Querpässe per Mausklick - DER SPIEGEL
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FUSSBALL Querpässe per Mausklick

Die Bundesliga ist im Computerzeitalter angekommen. Mittels Hightech analysieren Trainer ihre Gegner. Künftig sollen Mikrosender als Werkzeug dienen.
Von Jörg Kramer
• aus DER SPIEGEL 49/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn der Fußballtrainer Wolfgang Wolf am kommenden Samstag nach dem Auswärtsspiel des VfL Wolfsburg bei Hertha BSC Berlin im Mannschaftsbus sitzt, kann er schon eine CD-Rom mit laufenden Bildern der Partie in seinen Laptop legen. Noch während der Heimfahrt erhält er, wenn er es so bestellt, eine E-Mail der Dortmunder Gesellschaft Sports Analytics, die einen Datencode übermittelt. Mit dessen Hilfe kann der Wolfsburger Coach auf Tastendruck etwa alle Eckbälle filtern oder alle Fehlpässe seines Teams in der eigenen Spielhälfte.

Ebenso kann Wolfs Bremer Kollege Thomas Schaaf auf der Heimreise von der Partie bei Schalke 04 verfahren - auch der SV Werder ist Kunde des Dortmunder Analyse-Anbieters, der das Recht erwarb, in Bundesliga-Stadien eigene Kameras einzusetzen. Denn oft wünschen Abonnenten der Dienstleistung andere Perspektiven als die der handelsüblichen TV-Bilder.

Der technische Aufwand, mit dem die Fußballlehrer ihre Eleven in die Geheimnisse des Querpasses einweihen oder taktische Unzulänglichkeiten des Gegners anschaulich machen, wächst unaufhörlich. Die Nachfrage nach entsprechendem Rüstzeug steigt bei den Clubs wie der Bedarf an veritablen Torjägern. Studierten die Übungsleiter bis vor kurzem noch endlose Videobänder oder Statistiken über gewonnene Zweikämpfe einzelner Profis, nutzen sie heute rechnergesteuerte Sezierinstrumente zur Vorbereitung auf die nächste Mannschaftssitzung.

So kann Schalke-Trainer Frank Neubarth etwa seinen Stab beauftragen, mit dem vom Club gekauften Computersystem namens »Enterprise« alle Kopfballduelle des Uefa-Cup-Gegners Wisla Krakau zusammenzuschneiden. Auch Neubarths Vorgänger Huub Stevens, ein echter Analyse-Junkie, nutzt diese Software weiter - sein heutiger Club Hertha BSC zählt ebenfalls zu den Abnehmern des 20 000 Euro teuren Produkts des Düsseldorfer Unternehmens MasterCoach International. Mit diesem Werkzeug könnte er seinen Spielern auch schon zur Halbzeit in der Kabine per Mausklick alle Stellungsfehler der Verteidigung vorführen.

Die MasterCoach-Programme, gemeinsam mit der Sporthochschule in Oslo und dem ehemaligen norwegischen Nationalcoach Egil Olsen entwickelt, wurden von bislang fünf Bundesligaclubs und je drei österreichischen und schweizerischen Erstligisten erworben. Die können jetzt selbständig Videosequenzen in den Computer einspielen und - nach Merkmalen wie Ballgewinn sortiert - auf Festplatte speichern. Zeit raubendes Vor- und Zurückspulen entfällt bei der Analyse. »Eine wahnsinnige Vereinfachung«, meint Helmut Schulte, der zuständige Ressortchef bei Schalke.

Der FC Basel etwa sucht mit dem System die Gegner in der Champions League nach Löchern in der Deckung ab. Andere Clubs fertigten schon mit derselben Technik Spielerprofile von zum Verkauf stehendem Personal. Selbst Fortuna Düsseldorf schaffte sich eine - allerdings preiswertere - Version des Programms an. In Ermangelung von TV-Bildmaterial müssen Studenten die Spiele der viertklassigen Elf jedoch zuerst mit der Digitalkamera aufnehmen.

Spät hat der deutsche Fußball das Computerzeitalter entdeckt. Die Bundesliga, sagt MasterCoach-Geschäftsführer Jens

Urlbauer, sei »halt etwas rückständig« - in

Sportarten wie Basketball oder Handball dagegen seien Trainer »den Umgang mit Notebooks längst gewohnt«.

