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Noch einer

Im Schießen war Jackie Stewart Europa-Bester, als Rennfahrer ist er Weltmeister der Formel I. Inzwischen hat er eine noch einträglichere Beschäftigung entdeckt.
• aus DER SPIEGEL 42/1971
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»Er ist der beste Fahrer auf dem besten Wagen«, lobte der frühere Automobilweltmeister Graham Hill seinen Nachfolger John Young »Jackie« Stewart. 32, aus Schottland. Doch in den USA und in Kanada ist Stewart nur noch der beste Fahrer auf dem zweitbesten Wagen.

Vor sechs Jahren nämlich hatten amerikanische und kanadische Rennmanager als Gegenstück zur vorwiegend auf europäischen Bahnen ausgetragenen Fahrer-Weltmeisterschaft eine nach Kanada und Amerika benannte Can-Am-Serie ausgeschrieben. Der Sieger wird ebenfalls durch ein Punktsystem aus allen Rennen der Saison ermittelt.

Anders jedoch als bei der offiziellen Weltmeisterschaft, zu der nur Formell-Rennwagen mit Drei-Liter- Motoren zugelassen sind, dröhnen bei Can-Am-Rennen badewannenförmige Kolosse mit unbegrenzter Motorstärke.

Auch die Strecken für die rasenden Riesen sind problemloser als die für Formel-I-Rennen -- breiter, ohne Gefälle und Schikanen. »Die nordamerikanischen Kurse sind sicherer als die europäischen Grand-Prix-Bahnen«, lobte die »New York Times«. Tatsächlich blieben tödliche Unfälle während der Can-Am-Rennen aus. Bei minderem Risiko ist mehr zu verdienen: bis zu 100 000 Dollar pro Lauf,

»Ein Familienvater wie ich kann auf solch einen Job nicht verzichten«, scherzte Stewart. 1971 fuhr er erstmals zweigleisig: mit einem Drei-Liter-Ford in WM-Rennen und in einem Acht-Liter-Lola-Chevrolet in Nordamerika. Doch gegen das Can-Am-Kartell der seit Jahren überlegenen McLaren-Rennwagen kämpfte Stewart vergebens. Nur zwei der bislang acht Läufe vermochte er zu gewinnen. Zweimal rutschte er von der Bahn, dann verhinderten Defekte einen Sieg. Von 43 Can-Am-Rennen seit 1966 gewannen die McLaren 37. in 28 belegten sie auch noch den zweiten Platz.

Ausgerechnet mit einem Sieg über den neuseeländischen Grand-Prix-Fahrer und Rennwagenkonstrukteur Bruce McLaren hatte Stewarts Karriere begonnen. Weil traditionsbewußte Schützenfunktionäre den zu jungen Europameister im Tontaubenschießen nicht zur Olympiade gemeldet hatten, stieg Stewart um. Sein erstes Rennen bestritt er unter dem Decknamen A. N. Other ("Noch einer").

Der Holzgroßhändler Kenneth Tyrrell ließ den nur 1,58 Meter großen Schotten, der ein wenig schielt und »durch die Schützenjahre etwas taub« geworden war, gegen McLaren einige Proberunden drehen. Obwohl Stewart den schwächeren Wagen fuhr, siegte er. 1965 feierte er in Monza seinen ersten Grand-Prix-Sieg. Vier Jahre später wurde er auf einem Matra-Ford erstmals Weltmeister. 1971 gewann er den Titel beim Grand Prix von Österreich, obwohl er stürzte und zu Fuß das Ziel erreichte. Stewarts Strecke am Ende der diesjährigen Saison: 18 Grand-Prix-Siege insgesamt, davon sechs in elf Rennen dieses Jahres.

Mehr Grand-Prix-Siege als er errangen nur Jim Clark (25) und Juan Manuel Fangio (24). Doch Clark ist tödlich verunglückt, Fangio fährt nicht mehr.

So energisch wie Stewart Rennen fährt, betreibt er auch seinen Gelderwerb. Der US-Public-Relations-Gesellschaft McCormick hilft er, für Produkte vom Whisky bis zum Rasierwasser zu werben. Am Genfer See besitzt er eine 12-Zimmer-Villa, umgeben von 28 000 Quadratmeter Park. Seine Beatle-Mähne pflegt ein Pariser Haarstylist.

Die Grand-Prix-Fahrer wählten ihn zu ihrem Sprecher. Sofort setzte der Star feuerfeste Rennanzüge und besser gesicherte Kurse durch: »Die Pisten sind um 35 Jahre älter und die Wagen um 35 Jahre schneller geworden.«

Stewart selbst erlitt mehrere schwerere Unfälle. Im belgischen Spa lag er einmal 35 Minuten eingeklemmt mit gebrochenem Schlüsselbein und angeknacksten Rippen in ausgelaufenem Benzin. Zwei ebenfalls gestürzte Fahrer retteten ihn vor dem Feuertod.

Doch Stewart fuhr weiter. Die Industrie bemühte sich durch Sonderleistungen um den Star der Formell-Klasse (Jargon: Vollgasbranche). Ford-Cosworth konstruierte zwei Motoren, die anfangs nur Stewart zur Verfügung standen und deren Konstruktionspläne geheim blieben. Als Konkurrenten behaupteten, sie seien stärker als die zulässigen Drei-Liter-Motoren. ließen Verbandsobere die Maschinen überprüfen -- sie fanden nichts.

So viel aber sickerte durch: Obwohl es nur Achtzylinder-Motoren im Gegensatz zu den von Ferrari benutzten Zwölfzylinder-Maschinen waren, erreichten sie fast ebenso hohe Tourenzahlen wie die italienischen. Freilich durfte Stewart das Höchsttempo nur in der ersten Hälfte des Rennens ausfahren. Doch dann besaß er meist genügend Vorsprung und erreichte mit vermindertem Tempo als erster das Ziel.

Mit ähnlichem Kniff sicherte sich McLaren die Vorherrschaft in der Can-Am-Serie. Während die Rivalen die Trainingstage dazu verwandten, ihre Wagen in Gang zu bringen, sicherten sich McLaren- Renner durch Trainings-Zeiten die besten Startplätze.

Das brachte den Fahrern nicht nur 2500 Dollar Prämie, sondern auch die oft entscheidende Führungsposition ein. Meist vermochten nur noch Defekte die Führenden am Sieg zu hindern.

Auch als Bruce McLaren bei Testfahrten tödlich verunglückte, siegten seine Wagen weiter. So streiten nur noch der New Yorker Peter Revson und der Neuseeländer Dennis Hulme um die Jahresprämie von 50 000 Dollar.

Stewart sieht sogar seinen dritten Platz durch den Schweizer Jo Siffert bedroht, der freilich mit einem Fünf-Liter-Porsche gegen McLaren- Renner ebensowenig auszurichten vermag.

Für seine Söhne steuert Stewart (Jahresverdienst: 1,5 Millionen Mark) ein anderes Berufsziel an: »Die sollen einmal Berufsgolfer werden, da verdienen sie auf gefahrlosere Art das Doppelte.«

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