FUSSBALL »Noch eine Rechnung offen«
Jahrelange Übung hat Joseph Blatter, 66, zum Großmeister der Gegenrede gemacht. Bestechung, Vetternwirtschaft, Machtmissbrauch, Untreue: Ein Reizwort reicht aus, und schon ist der Präsident des Fußball-Weltverbands (Fifa) in Verteidigungsstellung.
Bevor Blatter, ein kleiner, eitler Mann mit einer spitzen Nase, allerdings das Wort ergreift und sich gegen ständig wiederkehrende Vorwürfe zur Wehr setzt, neigt er seinen Kopf leicht zur Seite, lächelt linkisch und faltet beschwichtigend die Hände. Seine Freunde aus Visp im Oberwallis dürfen Sepp zu ihm sagen. Und der Sepp aus den Schweizer Bergen, das soll nun sein Körper ausdrücken, macht keine schmutzigen Geschäfte.
Am vorvergangenen Freitag indes taugten selbst Blatters einstudierte Gesten nicht mehr. Mit bleichem Gesicht und zittrigen Fingern musste der Fifa-Boss in der Zürcher Verbandszentrale erleben, wie ihn sein einstmals enger Weggefährte Michel Zen-Ruffinen, 43, vor dem Exekutivkomitee als maßlos machthungrigen und korrupten Regenten darstellte.
Mehr als zwei Stunden referierte der Fifa-Generalsekretär in eisigem Ton, was er in einem 21 Seiten umfassenden Dossier über Blatters Amtsführung zusammengetragen hatte. Darin zeichnete Zen-Ruffinen das Bild eines Präsidenten, der die Schaltstellen des Milliarden bewegenden Verbands systematisch mit einer Hand voll ausgewählter Vertrauensleute besetzte, seiner so genannten F-Crew - und der die Fifa, seitdem alle Kritiker in der Verwaltung ausgehebelt sind, regiert wie ein absolutistischer Despot.
Zum Höhepunkt des explosiven Papiers geriet Paragraf acht: »Korruption«. Laut Zen-Ruffinen, der dem Exekutivkomitee als Beweismaterial fünf Aktenordner mit kopierten Dokumenten zur Einsicht mitgebracht hatte, soll Blatter einem Schiedsrichter aus Niger einen Scheck über 25 000
Dollar überreicht und weitere 25 000 Dollar in Aussicht gestellt haben. Bedingung für die großzügige Gabe: belastende Aussagen des Referees über Farah Addo. Der frühere somalische Verbandsboss hatte behauptet, bei Blatters Wahl 1998 seien Delegierte bestochen worden.
Außerdem, so prangerte Zen-Ruffinen an, soll Blatter dem Chef des russischen Fußballverbands, Wjatscheslaw Koloskow, 100 000 Dollar für Arbeit in der Fifa-Exekutive von Juli 1998 bis Juli 2000 angewiesen haben. Nur: Der Funktionär aus Moskau, dem sich Blatter wohl zu Dank verpflichtet fühlte, erhielt sein Mandat in der
Regierung des Fußball-Weltverbands erst im August 2000.
Solange Zen-Ruffinen sprach, schwieg Blatter. Nur einmal meldete er sich erregt zu Wort, als der Generalsekretär bei einer besonders heiklen Passage angelangt war: der »Entlohnung des Präsidenten«. Blatter verbat sich einen Kommentar - und sah sich nach Zen-Ruffinens Auftritt genötigt, in einer Rechtfertigung zum ersten Mal vor dem Exekutivkomitee sein Gehalt zu beziffern. Es seien, sagte Blatter, 65 000 Dollar im Monat. Er hatte den Vertrag nur mit seinem Stellvertreter Julio Grondona ausgehandelt.
So viel Offenheit musste sein in der Stunde der Not. Denn Zen-Ruffinens brisanter Report verleiht dem Machtkampf um die Führung des Weltfußballs eine neue Dimension. Schließlich galt es als Geschäftsgrundlage auf dem Zürcher Sonnenberg, dass der Fifa-Präsident sich der Loyalität seiner engsten Mitarbeiter sicher sein konnte. Blatter indes hat diesen Corpsgeist mit seinem Machtstreben ausgehöhlt - und sich damit vor seiner angestrebten Wiederwahl am 29. Mai in Seoul angreifbar gemacht wie nie zuvor.
