Noch ein Boykott
Der deutsche Schachpräsident Ludwig Schneider telephonierte mit Moskau. »Wollen wir den Fall Pachman bereinigen«, schlug er vor. Doch da, erinnert sich Schneider, »trat Funkstille ein«.
Telegraphisch forderte der sowjetische Schachverband statt dessen die Teilnehmerliste für die zur Zeit in Mannheim stattfindende Internationale Deutsche Meisterschaft an. Unter den Spielern: CSSR-Emigrant Ludek Pachman, 50, ein engagierter Anhänger des Prager Frühlings.
Aus dem nächsten Moskauer Kabel erfuhr der Deutsche Schachbund (DSB), daß der sowjetische Exweltmeister Tigran Petrosjan und Großmeister Paul Xeres ihre Zusage nicht einhalten könnten. »In letzter Minute«, beklagte Schneider, »sagten auch die Teilnehmer aus Rumänien und Bulgarien ab.«
Am Zug ist aber auch der Internationale Schachverband (Fide). Die Deutschen protestierten nachdrücklich gegen die statutenwidrige Diskriminierung. Andere Emigranten dulden die Sowjets stillschweigend am Brett, etwa Pachmans Landsmann Kavalek, der inzwischen für die USA auftritt, oder den aus der UdSSR nach Israel ausgewanderten Liberson.
Anders als sie hatte Pachman allerdings stets auf sportlichen und politischen Feldern simultan gespielt. Während des Weltkriegs verhaftete ihn die Gestapo. Später machte er als strammer Stalinist Partei-Karriere, wurde Schachgroßmeister und veröffentlichte 14 Fachbücher. Als er während des Junikrieges 1967 die kommunistische Nahostpolitik kritisierte, verbot ihm die Partei das Schreiben.
Nach der Besetzung der CSSR 1968 geriet Pachman als Wortführer des Dubcek-Liberalismus in Haft. Mit einem Schädelbruch und Rückgratverletzungen kehrte er zurück. Die Partei und der CSSR-Schachverband schlossen ihn aus. 1972 fand er Unterschlupf bei Egon Evertz, dem Präsidenten der Solinger Schachgesellschaft von 1868.
Doch beim Meisterturnier 1974 seines neuen Klubs blieb der achte Tisch leer. Die Solinger hatten Pachman abgemeldet. Andernfalls wären die sowjetischen Stars Lew Polugajewski und Exweltmeister Boris Spasski abgereist und hätten dem 100 000-Mark-Turnier allen Glanz entzogen.
Anonyme Briefschreiber unterstellten dem Solinger Schweißgerätehersteller und Schachpräsidenten Evertz, er unterhalte »ein Büro von Breschnew«. Da sein Land ihm die CSSR-Staatsbürgerschaft entzogen hatte, galt Pachman als staatenlos und durfte auch an der Deutschen Meisterschaft 1974 nicht teilnehmen. Enttäuscht zog er nach Berlin um.
Bundesdeutschlands Rechte nutzten den Boykott zur Polemik gegen die Ostpolitik der Koalition. Pachman driftete nach rechts. Er ließ sich von Springers Ullstein- Verlag einspannen, trat in Löwenthals ZDF-Magazin auf und sprach beim »Bund Freies Deutschland« (Hauptredner: Strauß). Nobelpreisträger Heinrich Böll nannte ihn »offen reaktionär«. Seinen Sprung vom Stalinismus zurück in die Katholische Kirche beschrieb der Emigrant in einem Buch »Gott läßt sich nicht verbannen«.
Sein Gegenspieler Wiktor Baturinski, der Sekretär des sowjetischen Schachverbandes, hatte zu Stalins Zeiten als Oberst der Militärjustiz wie eine Figur aus Solschenizyns Archipel GULAG amtiert. Großmeister Xeres strafte er nach einem Besuch bei dem abtrünnigen Pachman mit einer Auslandssperre. Exweltmeister Spasski zog sich ein Disziplinarverfahren zu, weil er im Deutschen Fernsehen Pachman als Freund bezeichnet hatte.
Die Sowjets zielen auf Pachmans Existenz: In der Emigration lebte er überwiegend vom Schach -- von Simultanvorstellungen, Fachbeiträgen und Vorträgen. Aber im Vorraum ließ er auch schon seine polemischen Bücher ("Jetzt kann ich sprechen") verkaufen. Nur durch Turniere mit Großmeistern kann er seinen Titel und sein sportliches Ansehen behaupten.
Noch 1974 beantragte Pachman die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Staatskanzlei des NRW-Ministerpräsidenten Kühn versprach »sehr wohlwollende« Behandlung. Schon der Antrag -- und ein Jahr Aufenthalt im Gastland -- verschafften Pachman nach den Fide-Satzungen die internationale Spielberechtigung für die Bundesrepublik.
So setzte der Deutsche Schachbund ihn noch 1974 in seiner Nationalmannschaft ein. Die Deutschen siegten beim Sechs-Länder-Turnier in Eckernförde; Pachman verlor keine Partie. Der Schachbund meldete ihn auch zum Zonen-Turnier, der ersten Qualifikation zur Weltmeisterschaft -- mit Ostblock-Beteiligung. »Dann müssen die Russen Farbe bekennen«, freut sich Schneider.
Pachman geriet als Einzelsportler neben Ländern wie Südafrika, Rhodesien, Taiwan und Israel auf eine schwarze Liste. Die Boykottsucht wechselnder Mehrheiten in den Internationalen Verbänden, erkennen die Funktionäre betroffen, unterminiert zunehmend den internationalen Wettkampfverkehr -- so oft der letzte, schwankende Steg zwischen verfeindeten Staaten.
Nun rief der Deutsche Schachbund zum Gegenboykott. Großmeister Wolfgang Unzicker zog die Meldung für ein Turnier in Tallinn zurück, zwei Sowjets wurden von den Dortmunder Schachtagen im April ausgeladen. »Wir bleiben in der Sache hart«, versicherte Schneider, »dann lenken sie ein«.