SIEGER Null Inhalt, immer präsent
Auf diesen Mann war Deutschland nicht vorbereitet. »Von Null auf Gold«, so jubelte »Bild«, nachdem Martin Buß, 25, Anfang August im kanadischen Edmonton unverhofft den Weltmeistertitel im Hochsprung geholt hatte. Als »schrägen Überflieger« feierte das Blatt den Shooting-Star der Leichtathletik.
Ein neuer Held?
Monate später sitzt Buß auf der weißen Wohnzimmercouch im Berliner Eigenheim und macht ein trauriges Gesicht. Von großen Werbeverträgen hatte er geträumt. Doch nichts geschah. »Irgendwas ist schief gelaufen«, sagt Buß.
Auch auf diese Frau war Deutschland nicht vorbereitet. »Unsere neue Franzi«, so staunte die Berliner »BZ«, nachdem es die Schwimmerin Hannah Stockbauer, 19, vergangenen Juli in Fukuoka, Japan, zur Weltmeisterschaft über 800 und 1500 Meter gebracht hatte. Ein Vergleich, der adelt.
Eine neue Heldin?
Monate später sitzt Stockbauer in der elterlichen Küche in Nürnberg und krault sich den Bauch. Neulich hat sie bei einer Benefiz-Veranstaltung dem Kanzler die Hand geschüttelt. Ihren VW Lupo hat sie gegen einen Mercedes getauscht. »Ist gut gelaufen«, sagt sie.
Als Hannah Stockbauer und Martin Buß innerhalb von zwei Wochen Weltmeister wurden, hatten sie eine Menge gemein. Vorher waren sie nur einem Fachpublikum ein Begriff. Nachher wurden sie als Hoffnungsträger des deutschen Sports gehandelt.
Heute trennen die Newcomer Welten. Während Stockbauer bald einen großen Sponsorenvertrag unterzeichnen soll - auf 300 000 Mark taxiert das Management ihren Wert -, hat Buß den Kampf um Geld und Glamour verloren.
Am kommenden Freitag wird der Unterschied besonders deutlich. Bei der ARD-Gala »Victoria« blickt der Sport auf die Höhepunkte des ausklingenden Jahres zurück. Stockbauer ist mit Eisschnelllauf-Beauty Anni Friesinger, Rallye-Fahrerin Jutta Kleinschmidt, Skiläuferin Martina Ertl und Fußball-Profi Doris Fitschen für den ersten Platz nominiert. Sie hat gute Chancen, zu gewinnen.
Martin Buß wurde nicht einmal eingeladen. Das mag überraschen, weil der Hochsprung innerhalb der Leichtathletik zu den angesehenen Leibesertüchtigungen zählt. Ehemalige Asse wie Olympiasieger Dietmar Mögenburg und Weltrekordler Carlo Thränhardt gehörten in den achtziger Jahren zur Hautevolee des Sports.
Dass ein Hochsprung-Weltmeister auf dem Werbemarkt mit einer Schwimm-Weltmeisterin heutzutage nicht mithalten kann, verdeutlicht die verschärften Bedingungen in einem Geschäft, das sich immer weniger an der puren Leistung orientiert.
Wer es jetzt zum Star bringen will, der muss sich in die Spaßgesellschaft einreihen. Nicht der Besuch im braven »ZDF-Sportstudio« - ehedem der Ritterschlag für jeden Aktiven - führt in die vermarktbare Popularität, sondern der Tanz über den Boulevard. Athleten, die nicht in die Lärmkultur von Naddel bis Harald Schmidt passen, fallen, wie Buß-Manager Thorsten Herbrand klagt, »gleich durchs Raster«.
Dass Stockbauer den stillen Familienvater Buß fix abhängte, ist insofern nur logisch. Denn als es darum ging, die Goldmedaillen zu versilbern, legte sie ein Tempo vor wie einst Verona Feldbusch bei der geschäftlichen Ausbeutung ihrer Kurzehe mit Dieter Bohlen. Kaum war die Gymnasiastin bei der WM als Siegerin aus dem Becken gestiegen, verkündete sie unverblümt, »kein Problem mit dem Nacktsein« zu haben. Sie würde sich »jederzeit für den 'Playboy' ausziehen«. Das genügte.
Seither rollt die PR-Welle. Im September ließ Stockbauer für die Zeitschrift »Maxim« die Hüllen fallen. Zwar findet ihr Manager Erlfried König, Chef der Agentur ISMM im schwäbischen Erlenmoos, die vor seinem Mandat geschossenen Fotos »eher grenzwertig«. Geschadet haben sie dem nacktaktiven Teen jedoch nicht. »Aber hallo«, stöhnte die Hamburger »Morgenpost« beglückt - und druckte eines der Bilder gleich neben den Kontaktanzeigen.
