Nachruf auf Leichtathlet Józef Szmidt Er sprang in eine andere Dimension und floh in eine andere Welt
Dreisprung-Doppel-Olympiasieger Józef Szmidt in Tokio 1964
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Der Dreisprung ist eine komplizierte Sportart. Hop, Step, Jump. Eigentlich bestrebt es den Menschen, nach einem Sprung zur Landung anzusetzen. Stattdessen muss man weiterspringen. Nicht verharren. Es ist ein Bild, das zum Leben von Józef Szmidt passt.
Szmidt, am Dienstag im Alter von 89 Jahren gestorben, war der Beste seiner Zeit. Zweimal gewann er olympisches Gold, 1960 in Rom, 1964 in Tokio. Weltmeisterschaften in der Leichtathletik gab es damals noch nicht, es gibt keinen Zweifel, dass er sonst auch dort abgeräumt hätte.
17,03 Meter bei der Meisterschaft
Als erster Mensch sprang er über die damals magische 17-Meter-Marke. Bei den polnischen Meisterschaften in Olsztyn, dem früheren Allenstein, setzte er seinen Dreisprung erst bei 17,03 Metern in den Sand. Die Stadt verlieh ihm dafür 50 Jahre später die Ehrenbürgerwürde.
Hop, Step, Jump: Szmidt beim Olympiasieg 1964
Foto: Rolls Press / Popperfoto / Getty ImagesSzmidt war ein Sportheld in Polen. Dass er sowohl bei der Europameisterschaft 1958 in Stockholm als auch bei seinen Olympiasiegen Gold vor sowjetischen Springern errang, haben sie in Polen gefeiert. Oleg Rjachowski, Wladimir Gorjajew, Witold Krejer, Oleg Flodossejew, Wiktor Krawtschenko – die Sowjets schickten eine ganze Armada von Klassespringern ins Feld, am Ende hatte immer Szmidt die Oberhand.
Rekord im letzten Versuch
In Tokio übertraf er die bisherige Bestmarke im letzten Versuch und sprang mit 16,85 Metern einen neuen olympischen Rekord. Erst der große Viktor Sanejew beendete die Dominanz des Polen und prägte eine eigene Ära: dreimal Olympiagold nacheinander für den Sowjetrussen, von 1968 bis 1976.
Sanejew war es auch, der den Weltrekord von Szmidt nach acht Jahren Bestand pulverisierte. Beim olympischen Wettkampf in der Höhe von Mexiko wurde die Bestmarke in einem einzigen Wettkampf fünfmal überboten: 17,10 Meter, 17,22 Meter, 17,23 Meter, 17,27 Meter, 17,39 Meter.
Aber Szmidt hatte auch eine Geschichte abseits des Sports. Es gab in den Achtzigerjahren einen Roman, »Der Mauerspringer«, und wenn man so will, ist der Weltklasse-Dreispringer Józef Szmidt ein Mauerspringer gewesen. Einer, der sich mit der Teilung in West und Ost, mit dem Eisernen Vorhang quer durch Europa nicht abfinden wollte. Sein Leben ist auch ein Spiegel europäischer Geschichte.
Geboren als Josef Schmidt
Geboren wurde er 1935 als Josef Schmidt in Schlesien, damals Teil des Deutschen Reiches. Als die Nazis ihren mörderischen Krieg verloren und Schlesien an Polen fiel, wurden Schmidt und seine Familie zwar nicht vertrieben, wie es hunderttausend anderen Deutschen ging. Im oberschlesischen Industrierevier wurden Arbeitskräfte gebraucht.
Und noch einmal Tokio 1964: Szmidt springt zu Gold
Foto: The Asahi Shimbun / Getty ImagesAber die Familie wurde polonisiert, sie mussten ihre Namen ändern, aus Josef Schmidt wurde Józef Szmidt, aus seiner Schwester Ingeborg wurde Irene. Józef Szmidt war mit zehn Jahren plötzlich Pole, er sprach aber kein Wort Polnisch.
