie das Team zur Weltmeisterschaft (2007), zur Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen (2008) und zum Europameistertitel (2009). Die Verdienste der Vorjahre sind denn auch das stärkste Argument, das für sie spricht. Zudem dürfte das vorzeitige Ausscheiden auch bei der Trainerin neue Motivation für die nächsten Herausforderungen geschaffen haben. Es geht um Wiedergutmachung. Neid müsste dann allerdings beweisen, dass sie aus dem WM-Desaster - und nichts Geringeres ist es, wenn der Titelverteidiger im eigenen Land in der ersten K.o.-Runde scheitert - lernt. Dazu gehört vor allem die Erkenntnis, eigene Fehler gemacht zu haben. Diesen Eindruck, so weit zu sein, erweckte Neid zuletzt noch nicht.
Wie kam es zu der überraschend schnellen Entscheidung zugunsten Neids?
Es spricht einiges dafür, dass der DFB die "Personalie Neid" schnell klären wollte und entsprechend Druck gemacht hat. Die Kritik an der Trainerin hatte in den Tagen zuvor an Heftigkeit zugenommen. Das Thema drohte, die Endphase des WM-Turniers medial in den Schatten zu stellen. Nachdem bereits der WM-Auftakt durch die DFB-Entscheidung in Sachen Michael Ballack überlagert worden war, wollte man die WM offenbar nicht durch ein weiteres DFB-internes Thema belasten. Zudem befürchteten DFB-Boss Theo Zwanziger und sein Generalsekretär Wolfgang Niersbach, dass bei einer wochenlangen Hängepartie auch der Verband zunehmend in die Kritik geraten wäre. Neid selbst hatte zuvor mehrfach betont, dass sie Zeit für die Entscheidung brauche.
Kam ein Rücktritt Neids überhaupt ernsthaft in Betracht?
Direkt nach dem Viertelfinal-Aus hat die Trainerin jeden Gedanken an Rücktritt noch weit von sich gewiesen. Sie habe "überhaupt keine Motivationsprobleme", sagte sie bei der Abschluss-Pressekonferenz. Eigene Fehler könne sie nicht erkennen, sie habe sich keine Vorwürfe zu machen. Umso überraschender wirkte es, dass sie nur zwei Tage später plötzlich selbst Rücktrittsgedanken äußerte. Die Kritik an ihrer Person hat sie offenbar überrascht, aber auch getroffen. Neid kokettierte zudem öffentlich mit anderen Angeboten aus dem In- und Ausland, als sei sie auf den Bundestrainer-Job nicht angewiesen. Die schnelle Entscheidung spricht allerdings sehr dafür, dass Neid grundsätzlich nicht ans Aufhören gedacht hat.
Was wird Neid im Zusammenhang mit dem vorzeitigen WM-Aus vorgeworfen?
Die Kritik an Silvia Neid macht sich an vier Punkten fest: So wird ihr erstens zur Last gelegt, das Team zu wenig auf die immense Aufmerksamkeit und auf den hohen Erwartungsdruck bei einer Heim-WM vorbereitet zu haben. Zweitens soll sie im Spiel gegen Japan personelle und taktische Fehlentscheidungen getroffen haben. Im Fokus steht drittens auch ihr Umgang mit Rekord-Nationalspielerin Birgit Prinz. Kritiker haben sich darüberhinaus daran gestört, dass sie nach dem Ausscheiden zunächst keinerlei Selbstkritik erkennen ließ.
Hat Silvia Neid im Viertelfinal-Spiel gegen Japan tatsächlich Fehler gemacht?
Ja. Ihre Strategie, die Japanerinnen nahezu ausschließlich durch hohe Flanken in den Strafraum zu beschäftigen, erwies sich als wirkungslos. Die Abwehr der Asiatinnen hatte sich schnell darauf eingestellt. Die Maßnahme, Außenverteidigerin Linda Bresonik schon nach wenigen Minuten ins Mittelfeld zu ziehen, wo sie die verletzte Kim Kulig ersetzen sollte, brachte nichts ein. Statt eine weitere Offensivkraft zu bringen, wechselte Neid in der zweiten Halbzeit die ebenfalls defensiv orientierte Lena Goeßling gegen Bresonik ein. Die Angreiferinnen Birgit Prinz und Fatmire Bajramaj beließ sie dagegen 120 Minuten auf der Bank.
War Neids Umgang mit Birgit Prinz klug?
Er war zumindest ungeschickt. Entweder sieht Neid frühzeitig, dass ihre Kapitänin nicht in WM-Form ist. Dann stellt sie sie nicht als Führungsfigur in den ersten beiden Partien auf, um sie danach erst aus der Mannschaft zu nehmen. Oder sie glaubt an die Fähigkeiten der 33-jährigen Rekord-Nationalspielerin. Dann vertraut sie ihr auch im weiteren Turnierverlauf oder bringt sie zumindest als Offensiv-Joker gegen die Japanerinnen, als klar war, dass vorne nicht viel lief. Da die Herausnahme von Prinz vor dem Frankreich-Spiel in Absprache mit der Stürmerin erfolgte, kann man allerdings nicht wirklich von einer Demontage der Kapitänin durch Neid reden, wie es einzelne Kritiker getan haben. Prinz selbst hat Neid am Donnerstag erstmals kritisiert. Die Bundestrainerin hätte sich "klarer zu mir oder klarer gegen mich positionieren müssen", sagte sie. "Sie hat sich einerseits zu mir gestellt, aber andererseits durch die Auswechslungen gleichzeitig wieder zum Abschuss freigegeben", so Prinz. Grundsätzlich sei es zwischen ihr und Neid "kommunikativ nicht optimal gelaufen".