Bislang hat der Topfunktionär noch jeden Skandal überstanden. Ob man Blatter vorwarf, bei seiner Wahl 1998 in Paris seien afrikanische Delegierte bestochen worden; ob man ihm vorhielt, er habe nach dem Crash der Vermarktungsagentur ISL im Frühjahr 2001 das wahre finanzielle Ausmaß des Debakels für die Fifa verschleiert; oder ob man ihn bezichtigte, Fifa-Millionen für Entwicklungsprojekte zu Wahlkampfzwecken verwandt zu haben: Entweder waren die Belege zu dürftig, oder die Kronzeugen hatten einen zweifelhaften Leumund.
Nun steht Blatter massiv unter Druck. Fünf von sieben Vizepräsidenten der Fifa sprachen ihm noch vorvergangenen Freitag das Misstrauen aus.
Demnächst beschäftigt der Fall auch die Justiz. Sechs europäische Exekutivmitglieder, vier afrikanische und ein asiatisches beauftragten vorigen Donnerstag eine Kanzlei in Zürich damit, Strafanzeige gegen Blatter wegen »krimineller Aktivitäten« zu erstatten. Der Fifa-Boss wiederum scharte fast zeitgleich seine Anwälte um sich, um zivilrechtliche Schritte gegen den Generalsekretär zu erörtern.
Das Image des Präsidenten indes scheint bereits jetzt komplett ramponiert. So war das weltweite Medienecho auf den Scoop Zen-Ruffinens für Blatter vernichtend. Ein Mitglied der Fifa-Exekutive prophezeite gar, Blatter werde »die Vollversammlung in Seoul nicht mehr als Präsident erleben«.
Doch das ist wohl nur ein frommer Wunsch. Denn dass der taumelnde Blatter bis Ende Mai »endgültig ausgeknockt ist«, wie es sich ein einflussreicher Berater der Europäischen Fußball-Union (Uefa) erhofft, erscheint fraglich. Nur die 204 Vertreter des Fifa-Kongresses können den Präsidenten abwählen. Doch die kleinen Verbände glaubt Blatter mehrheitlich immer noch hinter sich - auch nach dem spektakulären Vorstoß Zen-Ruffinens.
Den Beweis, wie stark der Rückhalt für den Fifa-Präsidenten selbst im Lager seiner ärgsten Widersacher ist, lieferte erst Ende April der Kongress der Uefa in Stockholm. Als dort drei Delegierte für nach der WM frei werdende Plätze in der Fifa-Exekutive gewählt wurden, setzten sich ausschließlich Blatter-Sympathisanten durch: der Deutsche Gerhard Mayer-Vorfelder, der Franzose Michel Platini und der Spanier Angel María Villar Llona.
Ein Fingerzeig für Seoul?
Dass Blatter nach der Wahl in Südkorea als Triumphator dastehen könnte, obwohl sein Generalsekretär ihm mafioses Geschäftsgebaren nachsagt, mutet wie eine Groteske an - und wirft gleichzeitig ein Schlaglicht auf die Schwäche seines Herausforderers.
Zwar hat der Kameruner Issa Hayatou, 55, sein Programm »Im Dienste des Fußballs« getauft und predigt hehre Ziele wie »globale Brüderlichkeit im Fußball«, »Transparenz«, »praktizierte Demokratie« und »Modernisierung« - doch mit seinen Auftritten hat der Vorsitzende des Afrikanischen Fußballverbands (CAF), der aus einer der reichsten Familien seines Landes stammt, bisher kaum jemanden überzeugt.
Selbst Berater des Uefa-Bosses Lennart Johansson, der Hayatou unterstützt, zeigen sich »enttäuscht vom fehlenden Charisma« des Kandidaten. In Stockholm etwa langweilte der Sportlehrer, der ausschließlich Französisch spricht, die Uefa-Delegierten mit einer drögen Begrüßung - seine uninspirierte und mit Platituden gespickte Rede las Hayatou vom Blatt.