Es war der Sport, der die Familie in ihrer eigenen Heimat integrierte. Bruder Edward, eigentlich Eberhard, war als Sprinter schon Olympiateilnehmer in Melbourne 1956 gewesen. Er nahm seinen jüngeren Bruder mit zur Leichtathletik. Szmidt probierte sich auch im Sprint, dann entdeckte er den Dreisprung. Es wurde seine Welt. Solange er im Sport erfolgreich war, war er mit Polen versöhnt und Polen mit ihm. Zweimal wurde er der Sportler des Jahres. In den Jahren, in denen er Olympiagold gewann.
Aus mit allen Privilegien
Aber als er seine Karriere beendete und in einem Interview ausplauderte, dass er nicht gedenke, zur Wahl des Sejm zu gehen, weil er keine großen Sympathien für das kommunistische Regime in Warschau übrig habe, war es mit dem Ruhm vorbei. Sein Name fand in der Öffentlichkeit fortan keine Erwähnung mehr, auf Privilegien, wie sie andere Sportler im Ostblock genossen, durfte er nicht mehr hoffen.
Szmidt stellte darauf einen Ausreiseantrag, um nach Westdeutschland überzusiedeln. Abgelehnt, das System zeigte Szmidt seine harte Seite. Aber 1975 kam seine Chance. Er schmuggelte sich in eine Fandelegation, die zum Fußball-EM-Qualifikationsspiel der Polen nach Amsterdam fuhr.
Sein Siegsprung in Rom 1960
Foto: AP / picture allianceEs war die Glanzzeit der polnischen Fußballnationalmannschaft: Robert Gadocha, Kazimierz Deyna, Grzegorz Lato, Andrzej Szarmach, der Torwart Jan Tomaszewski. Heute wären sie Weltstars. In der Heimat hatten sie nach der WM 1974 den Höhepunkt ihrer Popularität erreicht, auch im Ausland sollte diese Mannschaft ihre Unterstützung erfahren, also wurden die Fankontingente aufgestockt.
Schikanen für die Familie
Szmidt fuhr mit in die Niederlande, dort setzte er sich ab und reiste in die Bundesrepublik. Von Polen über die Niederlande nach Deutschland. Hop, Step, Jump.
Seine Frau war in Polen geblieben, um den Behörden im Vorfeld keinen Verdacht zu gewähren. Sie musste sich danach jeden Tag bei der Polizei melden, ihr wurde gedroht, das Sorgerecht für ihre Kinder zu verlieren. Darin waren sie gut, die Leute zu schikanieren.
Die Ausreise der Familie gelang erst später, in Lüdenscheid in Nordrhein-Westfalen traf die Familie Szmidt wieder zusammen, er bekam eine Stelle als Physiotherapeut, seine Frau erhielt eine Anstellung als OP-Schwester in derselben Klinik.
Rückkehr nach dem Mauerfall
Erst nach dem Fall der Mauer und dem Ende der kommunistischen Herrschaft kehrten die Szmidts in die Heimat zurück. Mit den Sportfunktionären wollte der zweifache Sportler des Jahres Polens aber nichts mehr zu tun haben. Er zog sich mit seiner Familie auf einen Bauernhof zurück, züchtete Ziegen und erntete Obst. Wenn er zu Veranstaltungen eingeladen war, auf denen auch Politiker zu Gast waren, blieb er lieber zu Hause.
Nur die Ehrenbürgerschaft von Olsztyn, die hat er gern angenommen. Der Ort, an dem zum ersten Mal auf der Welt ein Mensch über 17 Meter gesprungen war.
Anmerkung der Redaktion: Eine frühere Version des Texts wies einige Fehler auf, so war das Geburtsdatum nicht mit 1935, sondern mit 1936 angegeben. Auch die Namen seiner Geschwister waren nicht korrekt. Wir haben dies korrigiert und bitten um Entschuldigung.