Preiswerte Profis - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 60 / 97

Schach Preiswerte Profis

Russische Schachspieler haben deutsche Turniere als lukrative Devisenquellen entdeckt. Die einheimischen Profis sehen ihre Pfründe in Gefahr.
• aus DER SPIEGEL 33/1991
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es klingelte an der Tür, als Schachgroßmeister Artur Jussupow in seiner Moskauer Wohnung die Geldscheine durchzählte, die er bei einem Turnier in München als Preisgeld gewonnen hatte.

Junge Burschen standen draußen. Erst zeigten sie Polizeiausweise, dann zogen sie Messer und eine Pistole. An Jussupow vorbei stürmten sie in die Wohnung. Ein Schuß traf ihn.

Sie fesselten ihn, rafften das Geld zusammen und verschwanden mit zwei Computern, einem Kopiergerät und einem Plattenspieler. Den Schwerverletzten ließen sie liegen.

Daß die Räuber einen Komplizen im staatlichen Sportkomitee oder beim Zoll hatten, halten Jussupows Freunde für wahrscheinlich. Erst am Vorabend war der Schachprofi aus München zurückgekehrt, am Flughafen hatte er seine Devisen vorzeigen müssen, und noch am selben Tag wollte er pflichtgemäß die Hälfte beim Sportkomitee abliefern und die andere Hälfte auf sein Konto einzahlen. Seine Freunde scherzten bitter: »Sie kommen schon ins Haus, um sich das Geld zu holen.«

Die Täter wurden nicht ermittelt. Jussupow: »Vielleicht wollte man sie nicht finden.« Nach dem Überfall entschloß sich der frühere Jugendweltmeister und dreifache WM-Kandidat, der unter den Top Ten der Weltrangliste rangiert, nach Deutschland überzusiedeln: »Dort fühle ich mich sicher, und das ist das Wichtigste.«

Jussupow, 31, der mit seiner Frau Nadja ins bayerische Bad Wiessee gezogen ist und seit vergangenem Sonntag in Brüssel das Viertelfinale der Weltmeisterschaft bestreitet, ist der beste einer russischen Legionärsschar, die von Oktober an in der deutschen Schachbundesliga spielt. Von 38 Ausländern stammen 21 aus der Sowjetunion - ihre Zahl hat sich gegenüber dem Vorjahr verdreifacht.

Mehrere Schachklubs haben für ihr erstes Brett einen Russen aufgeboten, die Spitzenduelle machen die Gastspieler somit oft unter sich aus - etwa wenn der von Frankfurt engagierte Alexander Chalifman auf die Koblenzer Nummer eins Michail Gurewitsch trifft.

Der Kölner Immobilienmakler und Schachmäzen Wilfried Hilgert hat für den Porzer Schach-Klub gleich zwei Sowjetprofis engagiert: Rafael Waganjan, der die vorletzte Meisterschaft der Sowjetunion gewann, und Michail Tal, einen früheren Schachweltmeister. Nur noch gelegentlich kehrt der mit Frau und Tochter inzwischen am Rhein ansässige Tal nach Riga zurück.

Auch Klubs niedrigerer Klassen lassen Russen spielen. Der Lübecker Schach-Verein (zweite Bundesliga) kann sich den Spitzenspieler Oleg Romanischin leisten, die drittklassigen Hamburger Schachfreunde Sasel gönnen sich sogar drei Russen.

Das Reservoir ist schier unerschöpflich. 50 der 100 weltbesten Spieler leben in der Sowjetunion, nur 4 Deutsche zählen zu dieser Elite. Von den weltweit 250 Aktiven, die sich aufgrund ihrer Erfolge mit dem Titel eines Großmeisters schmücken dürfen, haben mehr als ein Drittel einen sowjetischen Paß.

Das Überangebot an Spitzenspielern - allein Schachförderer Hilgert mußte zwei Dutzend sowjetischen Bewerbern absagen - drückt auf die Preise: So billig wie sowjetische Spieler, von denen viele nur 600 bis 800 Mark für ein Bundesligawochenende bekommen, sind andere Profis nicht zu haben. Die meisten Russen reisen etwa einmal pro Monat zum Bundesligatermin an. Allen wird freie Unterkunft an den Spieltagen gewährt, Reisekosten müssen viele jedoch selbst tragen. Das schaffen sie nur, weil sie die Tickets mit Rubel bezahlen können. Sie kommen mit Aeroflot oder auch mit der Bahn; dann sind sie länger auf Achse als am Spielort.

Da jeder Bundesligaklub nur drei Ausländer verpflichten und zwei einsetzen darf, haben sich devisenhungrige Sowjetprofis auf sogenannte Offene Turniere spezialisiert, an denen jedermann teilnehmen kann, vom patzenden Amateur bis zum weltweit bekannten Meister. Diese Turniere sind vielen westlichen Spielern wegen der vergleichsweise niedrigen Geldpreise (100 bis 5000 Mark) nicht lukrativ genug.

Die Russen rechnen anders. Jussupow: »In Moskau werden auf dem Schwarzmarkt für eine Mark 20 Rubel gezahlt. Der Durchschnittslohn liegt bei 300 Rubel im Monat. Mit 1000 Mark Preisgeld aus einem Offenen Turnier hat man deshalb für lange Zeit ausgesorgt.«

Zu den Turnieren melden sich um die 20, gelegentlich 50 oder sogar noch mehr sowjetische Spieler an. Jüngst reisten Georgier 3000 Kilometer weit von Tiflis nach Baden-Baden und gewannen dort die ersten fünf Preise.

Die Russen-Flut stoppte den Trend der Veranstalter, die Gewinne zu erhöhen, um starke Spieler anzulocken. Startgelder werden kaum noch geboten. Unter den Deutschen wächst deshalb der Unmut. Einige Schachfunktionäre erwägen eine Art Quotenregelung für die russischen Teilnehmer.

Manche Russen nehmen sogar Geld dafür, daß sie ihren Gegner gewinnen lassen. Dazu der Frankfurter Großmeister Eric Lobron: »Die Hemmschwelle, für 200 Mark eine Partie zu schieben, ist niedriger als bei westlichen Spielern.«

Jede Mark ist willkommen, denn längst leben Schachspieler in der Sowjetunion nicht mehr so privilegiert wie früher. Ihr Staatsgehalt ist kaum noch höher als das Durchschnittseinkommen, zusätzliche Einnahmen, etwa bei Turnieren im eigenen Land, sind spärlich.

Viele scheuen derzeit noch den Wechsel in den Westen, weil sie in der Sowjetunion billiger leben können. Sogar die Geldanlage ist rentabler. Jussupow: »Für 10 000 Dollar kann man sich in Moskau eine vorzügliche Wohnung kaufen, die in Deutschland zehnmal soviel kosten würde.« Aber in der sowjetischen Metropole und andernorts ist es gefährlich geworden, als Privilegierter aufzufallen. Jussupow: »Die Bandenkriminalität ist ein großes Problem.«

Zudem hat sich die Versorgung derart verschlechtert, daß es sich auch mit Deviseneinnahmen beschwerlich lebt. Jussupow rechnet deshalb mit einem weiteren Zustrom von Ost nach West: »Wer eine Chance sieht, wird sie nutzen.«

Zur Ausgabe
Artikel 60 / 97

Mehr lesen über