Olympia 2024: Lea Friedrich holt Silber im Bahnrad-Sprint - erst kotzen, dann rasen - DER SPIEGEL
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Bahnradsprinterin Lea Friedrich Erst kotzen, dann zu Silber rasen

Bahn-Sprinterin Lea Friedrich fuhr in der Qualifikation zum Weltrekord, bog ein dramatisches Halbfinale um, und verpasste dann Gold. Dennoch war sie »megastolz«. Schreckmoment des Tages: Der Sturz von Luca Spiegel.
Aus Paris berichtet Jonas Kraus
Lea Sophie Friedrich nach dem Rennen: »Megastolz«
Lea Sophie Friedrich nach dem Rennen: »Megastolz«

Lea Sophie Friedrich nach dem Rennen: »Megastolz«

Foto: Zac Williams / SWpix.com / SW Pix / IMAGO

Comeback: Zwei Läufe muss eine Bahnsprinterin für sich entscheiden, um in die nächste Runde einzuziehen. Wer also den ersten Durchgang verliert, steht unter maximalem Druck. Und genau das passierte der Deutschen Lea Sophie Friedrich, die den ersten Halbfinallauf im Fotofinish gegen die Niederländerin Hetty van de Wouw verlor.

Danach? Von Anspannung keine Spur.

Es war, als nähme sie an einer sonntäglichen Spazierfahrt teil und kämpfe nicht um Edelmetall im stickigen Vélodrome National de Saint-Quentin-en-Yvelines. Zweimal zog sie ihre Gegnerin ab, Friedrich stand im Finale. »Ich bin danach erst mal kotzen gegangen, weil ich alles gegeben habe, um in das Finale zu kommen. Entweder macht man sich verrückt und verliert die Nerven oder man behält sie. Das ist ein ganz schmaler Grat. Ich habe es geschafft, sie zu behalten«, sagte sie nach dem Rennen.

Lea Friedrich im Halbfinale gegen Hetty van de Wouw

Lea Friedrich im Halbfinale gegen Hetty van de Wouw

Foto: Erik S. Lesser / EPA

Die armen Muskeln: Die Kehrseite dieses Comebacks: Drei Läufe kosten Kraft, der 200 Meter lange Sprint ist eine Maximalbelastung bei Geschwindigkeiten von mehr als 70 Kilometern pro Stunde. Friedrichs Finalgegnerin Ellesse Andrews aus Neuseeland setzte sich im Halbfinale glatt in zwei Durchgängen durch. Sie konnte zwar nicht die Beine hochlegen (Bahnradler verbringen die Zeit zwischen zwei Durchgängen auf dem Rollentrainer, um die Muskulatur warmzuhalten), aber sie konnte sich schonen. Rächt es sich für Friedrich, dass sie drei Durchgänge benötigte?

Ergebnis: Ja, in diesem Fall schon. Friedrich und Andrews fahren ungefähr auf einem Niveau, aber dieses Mal war gegen die Neuseeländerin nichts auszurichten. Andrews gewann beide Läufe deutlich. Wie stark Friedrich ist, sahen aber alle. Schon in der Qualifikation war sie in 10,029 Weltrekord gefahren. Lesen Sie hier den Bericht.

Olympische Spiele 2024
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Paris2024

Dabei sein ist alles!?

Vom 26. Juli bis zum 11. August kämpfen in Paris Athletinnen und Athleten aus aller Welt um Bronze, Silber und Gold. 329 Goldmedaillen in 32 Sportarten gibt es zu gewinnen, für Deutschland gehen 427 Sportler an den Start.

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Warten auf Gold: Das verpasste Gold ist bitter für die 24-Jährige, einerseits. Sie ist achtfache Weltmeisterin, besonders im Teamsprint zusammen mit Emma Hinze galt sie als Topfavoritin. Aber auch in den anderen Disziplinen will eine derart hochdekorierte Athletin am liebsten Gold gewinnen. In Tokio wurde es Silber im Teamsprint, in Paris Bronze. Im Keirin gelang Friedrich wenig, mit »ordentlich Wut im Bauch«, sei sie deshalb in den Sprint gegangen. Dort holte sie nun Silber. Es ist ihre dritte olympische Medaille, aber die ganz großen Triumphe wie bei Weltmeisterschaften bleiben aus.