Allerdings sei es auch bei den Fußballlehrern nicht mehr so, dass sie »nach der morgendlichen Übungseinheit den ganzen Tag nichts zu tun hätten«, sagt Geschäftsführer Markus Schulz von Sports Analytics.

Im Dienste der immer wissbegierigeren Kundschaft seiner Firma, mitgegründet von Coach Michael Henke, dem heutigen Co-Trainer bei Bayern München, sind jedes Wochenende 20 Sportstudenten im Einsatz sowie 6 feste Mitarbeiter, alle im Besitz einer Trainerlizenz.

Während der Weltmeisterschaft wurde auch Rudi Völlers Nationalelf von Dortmund aus mit Komplettanalysen der Gegner versorgt: Abwehrverhalten, Spielaufbau, Konterspiel - das Ganze komprimiert zu Vorführungen von nie mehr als 15 Minuten. Andernfalls, so die herrschende Trainer-Lehre, ermüden die Stars in der Sitzung.

Einmal, zwischen den beiden Entscheidungsspielen um die WM-Teilnahme gegen die Ukraine vor einem Jahr, wurde Völler-Assistent Michael Skibbe im Düsseldorfer MasterCoach-Büro vorstellig, um einen Spezialauftrag zu erteilen: Binnen weniger Stunden sollte für die Spielersitzung die Kopfballschwäche der ukrainischen Defensive aufgezeigt werden. Die so analysierten Defizite nutzten Michael Ballack und Kameraden dann schonungslos beim 4:1 im Rückspiel aus.

Oft müssen die Trainer den Analytikern zuerst ihre Kategorien erklären. Jeder habe etwa eine andere Ansicht, »bei welchem Mannschaftsteil das Abwehrverhalten beginnt«, erkannte Lieferant Schulz.

Bis zu 50 000 Euro zahlen Bundesligisten für die Dienstleistungen einer ganzen Saison. Zusätzlich beziehen die meisten noch Material von der Datenbank des Münchner Unternehmens Innovative Medientechnik und Planung (IMP), das Flanken, Pässe, Fouls und Torschüsse jeder Erstliga-Begegnung erfasst.

Meistens sähen sich die Trainer von der Informationsflut bloß bestätigt, sagt der Analyse-Pionier Henke: »Wir Trainer sind dennoch hungrig, alles zu erfahren. Nur darf man nicht jedes Detail auch den Spielern mitteilen.«

Den Wissensdurst der Fußballlehrer machen sich die Anbieter zu Nutze. So ersann die Karlsruher Cairos Technologies AG ein System, bei dem Mikro-Sensoren und -Sender in den Ball und in die Schienbeinschoner der Spieler eingebaut werden.

Einige hundertmal pro Sekunde funken die Peilsender ihre Position an bis zu acht Empfangsstationen am Spielfeldrand. So können sogar Daten über einzelne Körperbewegungen vom Computer ermittelt werden. Cairos-Vorstand Hanno Reinert: »Selbst die Sauerstoffsättigung im Blut ist mit Mikrochips messbar.«

Weiterer Nutzen der 7,5 Millionen Euro teuren Entwicklung: Abseitspositionen können aufgeschlüsselt werden, und auch die Frage, ob der Ball die Torlinie überschritten hat, wäre rasch geklärt. Der Schiedsrichter kann sich die Informationen direkt auf eine Art Armbanduhr funken lassen.

Hochfrequenztechniker des Fraunhofer Instituts für Integrierte Schaltungen in Erlangen basteln derzeit gemeinsam mit Münchner Sportwissenschaftlern an den Prototypen der Sender. Vom Sommer 2004 an sollen Mannschaften die Technik nutzen. Gerade wurde das Nürnberger Frankenstadion für Testmessungen verkabelt.

Der Nachteil: Die Ausrüstung kostet rund 250 000 Euro pro Spielfeld. Ob man »für so viel Geld wissen will, wie hoch ein Spieler springt«, fragt sich etwa der Analyse-Profi Schulz. Und Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge ist angesichts solcher Hightech-Offerten »in Sorge, dass wir zu gläsern werden«.

Ungeklärt sei zudem, zu welchen Schlüssen all die Auskünfte verleiten. »Wenn unser Giovane Elber im Spiel 6,3 Kilometer läuft und drei Tore schießt, zuletzt aber bei 7,5 Kilometern nicht getroffen hat«, fragt der Bayern-Boss, »soll ich ihm dann raten: Renn nicht so viel?« JÖRG KRAMER

* Bei Tests im Nürnberger Frankenstadion.

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