Warum dem DFB fast keine Wahl blieb, als Neid zu halten
Hat Neid die Herausforderung Heim-WM unterschätzt?
Definitiv. Da ging es der Bundestrainerin wie der gesamten Mannschaft. Das Ereignis Heim-WM erwies sich als zu groß für das Team. Zwar war schon im Vorfeld viel von der großen Kulisse, die die Elf erwarten werde, die Rede. Dennoch hat sich offenbar keiner die Ausmaße des Events angemessen vorstellen können. Auch Neid nicht. Die Spielerinnen wirkten trotz dreimonatiger Vorbereitung gehemmt, verkrampft, übermotiviert. Hier vorbeugend tätig zu werden, wäre nicht nur die Aufgabe des Teampsychologen gewesen. So etwas ist auch Trainersache.
Welche Haltung nimmt DFB-Chef Theo Zwanziger zu Neid ein?
Zwanziger hat einmal davon gesprochen, die Ernennung Neids zur Bundestrainerin sei "die bisher beste Entscheidung meiner Amtszeit" gewesen. Der DFB-Chef hat auch nach dem Ausscheiden nie einen Zweifel daran gelassen, dass er die 47-Jährige halten will. "Silvia Neid ist DFB" - auf diese kurze Formel hat Zwanziger es gebracht. Sie sei "die Beste, die wir kriegen können". Wer solche Sätze sagt, dem blieb gar keine andere Möglichkeit, als an Neid festzuhalten. Allein um das eigene Gesicht zu wahren. Nicht alle im DFB stehen jedoch so nibelungentreu zur Trainerin. Vizepräsident Rolf Hocke hat bereits angekündigt, Neid werde "sich auch unangenehmen Fragen stellen müssen".
War es klug, den Vertrag der Trainerin so kurz vor der WM zu verlängern?
Zwanziger wollte mit der Vertragsverlängerung fünf Tage vor WM-Beginn dem Trainerteam den Druck nehmen. Mit dem Ergebnis, dass der DFB selbst dadurch erheblich unter Druck geraten ist. Auch für den Verband war ein Ausscheiden vor dem Halbfinale offenbar nicht denkbar, sonst hätte man nicht ohne Not solch einen Schritt vorgenommen. Der DFB-Präsident wollte zudem demonstrieren, dass er aus den Erfahrungen des Vorjahres mit den Männern gelernt hat. 2010 war die Vertragsverlängerung mit Bundestrainer Joachim Löw überraschend bis nach der WM verschoben worden. Das war auch Zwanziger zur Last gelegt worden.
Erreicht Neid ihre Spielerinnen noch?
Bisher haben alle Spielerinnen, die sich zu Wort gemeldet haben, Neid das Vertrauen ausgesprochen. Es handelt sich dabei allerdings auch um diejenigen, die seit Jahren mit der Trainerin zusammenarbeiten, die mit ihr gemeinsam Welt- und Europameisterinnen geworden sind. Und die auch bei der WM in der Startelf standen: Nadine Angerer, Linda Bresonik, Célia Okoyino da Mbabi und Inka Grings. Von den Unzufriedenen wie Fatmire Bajramaj war dagegen wenig zu hören. Grundsätzlich stand Neids Autorität im Team bis zum WM-Auftakt außer Frage. Aber bis dahin hatte die Trainerin auch nur Erfolg gehabt.
Wie ist die Kritik aus der Liga einzuordnen?
Der Potsdamer Meistertrainer Bernd Schröder gilt seit langem als Intimfeind Neids. Schröder hat die Bundestrainerin bereits während des Turniers massiv angegriffen. Er hat ihr eine Demontage von DFB-Kapitänin Birgit Prinz vorgeworfen. Er hat die taktischen Fehler am deutlichsten angesprochen. Der Wert seiner Kritik leidet allerdings darunter, dass Schröder während der WM ein paar Interviews zu viel gegeben hat. Aber auch die Jenaer Trainerin Martina Voss-Tecklenburg hat angemerkt, dass "Neid ein paar Sachen anders hätte machen sollen". Das Wort von Voss-Tecklenburg, die nebenbei auch Chefredakteurin des Magazins "Frauenfußball" ist, hat Gewicht. Auch Spielerberater Dieter Weber hat sich gemeldet und Neids Team "Angstfußball" attestiert. Das Brisante: Weber berät die beiden aktuellen Nationalspielerinnen Simone Laudehr und Alexandra Popp.
Hätte es überhaupt Nachfolge-Kandidatinnen gegeben?
Neids Weg zur Cheftrainerin führte über die Nachwuchs-Auswahlteams des DFB. Einen ähnlichen Weg könnte künftig auch Maren Meinert einschlagen. Die ehemalige Nationalspielerin, fast zehn Jahre jünger als Neid, hat als Coach der deutschen U20 im Vorjahr den WM-Titel geholt. Meinert ist jemand, der sich beim DFB auskennt und trotzdem noch einen Neubeginn verkörpern würde. Mit den zukünftigen Führungsspielerinnen wie Alexandra Popp, Dzsenifer Marozsan, Marina Hegering und Kim Kulig hat sie schon erfolgreich gearbeitet.