Nichts zu holen: Das gilt auch und vor allem für Hinze, ebenfalls achtfache Weltmeisterin. Ihr gelang nach Bronze im Teamsprint keine Medaille mehr, im Sprint wurde sie am Sonntag Sechste. Nach Tokio, wo sie ebenfalls Gold verpasst hatte, damals als Topfavoritin, wirkte sie angegriffen. Dieses Mal gefasster.

Emma Hinze wurde Sechste am Sonntag

Emma Hinze wurde Sechste am Sonntag

Foto: Jan Woitas / dpa

Stolz: Friedrich indes wirkte trotz des verpassten Golds mächtig beschwingt. Mit einer Fahne der olympischen Ringe radelte sie nach dem Rennen durch das Oval. »Megastolz« sei sie auf ihre Leistung. Sie habe ihr Bestes gegeben. Lange umarmte sie ihre Eltern, als sie über sie sprach, brach Friedrich in Tränen aus. Die Eltern hätten ihr so viel ermöglicht, sie unterstützt, als sie zu Hause auszog, um zur Weltklassefahrerin aufzusteigen. Es waren Tränen der Dankbarkeit.

Ehre, wem Ehre gebührt: Die Medaille bekam Friedrich übrigens von Martin Fourcade um den Hals gehängt. Einem der größten Biathleten der Geschichte und fünffachen Olympiasieger. Womöglich konnte er Tipps geben, wie es klappt mit Gold.

Vorbild Vogel: Friedrich hätte zur ersten Sprint-Olympiasiegerin seit Kristina Vogel werden können. Die gewann 2016 in Rio, seit einem Trainingssturz sitzt sie im Rollstuhl, auch sie war in der Halle als TV-Expertin. Friedrich orientiert sich an Vogel, schaut sich viel von ihr ab. Vogel wurde noch eine besondere Ehre zuteil, sie eröffnete am Sonntag den Wettkampftag. Sie bekam riesigen Applaus.

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Deprimierend: Alles in allem schnitten die Radfahrer und Radfahrerinnen aber enttäuschend ab. Dass auf der Straße, mit dem Mountainbike oder BMX wenig möglich ist, war eingepreist. Aber auf der Bahn schlug Team Deutschland schon immer zu. Dieses Mal konnte der Vierer der Frauen nichts ausrichten, nach dem Rücktritt von Lisa Brennauer  sind die Olympiasieger von Tokio kein Team mehr, das um Gold mitfährt. Und weil auch Hinze und Friedrich ohne Gold blieben, stand das schlechteste Abschneiden seit 1968.

Nicht mehr top: Das wird zu Diskussionen führen. Der Sport hat sich in den vergangenen Jahren enorm entwickelt, bei Olympia purzelten die Weltrekorde, die anderen Länder haben aufgeholt und mittlerweile auch moderne Bahnradstrecken. Es wird (noch) mehr investiert und getan werden müssen.

Schreckmoment. Aber es kommen gute Leute nach, wie etwa der 20 Jahre alte Luca Spiegel. Der kam überraschend ins Keirin-Halbfinale, dort knallte er nach einer Kollision hart auf den Boden. Beim Keirin geht es immer etwas härter zu, aber der Sturz sah übel aus. Spiegel blieb liegen, Betreuer stürmten zu ihm, die Zuschauer stöhnten und schwiegen. Dann aber schüttete sich Spiegel, stand auf, winkte ins Publikum. Das Trikot zerrissen, der Rücken gerötet.

Luca Spiegel nach seinem Sturz

Luca Spiegel nach seinem Sturz

Foto: Gvg / Photo News / IMAGO

Gute Laune: »Nichts passiert«, sagte er später und lächelte. Er stieg danach sogar noch mal aufs Bahnrad und wurde noch Neunter. Dass er und alle anderen Fahrer diese Stürze bei den enormen Geschwindigkeiten im Oval unbeschadet überstanden, war die wohl beste Nachricht von den Radwettbewerben am letzten Tag dieser Spiele.