Bizarr war auch die Vorstellung seiner Kampagne Mitte April vor internationalen Journalisten im Pariser Hotel California. Als Hayatou den Konferenzraum »San Francisco« betrat, begannen ein Dutzend Männer in der letzten Reihe zu klatschen. Sie trugen pompösen Goldschmuck und blickten grimmig in die Runde.
Kaum gaben die Claqueure Ruhe, übernahm ein Conférencier das Wort - und stellte vorgefertigte Fragen, die Hayatou mit vorgefertigten Antworten erwiderte. Die Inszenierung verlief freilich nicht ohne Komik. Auf Frage zwei nach mehr Transparenz in der Fifa antwortete Hayatou mit Parolen zum Thema Gleichberechtigung. Das war die vorgestanzte Replik auf Frage drei.
Bei seiner Wahlkampf-Tournee, die Hayatou etwa noch nach Schottland, China, Australien und auf die Fidschi-Inseln führt, gibt sich der Afrikaner gern als moralischer Erneuerer der Fifa. Dazu passt allerdings nicht, dass als Lobbyist an seiner Seite ausgerechnet der Chefstratege einer alten Blatter-Seilschaft auftaucht: Jean-Marie Weber, der frühere Boss des bankrotten Fifa-Vermarkters ISL.
Vor der Wahl 1998 in Paris war er als Geheimrat noch eifrig von Verband zu Verband gereist, um für Blatter zu werben. Nun missioniert Weber in Zürich oder Stockholm für Hayatou. Dabei soll er, mit den einstigen ISL-Managern Daniel Beauvois und Glen Kirton ("Wir haben noch eine Rechnung mit Blatter offen") im Schlepptau, auch sein pralles Insiderwissen einsetzen - was Weber dem SPIEGEL gegenüber freilich dementierte.
Zwielichtig sind auch die Verbindungen Hayatous zu dem Sportrechtehändler Jean-Claude Darmon. Seit Jahren vermarktet der Agent, der sein florierendes Unternehmen in Paris erst kürzlich mit der deutschen Ufa Sports und der französischen Sport Plus zum Branchenriesen Sportfive verschmolz, die wichtigsten Fernsehrechte in Hayatous Einflussbereich: dem Afrika-Cup und der African Champions League.
Man kennt sich, und man schätzt sich. Ein führender Mitarbeiter von Sportfive bestätigt, dass Hayatous Schattenmann Weber in Paris ein Büro zur Verfügung steht. Finanzier: Jean-Claude Darmon. Außerdem habe der Rechtehändler für Hayatou und dessen junge Wahlkampftruppe bis Ende Mai eine komplette Etage in einem Haus unweit der Champs Elysées angemietet: 128, rue de la Boëtie, achter Stock.
Dort sitzt Issa Hayatou hinter seinem Schreibtisch und lässt sich von einer Assistentin ein alkoholfreies Bier der Marke Buckler reichen. Der Raum riecht nach frischer Farbe, und Hayatou, der nach dem ersten Schluck einen feinen Schaumbart trägt, widerspricht: »Von Darmon kommt gar nichts. Ich zahle alles selbst.« Aber selbstverständlich sperre er sich nicht, fährt er dann fort, »wenn Darmon einen kleinen Beitrag leisten will«.
Gleichwohl: Beim Kampf um den Thron des Fifa-Präsidenten schmiedet auch der Amtsinhaber bemerkenswerte Koalitionen. Als einer der einflussreichsten Berater Blatters gilt seit April 2001 Fifa-Direktor Guido Tognoni. Vor vier Jahren indes agitierte der umtriebige Schweizer noch für die Uefa und gehörte zum Team des Blatter-Herausforderers Lennart Johansson.
Dort ließ er kaum eine Gelegenheit ungenutzt, die Medien mit Indiskretionen über Blatter zu füttern. So tat sich Tognoni (Branchenname: »007") als einer der Informanten für ein Buch des britischen Enthüllungsjournalisten David A. Yallop hervor. Es beleuchtet die anrüchigen Geschäfte der Fifa und trägt den Titel »Wie das Spiel verloren ging«. MICHAEL WULZINGER
* Nach dem Endspiel des African Supercup am 11. Februar 2001 inKumasi (Ghana).