Danach kam, was kommen musste: Stockbauer erhielt eine Einladung fürs Fernsehen. Sie setzte sich eine pinkfarbene Badehaube auf und blödelte für die Sendung »TV Total« in einem Pool mit Stefan Raab. Ab und an stellte der Moderator Fragen ("Kannst du auch Rücken kraulen?"), Stockbauer verstand nur Bahnhof und kicherte die ganze Zeit. Ein Trauerspiel.
Macht aber nichts. Dass Profi-Sportler bereitwillig für den Nachschub der Gaga-Gemeinde sorgen, gehört neuerdings zum Business. Berührungsängste gibt es kaum.
Die Box-Brüder Wladimir und Witalij Klitschko lassen sich von der »Bild«-Promi-Reporterin Katja Kessler interviewen und kaspern in Feldbuschs Banalshow »Einfach Verona«. Der Handballer Stefan Kretzschmar moderierte bis vor kurzem eine eigene Sendung für den Musikkanal MTV. Seine Freundin Franziska van Almsick pendelt meisterlich zwischen den Klatsch- und Sportseiten der Gazetten. Seit Monaten kündigt sie ihr Comeback im Schwimmbad an - und brilliert dann doch lieber als Model auf dem Laufsteg.
Der ökonomische Erfolg dieser Grenzgänger spricht sich herum. Immer mehr Athleten versuchen nun, sich über den sportlichen Erfolg hinaus »selbst zur Marke zu machen«, beobachtet Joachim Bacher, Sportwissenschaftler bei Emnid in Hamburg. Die Strategie, nach der die Kandidaten operieren, nennt der Marktforscher den »Jenny-Elvers-Effekt": null Inhalt, aber immer präsent.
Wie gut dieser Karrierebeschleuniger bisweilen funktioniert, erlebte die Boxerin Regina Halmich. Die Karlsruherin ist seit 1995 Profi und hat ihren Weltmeistertitel im Fliegengewicht mittlerweile 24-mal verteidigt. Das ist Weltrekord.
Interessiert hatte das trotzdem kaum jemanden. In ihrem Boxstall »Universum« war Halmich, 24, nach eigenem Urteil »nur eine Randerscheinung«. Pro Kampf bekam sie nie mehr als 20 000 Mark - eine Gage, für die ihre männlichen Kollegen wie Dariusz Michalczewski nicht mal die Handschuhe schnüren.
Im vorigen März nahm die Laufbahn der gelernten Rechtsanwaltsgehilfin dann eine spektakuläre Wende. Sie stieg mit Fernsehmann Raab in den Ring und brach dem hüftsteifen Metzger aus Köln-Sülz in Runde drei die Nase. »Eigentlich«, sagt Halmich, »sollte ich den Fight in meinen Kampfrekord aufnehmen.« Denn was um sie herum passiert, überrascht sie inzwischen selbst.
Erst drängte es auch den angejahrten Barden Jürgen Drews mit ihr ins Seilgeviert. Dann widmete »Bild« der Blondine eine ganze Serie ("Ich, die schöne Boxerin"), in der auch das Paarungsverhalten der Faustfechterin nicht ausgeklammert wurde: »Ich mag Männer in Leder.« Demnächst läuft in Wien sogar ein Musical über die Lebensgeschichte der Boxerin an.
Das Geschäft um Halmich boomt. Sie macht Werbung für ein »Sauerstoffwasser«, Sportkleidung und eine Sportlernahrung namens »Quicky«. Ihr Einkommen habe sich verdreifacht, sagt sie. Auf geschätzte 300 000 Mark im Jahr.
Die Hoffnung auf solche Karriereschübe hat Martin Buß aufgegeben. Zwischenzeitlich erwog der schnell verglühte Hochsprung-Heros aus Verzweiflung schon, Schauspielunterricht zu nehmen. Doch davon ist er nun ab: »Wenn ich zu langweilig bin, dann ist das eben so.«
Außerdem warnen Fachleute wie Bacher davor, die Gaga-Masche zu überspannen. »Daum-Effekt« nennt der Emnid-Mann den kritischen Moment, in dem sich das Publikum, genervt von der Show, wieder abwendet.
Wie schnell das gehen kann, das schwant derzeit Boxerin Halmich. Am übernächsten Wochenende wollte sie eigentlich in Braunschweig ihren Titel gegen die Rumänin Ramona Gughie verteidigen - die Veranstaltung in Niedersachsen wurde jedoch mangels Zuschauerinteresses abgesagt. GERHARD PFEIL